Das Bändigen der Realität im Comic

Was Comics können (Teil 4): Maus von Art Spiegelman
Pantheon

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Art Spiegelmans Maus ist ein Comic, das das Kunststück vollbringt, dass Unfassbare in eine wirkungsvolle Form zu bannen. Es geht nicht nur um den Holocaust, sondern auch um die Bedingungen des Erzählens. Ein dichter und mehrschichtiger Klassiker.

„Reality is too complex for comics … so much has to be left out or distorted“, sagt Art Spiegelman zu seiner Frau während einer Autofahrt. – „Just keep it honest, honey“, rät sie. – „See what I mean … in real life you’d never have let me talk this long without interrupting.“ Denn die Szene ist nicht real, sie findet im Comic statt.

Es heißt ganz banal Maus – und zwar auch im amerikanischen Original in der deutschen Schreibweise. Wenn von „Graphic Novels“ die Rede ist, von den Pionieren der ernsthaften, ambitionierten Comics für Erwachsene, dann fällt neben Will Eisner auch der Name Art Spiegelman, der eng mit seinem Opus magnum Maus verknüpft ist. Der Künstler erzählt darin die Geschichte seines Vaters, eines polnischen Juden, der zusammen mit seiner Frau (Arts Mutter) den Holocaust überlebt hat. Doch das Buch ist mehr als bloß ein weiteres Dokument für das schrecklichste Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Seine Größe bezieht es daher, dass es nicht moralisiert und urteilt, überhaupt sehr distanziert berichtet und zugleich sehr menschlich bleibt, aber auch dass es darum geht, wie man so eine unerhörte Geschichte erzählen kann und soll. Den Künstler ist es gelungen, die Realität im Comic zu bändigen. Und zwar auf unorthodoxe Weise.

Die unkindlichste aller Comic-Maus-Geschichten

Der Held der Geschichte mag zwar der Vater, Vladek Spiegelman, sein, der geheime Held ist Art Spiegelman, der Sohn und Künstler, der seinen Vater interviewt, an seiner Rolle als Sohn verzweifelt und mit seinem Buchprojekt hadert. Man liest also zwei Geschichten: Die Erinnerungen des Vaters und das Making-of des Buches. Zugespitzt: wir sehen dem Buch bei seiner Entstehung zu. Oder noch pointierter: das Buch macht sich selbst.

Die erste Besonderheit der groben, fast holzschnitthaften Schwarz-weiß-Zeichnungen, ist die Gestaltung der Figuren: Die Juden sind hier Mäuse, die Deutschen Katzen. Eine Provokation, denn immerhin haben die Nazis den Völkermord an den Juden damit rechtfertigt, indem sie sie nicht als Menschen, sondern als Ungeziefer bezeichneten. Spiegelman aber macht durch seinen Kunstgriff die Mäuse wieder zu Menschen. Zudem weckt er mit seinen Comic-Mäusen Assoziationen, die an Disneys Micky Maus denken lassen, und untergräbt so das Vorurteil, dass Comics Kinderkram seien, indem er die wohl am wenigsten kindgerechte Mausgeschichte erzählt. Spiegelman bringt aber keine Tierfabel in dem Stil von George Orwells Animal Farm. Mäuse und Katzen sind eigentlich Menschen, nur erscheinen mit Tierköpfen. Dadurch wird dem Leser immer klar, mit wem man es zu tun hat. Tun die Juden so, als wären sie „normale“ Polen, tragen sie Schweinemasken.

Sachlichkeit und Doppelbödigkeit

Doch bei aller Scharade und Kunstwillen lässt Spiegelman nichts aus, beschönigt nichts an den Pogromen, an der Angst und dem Elend der Verfolgten, an den Mordfabriken von Auschwitz: Eine Mutter vergiftet ihre Kinder, damit sie nicht in die Gaskammer müssen. Ein SS-Mann packt ein schreiendes Kind an den Beinen packt und schlägt es mit dem Kopf gegen eine Mauer tot. KZ-Insassen werden gezwungen, Leichen zu verbrennen – und mit ihnen auch noch Lebende, die mit in die Gruben geworfen wurden. Dazu wird die Funktionsweise der Verbrennungsöfen von Auschwitz erklärt, veranschaulicht mit einer schematischen Zeichnung. Diese Sachlichkeit inmitten so viel Subjektivität wirkt erschreckender als jedes Drama.

Fischer Verlag

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Die Deutschen hätten darauf bestanden, alles ganz ordentlich zu machen, sagt einmal Vladek, der selbst einen Reinlichkeitsfimmel hat. Es ist die Beiläufigkeit, mit der Vladek seine Geschichte erzählt, die Maus einem so nahe gehen lässt. Vladek, der selbst die schlimmsten Auswüchse von Rassismus zu spüren bekommen hat, entlarvt sich selbst als Rassist, wenn er einen Afro-Amerikaner nicht per Anhalter mitnehmen will. Tiefe Abgründe tun sich auf, wenn am Ende des Auschwitz-Kapitels Art Spiegelman mit seiner Frau auf der Veranda sitzt und mit einem Spray Fliegen vergast. Diese Doppelbödigkeit macht das Buch so großartig.

Bei allem Ernst bietet die Rahmenhandlung auch einige comic reliefs: Besonders der kauzige alte Vater ist für einige Lacher gut. Er ist so geizig, dass er selbst an Streichhölzern und Draht spart, obwohl er viel Geld gespart hat, und treibt seine zweite Frau damit zur Verzweiflung. Sie bezichtigt er der Geldgier. Art Spiegelman beweist sich als genauer Beobachter und Meister der Charakterzeichnung. Man identifiziert sich mit ihm, der sich in seiner Doppelrolle als Sohn und Künstler überfordert fühlt, man gewinnt aber auch den Vater gern, weil man in ihm einen Menschen mit allen Vorzügen und Macken vorgeführt bekommt.

13 Jahre lang hat Art Spiegelmann an Maus gearbeitet, zwei Bände, insgesamt rund 300 Seiten geschaffen. Der Ruhm – unter anderem hat er dafür den Pulitzer-Preis bekommen – war auch immer verbunden mit Rechtfertigungsnöten: Warum der Holocaust? Warum ein Comic? Warum Mäuse? Weil der Künstler diese Fragen ein für alle Mal klären wollte, schrieb er MetaMaus (erschienen 2011), eine Art Making-of seines Klassikers (also ein Making-of des Making-ofs), in dem er über die Hintergründe der Entstehung informiert und Originalaufnahmen dokumentiert – aber auch wieder Comic-Passagen einfügt.

Warum also ein Holocaust-Comic mit Mäusen? Weil das Schrecklichste sich so leichter schlucken lässt. Leichter verdaulich wird es dadurch nicht.

>> Art Spiegelman: Die vollständige Maus (engl. The Complete Maus), Fischer Verlag. Ersterscheinung: 1986 (Teil 1), 1991 (Teil 2).

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