Warum Comics keine Graphic Novels sind

Was Comics können (Teil 1): Eine Einführung
(Montage: Fragmenteum)

(Montage: Fragmenteum)

Eine Ära ist zu Ende gegangen: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat im November 2014 ihren täglichen Comicstrip eingestellt. Nach vielen großartigen Geschichten wie Ralf Königs „Prototyp“ oder Flix‘ „Faust“ (und auch belanglos-geschwätzigem Müll wie Strizz, der ebenfalls seine Fans hatte) muss diese Form der Autorenförderung eingespart werden. (Nach Leserprotesten erscheint Strizz jedoch wieder.) Aber die bloße Tatsache, dass die konservative FAZ 14 Jahre lang Comics publiziert hat, zeigt, dass ein in der deutschen Kulturszene lange vernachlässigtes Medium salonfähig wird.

Ich schreibe: wird. Denn Comics haben in Deutschland längst nicht den Stellenwert wie etwa in Frankreich. Comics sind hier etwas für Kinder (Micky Maus) und pappengebliebene Nerds (Superhelden), Erwachsene lesen Asterix und Donald Duck höchstens noch auf dem Klo – und das nur zur Belustigung. Aber der Markt wächst. Vor allem im Bereich „Graphic Novel“. Das meint: gebundene Bücher mit düsteren Zeichnungen und reiferen Themen – Comics für Erwachsene. Der Begriff soll die Comics von ihrem schlechten Ruf als albernen Schund lösen. Novel – das klingt nach (gehobener) Literatur. Und genau das ist falsch.

Comics sind mehr als nur bebilderte Texte

Comics sind eine Form des Erzählens. Aber keine literarische. Auch wenn man sie zum Teil lesen kann, auch wenn sie sich der Schrift bedienen, auch wenn sie zu Büchern gebunden werden – das Comic hat mit der Tradition des Romans nichts zu tun. Seine Ursprünge sind bildlicher Art. Nach der mündlichen Erzählung ist die bildliche die älteste Form des Erzählens. Erst viel später kam die schriftliche. Und bis zur allgemeinen Alphabetisierung blieb das Bild auch die geläufigere Form. Das Volk konnte sich den Kreuzweg in den Kirchen in Bilderfolgen ansehen, bevor es lernte, in der Bibel zu lesen. Comics sind aber mehr als nur Text mit Bildern oder illustrierte Geschichten. Oft gehen Text und Bild eine gleichberechtigte Verbindung ein. Aber Comics funktionieren auch ganz ohne Text (andersherum geht es nicht). Diese visuelle Komponente ist die entscheidende, die gehorcht eigenen Gesetzen, bedient sich anderer Mittel. Auch wenn durch die schriftliche Komponente eine gewisse Ähnlichkeit zur Literatur gegeben ist, funktionieren Romane, Dramen und Gedichte ganz anders.

Kurzum: das Comic stammt nicht vom Roman ab. Vielmehr dient Novel hier als Metapher für eine gedruckte Geschichte, die umfangreich genug ist, um als Buch gebunden zu werden. Und nicht zuletzt ist das auch ein Verkaufsargument für eine bestimmte (elitäre) Zielgruppe. Graphic Novel und Comic – das verhält sich zueinander wie Roman und Groschenheft. Die Abgrenzung zeugt von dem Vorurteil, das Medium mit seinem Inhalt, den Boten mit der Botschaft zu verwechseln. Ja, die meisten Comics sind Schund. Aber das gilt für die meisten Romane auch. Auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten steht meist Reißerisches wie Krimis, Thriller oder historische Romane, oder Seichtes wie Romanzen. Thomas Pynchon findet man dort selten. Ebenso wird sich ein anspruchsvolles, weil hochkomplexes Comic wie Jimmy Corrigan nie so gut verkaufen wie die jüngsten Bände der Serie Batman (wobei die auch ziemlich gut ist).

Der Begriff „Graphic Novel“ schadet mehr als er nützt

Comics als Literatur zu bezeichnen, hat den Zweck, sie zu adeln – was aber im Umkehrschluss bedeutet, dass sie grundsätzlich Mist sind. Tut man das gleiche mit Filmen? Nein. Aber mit Fernsehserien. Breaking Bad, The Wire und House of Cards heißen dann „Quality TV“ oder man hört die neue, aber schon abgedroschene Phrase von den „Romanen des 21. Jahrhunderts“ – bitte nicht! Fernsehen und Comics sind die Medien, von denen die Hochkultur glaubt, ihr immer noch mit wohlklingenden Labels in ihrem Ansehen auf die Sprünge helfen zu müssen. In der Musik ist der Graben zwischen Elite und Pop längst ausgehoben und die beiden Bereiche in E und U geteilt – als ob Klassische Musik nicht unterhaltsam sein könnte (und müsste) und Popmusik nicht ernstzunehmen wäre (oder sein könnte), aber das argumentativ untermauern zu wollen, wäre vergebliche Mühe. Um gegen den Verdacht des Trivialen erhaben zu sein, heißt es: Wir schauen keine Serien, wir lesen keine Comics, sondern wir rezipieren filmische oder grafische Romane. Als ob das Label etwas an der Sache ändern würde.

