Frankfurter Fragmente #2: Kino

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Früher ist man ins Kino gegangen, um sich einen Film anzusehen. Heute tut man dort alles andere. Zum Beispiel sich mit seinem Sitznachbarn unterhalten. Oder seine E-Mails checken. Oder googeln, in welchen Filmen der Typ da vorne auf der Leinwand noch mitgespielt hat. Wenn man immer noch zu den altmodischen Menschen gehört, die es auch mal zwei Stunden lang aushalten, sich nur auf einen Bildschirm zu konzentrieren, dann ist man genötigt, sich trotzdem von der Zerstreuung der anderen mit ablenken zu lassen.

Erinnern wir uns an früher, als wir noch Kinder waren, war es noch etwas Besonderes, wenn das Licht gedimmt wurde, sich der Vorhang öffnete und wir voller Spannung erwarteten, welche Zauberei uns dort überraschen mochte. Man schaute gebannt und schwieg andächtig, um bloß alles mitzukriegen. Heute zahlen wir viel Geld für eine Kinokarte und es ist nur eine von vielen Möglichkeiten, sich von einem Bildschirm berieseln zu lassen. Und dann herrscht das Selbstverständnis: Ich habe bezahlt, also darf ich machen, was ich will. Jedenfalls scheint es vielen Besuchern so zu gehen.

Heute ist es so: Der Vorhang geht auf, Verleiherlogo, Produzentenlogos, Credits – und das allgemeine Gequatsche geht weiter. Wir sehen das erste Bild, die ersten Figuren. Das Geschwätz hört immer noch nicht auf. Man versucht ruhig zu bleiben, hadert mit sich, ob man um Ruhe bitten oder noch etwas warten soll, vielleicht beruhigen sie sich ja noch. Aber nein, auch als die Dialoge losgehen, wird weiter kommentiert und gelacht. Hat man das Pech, mit Jugendlichen im Kino zu sitzen, fängt man sich Unverständnis und Gelächter ein, wenn man doch was sagt – sei es auch noch so höflich. Aber auch in kleinen Programmkinos und bei Filmfestivals gibt es diese Unkultur, dass man sich benimmt, als wäre man allein zu Haus. Kunstgenuss, Würdigung des Werks oder einfach nur Rücksicht – das war einmal. In so einem Fall ist es besser zu gehen, als seine Zeit damit zu verschwenden, sich den Film verderben zu lassen.

Ein besonders schlimmer Auswuchs dieses Phänomens ist die Audio-Deskription. Man kennt das vielleicht aus dem Fernsehen: Damit auch unsere sehbehinderten Mitmenschen in den Genuss von Filmen kommen (und nicht immer nur Hörbücher oder Hörspiele hören müssen), bieten öffentlich-rechtliche Sender einen Kanal an, auf dem die Handlung beschrieben wird. Für einen Sehenden ist das lächerlich bis nervig. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, das macht einer im Kino. Nicht etwa, weil die Sitznachbarn blind wären. Nein, manche Kinobesucher haben einfach das Bedürfnis, unmittelbar und laut wiederzugeben, was sie gerade sehen oder oder denken oder ihre Mutmaßungen abzulassen, was gleich passieren wird – auch wenn das keinen interessiert. Besonders aufregend wird es, wenn diese Menschen der Handlung nicht folgen können. Letztens zum Beispiel in einem Programmkino. Ein älteres Pärchen. Die Frau sagt zu ihrem Mann Sätze wie: „Ach, das ist der vom Anfang! Ach, das ist ja der Chef! Der bringt sich gleich um!“ Der Mann neben ihr brummt nur. Wäre man nicht so angepisst davon, dass man sich nicht auf den Film konzentrieren kann, könnte man sich einen Spaß aus der Szene machen. Doch wenn man was sagt, fängt man sich nur böse Blicke und ein „Jaja“ ein – und kurz darauf geht das Spiel von vorne los. Währenddessen müssen zwei Quatschtanten hinter einem ständig die Einrichtung der Zimmer im Film kommentieren.

Der Film hieß übrigens A Most Violent Year

Ein Kommentar

  1. Tja, das kenne ich natürlich auch und es geht mir tierisch auf die Nerven. Strategie? Wasserpistole? Laut werden? Ich glaube die Leute müssen merken, das es jemanden nervt, auch wenn es dann erst einmal extremer wird. Und, ja, beruflich bin ich ab und zu mit Jugendlichen im Kino. Das kann schlimm sein für den Rest des Publikums. Aber auch die gehören dazu. Blöd wenn man dann im Kino sitzt.
    Gott sei Dank habe ich aber in 90% meiner Kinobesuche meine Ruhe, außerdem gehe in immer in ein modernes Multiplex mit guter Sicht und lautem Ton, das übertönt vieles….

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