Nicht wie Gott in Frankreich

Knaus

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Als blonder Junge mit langem Haar hat man es nicht leicht: Zunächst wird man von allen bewundert. Doch kaum ist man in einem anderen Land, etwa Syrien, wird man als Jude beschimpft – und dass obwohl der Vater ein Syrer ist. Riad Sattouf hat es erlebt: Als Sohn eines Syrers und einer blonden Französin kam er zwar in Frankreich zur Welt, wuchs aber in Libyen und Syrien auf. In seinem Comic Der Araber von morgen erzählt er von seiner Kindheit im Nahen Osten – jedenfalls bis 1984. Der Autor, Zeichner und Filmemacher (unter anderem hat er für Charlie Hebdo gearbeitet) tut dies in einem lieblich-cartoonhaften Stil, der ein wenig an die Simpsons erinnert; seine Figuren haben meist Knollennasen und ausgeprägte Flunsch-Münder. Dennoch ist die Geschichte, die er erzählt, eine traurige: sie handelt vom Scheitern der Arabischen Welt.

Nach seiner Promotion in Geschichte bekommt der Vater eine Stelle in Oxford angeboten, doch der nimmt lieber eine in Tripolis an. Also zieht die Familie um. Das Haus wird vom Staat gestellt. Toll: in Libyen muss keiner Miete zahlen. Doch kaum ist die Familie mal außer Haus, nistet sich dort eine andere ein. Ein Türschloss gibt es nicht. Und laut Gesetz gehört alles sowieso jedem, eine leere Wohnung darf jeder übernehmen. Nachdem eine neue Wohnung gefunden ist, bekommt die Familie schnell die weiteren Nachteile des Landes zu spüren: es fehlt an allem, Lebensmittel sind rar, werden rationiert, es gibt bloß Reis, Bohnen, Corned Beef und Bananen. Auf Baustellen wird nicht gebaut. Das angeblich fortschrittlichste Land der Welt wird regiert von einem Blender, der das Volk in einem grünen Buch seine zweifelhaften Weisheiten lesen lässt und im Radio gegen die USA hetzt.

Erinnerungen an Guy Delisle

In Syrien ist es nicht besser: Dort herrscht bereits der erste Assad über ein ruiniertes Land. Häuser werden hier nicht zu Ende gebaut, um Steuern zu sparen. Die Familie Riads zieht in eine Bruchbude. Aber der Vater bildet sich ein, er könnte sich bald eine Luxus-Villa bauen. Daraus wird nix. Der Sohn fühlt sich zu Hause dennoch wohl; denn draußen muss er damit rechnen, von seinen eigenen Cousins als Jude beschimpft und verprügelt zu werden.

Während der Vater arbeitet, langweilt sich die Mutter, lebt isoliert. Allein das Kind weiß sich zu beschäftigen. Wir bekommen diese Welt durch seine naiven Augen zu sehen und teilen das Staunen, Befremden und Entsetzen über diese Fremde. Das Absurde wird so lakonisch erzählt, dass man sich Kopfschütteln mit Lachen abwechselt. Dieser Stil erinnert an Guy Delisles großartige Reisereportagen aus Shenzen, Pjöngjang, Birma und Jerusalem. Allerdings fehlen bei Sattouf die beißenden Kommentare.

Georges Brassens darf nicht Gott sein

Das Kind urteilt nicht, denn es versteht nicht, was passiert. Das Leben zwischen zwei Welten wird deutlich am Beispiel des Vaters. Er ist gespalten in seiner Hassliebe auf „die Araber“. Einerseits zieht es ihn in die Arabische Welt, vor allem zurück in die Heimat Syrien. Dort verharmlost er einerseits das Elend und spielt die zweifelhaften Bräuche des Landes herunter, verteidigt den Antisemitismus. Andererseits rechtfertigt er die Diktatoren und setzt große Hoffnungen in sie: „Man muss sie [die Araber] hart anpacken. Man muss sie dazu zwingen, sich zu bilden, zur Schule zu gehen … Wenn du ihnen ihren Willen lässt, machen sie gar nichts, es sind Heuchler und Frömmler, auch wenn sie sonst dieselben Möglichkeiten haben.“ Wenn die Araber erst einmal gebildet seien, würden sie sich selbst von den alten Diktatoren befreien.

Einerseits will der Vater, dass sein Sohn Arabisch lernt und in Syrien zur Schule geht, andererseits bringt er es ihm selbst nicht bei. Einerseits gibt er sich weltlich, westlich, liberal und spottet über den religiösen Aberglauben der Araber. Andererseits trichtert er seinem Sohn selbst ein, der Teufel komme gerne als Frau daher und wettert gegen die Blasphemie seiner Frau, der Sänger Georges Brassens sei „ein wahrer Gott in Frankreich“. Der Sohn versteht zwar nicht, wovon die Eltern sprechen, aber seitdem sieht er, wenn von Gott die Rede ist, das Gesicht von Georges Brassens. Er verteilt im Paradies Bananen.

Von solchen herrlich skurrilen Betrachtungen und Situationen lebt Der Araber von morgen. Allerdings ohne die Krisen in Libyen und Syrien zu verharmlosen. Im Gegenteil: Sie treten umso deutlicher hervor. Manchmal ist Lachen die beste Art, mit dem Irrsinn der Welt zurecht zu kommen.

Riad Sattouf hat zwei weitere Bände seiner Memoiren angekündigt. Wir freuen uns drauf.

>> Riad Sattouf: Der Araber von morgen, übersetzt von Andreas Platthaus, Knaus 2015.

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