Ein Faktor, der dazu beiträgt, Comics in die Nähe von Literatur zu rücken, ist die Adaption. Neuerdings kann man Kafka und sogar Proust als „Graphic Novel“ lesen. Nun sind Adaptionen nicht grundlegend verwerflich: das Kino hat schon immer Literatur als Vorlage benutzt, nicht immer erfolgreich, aber oft mit eigenständigen formalen Ansätzen, manchmal werden die Vorlagen sogar übertroffen. (Dennoch kommt niemand auf die Idee, diese Filme literarisch zu nennen.) Bei „Graphic Novels“ allerdings wirken Literaturadaptionen – allein wegen dieses Labels – wie Romane für Analphabeten, Zurückgebliebene, Kinder oder Lesemuffel. Wer keine Lust hat, sich durch tausende Seiten Proust zu kämpfen, kann auch zur bebilderten Schmalspurvariante greifen. Kluge Comic-Künstler sind sich dessen bewusst, dass bei Adaptionen etwas verloren geht und sie selbst etwas Eigenes machen. Aus Konsumentensicht wirken Comics aber wie Hilfsmittel, um Literatur bildungsfernen Schichten näher zu bringen. Und das schadet dem Ansehen des Mediums Comic.

Ein Begriff ohne Alternative

Ein Argument gegen den Begriff Comics ist, dass das Wort die Assoziation wecke, es handle sich dabei um komische Werke und das nicht auf alle zutreffe. Das Argument hinkt jedoch. Comic ist ein historisch bedingter und etablierter Begriff, für den es keine richtige Alternative gibt außer vielleicht Manga im Japanischen oder Bildergeschichte im Deutschen (wobei jetzt Verfechter der Sprechblasen einwenden werden, das sei ja ganz was anderes – aber da bin ich anderer Meinung). Mit der gleichen Begründung könnte man den Begriff Roman aushebeln, da es nicht mehr wie ursprünglich „in romanischer Volkssprache“ bedeute. Abgesehen davon haftete dem Roman  als nicht-kanonischer Gattung ebenfalls lange, nämlich bis zum 18. Jahrhundert, der Ruf der banalen Volksbelustigung an. Heute ist es andersrum: Der Begriff hört sich nach Goethe und Thomas Mann an und ist meistens bloß 50 Shades of Irgendwas. (Ebenso wenig trifft die englische Novel die ursprüngliche Bedeutung von „neu“.)

Der Comic-Pionier Will Eisner hat 1978 sein Buch A Contract With God „Graphic Novel“ genannt, damit sein Werk von potenziellen Verlegern ernst genommen wird. Dabei handelt es sich um keine große Erzählung, sondern um vier Erzählungen. Der Begriff wird also in mehrerer Hinsicht unscharf gebraucht. Selbst wenn ein Comic in gebundener Form erscheint, ist noch längst nichts über die Kohärenz seiner Geschichten gesagt. Der Begriff dient allein dem Marketing für bestimmte Zielgruppen. Die eigentliche Frage hinter der Debatte ist, wie Begriffe konnotiert sind. Wenn man Comics nicht per se als albern begreift, muss man auch nicht mehr von „Graphic Novels“ sprechen. Um es mit Alan Moore, einem der Urväter von „Graphic Novels“ (wie Watchmen), zu sagen: „The term ‚comic‘ does just as well for me.

In nächster Zeit wollen wir einen Beitrag dazu leisten, mit den Vorurteilen aufzuräumen und den begonnenen Aufstieg der Comics zu fördern. Wir wollen ein paar der interessantesten Beispiele vorstellen und dafür begeistern, was das Medium alles kann – nämlich viel mehr, als man ahnt. Neben Klassikern wollen wir auch immer wieder Neuerscheinungen besprechen (den Anfang haben wir schon im vergangenen Jahr gemacht).

13 Kommentare

  1. Schön geschriebener, weil präziser Artikel, der im Zweifel aber doch die Lebenswirklichkeit negiert. Soll es am Ende nicht darum gehen ideologisch Begriffe zu etablieren oder zu verwerfen, sondern Leser und Geschriebenes (bzw. Gezeichnetes) zusammenzubringen, helfen Schubladisierungen wohl. Ob man es nun literarischen Comic oder Graphic Novel nennt, der Leser von Tomine, Spiegelmann und Clowes ist nun mal in den seltensten Fällen der gleiche wie der von Snyder’s Batman. Ist es etwas bescheuert zwei Begriffe für das gleiche Medium zu verwenden? Ja, aber auch nicht auf Comic beschränkt, wie du richtig aufgeführt hast. GZSZ würde zum Beispiel kaum jemand als Serie, denn als Soap bezeichnen, eigentlich ein Genrebegriff. Und Begriffe wie „historischer Roman“ werden mittlerweile eher als literarische Güte-Kategorie denn als Genre verwendet oder im Zweifel als beides. However, natürlich steckt da auch ein Stück (Möchtegern-) Elitismus und manchmal unberechtigte Wertung mit drin, aber, großes ABER: Fake it till you make it. Nach ein paar Jahrzehnten großartiger TV-Serien und Comics wird niemand mehr das Gefühl haben müssen selbige durch neue Marketingworte aufwerten zu müssen. Bis es soweit ist, muss man doch froh sein, wenn die „Graphic Novel“ anspruchsvollen Comic-Artists mehr Leser bringen. Oder?

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