Albtraum Europa

Carlsen

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Es gibt Bücher, die kann man nur schwer kritisieren. Nicht, weil sie so gut sind, sondern weil ihr das Sujet eine gewisse Aura der Unantastbarkeit verleiht. So ist es auch mit Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist. Es geht um Flüchtlinge. Und da man nicht genug betonen kann, wie wichtig es ist, über das Schicksal dieser Menschen zu informieren, die für den Traum Europa ihr Leben riskieren und auch zu Tausenden verlieren, wird auch Kleists Comic einen wichtigen, weil anschaulichen und leicht zugänglichen Beitrag zur Volksaufklärung leisten.

Ich habe lange mit mir gehadert, dieses Buch zu lesen, auf das sich kurz nach seinem Erscheinen so ziemlich alle Rezensenten gestürzt und es in den Himmel gelobt haben. Mir kam es vor, als wüsste ich schon vor dem Lesen alles, was es darüber zu wissen gibt, ja, mir war, als hätte ich es längst gelesen. Erst jetzt, da mich das Thema Flüchtlinge auch journalistisch beschäftigt, habe ich zu dem Buch gegriffen. Doch ich frage mich, wie befürchtet: Was kann ich in einer Besprechung all dem Gesagten noch hinzufügen? Wäre jede Quengelei über inhaltliche oder formale Mängel nicht ein Suchen nach dem Haar in der Suppe? Übertrifft das Anliegen und das Gelingen nicht jede Kunstkritik?

Um es einmal klarzustellen: Ja, Der Traum von Olympia ist ein gutes Buch. Ein drastisches. Und ein wichtiges. Und hätten meine Vorgänger nicht schon das Ende gespoilert (nein, man kann das Wissen um die Läuferin Samia Yusuf Omar nicht voraussetzen), wäre es sogar ein noch spannenderes gewesen. Wenn man überhaupt etwas kritisieren kann, dann dass es formal zu gewöhnlich geworden ist. Keine Frage, Reinhard Kleist ist ein fähiger Zeichner. Aber seine Erzählkunst bleibt sowohl in Panels als auch in Worten eher durchschnittlich. Zu schnell werden die Lebensstationen der Protagonistin abgehandelt, wodurch der Charakter oberflächlich erscheint. Das Unglück am Ende bleibt zu vage. Was die Bilder nicht leisten, trägt der Text zum Teil etwas plump nach.

Vielleicht ist ein schlichter Stil bei so einem Thema auch völlig in Ordnung, denn es überwiegt der dokumentarische Aspekt. Immerhin hält sich Kleist zurück mit Pathos und Mitleid, er verlässt sich darauf, dass seine Geschichte bereits genug Tragik enthält, um mitreißend zu sein. Vielleicht ist deshalb sein Erzähltempo von Vorteil. Vielleicht soll es nur Interesse wecken, sich näher mit dem Problem zu beschäftigen. Dann ist der Zweck erfüllt. Es wäre wünschenswert gewesen, dass das Werk selbst mehr in die Tiefe gegangen wäre. Aber vielleicht wäre das auch zu viel verlangt.

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