Das pralle Leben in Panels

Was Comics können (Teil 3): Ein Vertrag mit Gott von Will Eisner
Norton

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Kein Comic-Kanon kommt ohne den großen Will Eisner aus. Er ist so etwas wie der Godfather der modernen Bilderzählung: so originell sind seine Geschichten, so ausdrucksstark seine Zeichnungen, so geschickt seine Seitenarchitektur, dass seine Trilogie Ein Vertrag mit Gott zurecht als Klassiker gilt.

Ein Mietshaus sei wie ein Passagierschiff, das in einem Meer aus Beton vor Anker liege, heißt es in Ein Vertrag mit Gott. Das Panel, in dem das steht, zeigt einen Keller, gerahmt ist das Bild von einer Backsteinmauer. Wenn das Panel also einem Raum entspricht, dann gleicht ein Mietshaus auch einem Comic. Der Querschnitt durch ein Haus ergäbe eine Architektur aus Panels und in jedem trüge sich eine Geschichte zu.

Ungefähr so ist auch Ein Vertrag mit Gott aufgebaut. Will Eisner erzählt Mietshausgeschichten in Comicform. Er ist selbst in der Bronx aufgewachsen, hat viel erlebt, was er nacherzählen kann, und kennt das Leben dort so gut, dass er auch Stories erfinden kann, die sich dort ereignet haben könnten. Er macht das so gut, dass sein Buch von 1978 zu einem Klassiker geworden ist und mit seinen zwei Fortsetzungen (oder vielmehr Fortschreibungen) als Trilogie erscheint. Und es gilt als Comic, mit dem sich der Begriff „Graphic Novel“ etablierte. Allerdings nannte Eisner sein Werk nur deshalb so, um es großen Verlagen schmackhaft zu machen – allerdings vergeblich. Denn egal wie man sie nannte: Mit Comics war 1978 im Mainstream kein seriöses Buch herauszubringen.

Literarische Comics – ein Widerspruch in sich

Dabei war Will Eisner zu der Zeit kein Anfänger. Er hatte sich von 1940 bis 1952 einen Namen mit seiner Superhelden-Detektiv-Serie The Spirit einen Namen gemacht. Schon da hat er einige für das Genre neue Impulse gesetzt – formal als auch inhaltlich. Später arbeitete er an Gebrauchscomics. Doch der Künstler in Eisner verspürte den Drang, mehr aus dem Medium zu machen. Ende der 70er begann seine Zeit als Pionier des „literarischen Comics“ – auch wenn er diesen Begriff als Oxymoron (also als Widerspruch in sich) bezeichnet. (Denn was soll das auch sein? „Graphic Novels“ jedenfalls nicht …)

Obwohl Eisner selbst für Ein Vertrag mit Gott den Begriff der „Graphic Novel“ prägte, handelt es sich nicht um eine zusammenhängende Erzählung, sondern um vier einzelne, die Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre in der Bronx spielen. Die titelgebende Story erzählt von einem hilfsbereiten Juden, der aus Trauer um seine gestorbene Tochter zu einem skrupellosen Geschäftsmann wird. Die zweite („The Street Singer“) handelt von einem singenden Bettler, der unverhofft zu Geld und Anerkennung kommt, die dritte („The Super“) von einem einsamen Hausmeister, der von einem durchtriebenen Gör in den Selbstmord getrieben wird und die vierte („Cookalein“) von einem Ferienort, in dem die armen Stadtbewohner sich im Sommer einmieten, aber dort sich selbst versorgen, und in dem junge Menschen sich Partner zum Heiraten suchen, in der Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg.

Eisner beschreibt ein Milieu von fleißigen Arbeitern, denen das Geld gerade so zum Leben reicht, von Arbeitslosen in der Wirtschaftskrise, von Außenseitern, von desillusionierten und sexuell frustrierten Ehepaaren und den hoffnungsvollen Jungen, die sich wünschen, durch eine gute Partie den Fehler der Eltern nicht zu wiederholen. Es ist ein jüdisches Milieu, das Eisner beschreibt. Man ist gläubig und traditionell, bleibt unter seinesgleichen – und wenn nicht, kommt es zu Konflikten. Vor allem in Sachen Heirat.

Was macht den Menschen aus?

Die spielt eine große Rolle im zweiten Teil der Trilogie, A Life Force, das mehr den Charakter eines Romans hat als die titelgebende Sammlung. Protagonist ist der alte Schreiner Jacob, der nach fünf Jahren einen Auftrag für die jüdische Gemeinde beendet und sich nun in schweren wirtschaftlichen Zeiten einen neuen Job suchen muss. Nach einem kleinen Infarkt fragt er sich beim Betrachten einer Kakerlake in der Gosse, was der Sinn des Lebens sei und was den Menschen von der Schabe unterscheidet. Hat Gott den Menschen geschaffen oder war es andersherum? Letztendlich eint Mensch und Schabe, dass sie einen Überlebenstrieb haben – und damit sehr erfolgreich sind. Dennoch bleibt der Wunsch nach mehr als dem bloßen Überleben: „I don’t want to be a cockroach“, sagt Jacob einmal zu seiner Frau. Also fängt er eine neue Karriere mit einem eigenen Holzbetrieb an und knüpft wieder an einer alten Beziehung zu einer Frau seiner Jugend an.

Doch das Glück ist gefährdet: die Mafia leiht ihm Geld, tut ihm Gefallen und verlangt irgendwann unliebsame Gegenleistungen, die zu noch mehr Problemen führen. Zugleich will die Tochter einen Goj, einen Nichtjuden heiraten. Dieser muss wiederum nach dem Börsencrash sich wieder vom Laufburschen hocharbeiten. A Life Force beschreibt das Leben als eine chaotische Abfolge von Verwicklungen und Zufällen, in der sich der einzelne zurechtfinden muss. Manches Glück geht auf, anderes nicht, aber im Wesentlichen bleibt die Perspektive optimistisch.

Geschichte einer Nachbarschaft

Im dritten Teil der Trilogie, Dropsie Avenue, geht Eisner in die Vollen. Darin erzählt er den Wandel eines Viertels im Laufe eines Jahrhunderts. Von der Farm zur Mietshausgegend bis zur Einfamilienhaussieldung. Eine Abfolge sozialer Auf- und Abstiege, Familiendramen, Zu- und Wegzüge. Schicksalsschläge, Unternehmertum, Spekulation, Verbrechen, Wohltätigkeit, Gemeinsinn. Aber auch – und vor allem – Fremdenfeindlichkeit. Skepsis der Engländer gegenüber den Iren, die Christen gegenüber den Juden, dann die Italiener, die Hispanics und zum Schluss die Schwarzen und Gipsys. Die Neuankömmlinge treten stets in Konkurrenz zu den Ansässigen, verdrängen die alten Mieter, die Miete geht runter, die Häuser verkommen, ihr Wert fällt.

Dropsie Avenue ist ein Lehrstück in Sachen Gentrifizierung und Integration, allerdings verzichtet er darauf, die Handlung zu kommentieren oder zu moralisieren. Eisner fährt ein Großaufgebot an Figuren und Geschichten auf, ohne bei der überbordenden Fülle seinen roten Faden zu verlieren. „Maybe a neighborhood has a life cycle like people!“, sagt Abie Gold, eine der Hauptfiguren. Eisner zelebriert nicht nur das Leben, indem er es in seiner ganzen Breite darstellt. Jede seiner Figuren ist so lebensnah dargestellt und ausdrucksstark gezeichnet, dass aus jeder Figur ein Charakter wird und jeder in diesem Wechselspiel aus Tragik und Komik eine Hauptrolle bekommt. Alles wirkt bei Eisner in Bewegung, wie animiert, seine Panels sind so detailreich, wie sie sein müssen, um einen glaubhaften Eindruck von der Szenerie zu vermitteln; es hat den Anschein, als würden die Panels vor lauter Lebendigkeit, mit denen der Künstler sie auflädt, aufbrechen; die Übergänge ergeben sich oft organisch, also aus dem Kontext heraus: Da gehen die Flammen zwischen Panels ineinander über, da bildet aufsteigender Rauch die Grenze nach oben, da Bilden Bäume, Fensterrahmen und Mauern den Rand – und doch geht alles ineinander über, weil auch sonst in diesem Lebensschauspiel alles miteinander irgendwie zusammenhängt.

In seiner Trilogie zeichnet Will Eisner das facettenreiche Porträt einer Stadt und stellt mit dem Mikrokosmos eines Viertels den Makrokosmos der US-amerikanischen Gesellschaft dar. Sein New York, genauer gesagt die Bronx, besteht nicht aus totem Stein und Beton, sondern aus Menschen, sie ist beseelt. Was das über Eisner aussagt, bleibt jedem Leser selbst überlassen.

>> Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott, Carlsen (Originaltitel: A Contract With God).

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