Blinder Katholik in Teufelsküche

Netflix

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Nach den ersten 13 Episoden von Marvel’s Daredevil auf Netflix kann man sagen: Die Serie ist geglückt und macht Lust auf mehr. Das Cinematic Universe ist um einen Helden und einige Charaktere reicher.

Da hat man sein Jura-Studium mit Bravour beendet, sein Referendariat bei einer großen Kanzlei gemacht, doch statt seine Seele an den Teufel zu verkaufen und reiche Arschlöcher zu vertreten, macht man eben seine eigene auf, um den kleinen Mann zur Gerechtigkeit zu verhelfen. Doch was tun, wenn all die hohen Ideale, die man als junger Mann hat, nicht einsetzen kann, weil die Klienten ausbleiben? Dann ist es von Vorteil, wenn man in der Kampfkunst trainiert ist: Man legt sich eine Maske zu und macht nachts die Stadt unsicher, um die bösen Buben zu verhauen. Das geht meist schneller, als die Mühlen der Justiz mahlen zu lassen. Man muss nur darüber hinwegsehen, dass es eigentlich gegen die Regeln ist, die man als Anwalt verteidigen will. Aber für einen Blinden dürfte das kein Problem sein.

Matt Murdock ist dieser blinde Anwalt und schwarzmaskierte Vigilant, der dank geschärfter Sinne mehr sieht, als er vorgibt. Später wird er mal Daredevil heißen und ein rotes Kostüm mit Hörnern tragen, wie man es aus den Comics kennt – oder aus dem Film mit Ben Affleck von 2003. Doch dieses Machwerk war vergessenswert und verblasst erst recht angesichts der Daredevil-Serie, die Marvel für Netflix gemacht hat. Das hohe handwerkliche und erzählerische Niveau lässt die 13 Episoden, die Netflix in bewährter House of Cards-Manier am Stück online gestellt hat, schnell konsumieren – mit Genuss und wenigen Abstrichen.

Kostüm und Name kommen spät

Das Beste an dieser Serie ist, dass sie sich – im Gegensatz zu DC-Serien-Schund wie Arrow oder Flash – Zeit lässt: mit der Einführung und Entwicklung der Protagonisten und Antagonisten, mit der Etablierung des Helden und seiner Initiation. Auch wenn die Pilotfolge mit der Blendung des jungen Matt anfängt, wird der Rest der tragischen Vorgeschichte über mehrere Folgen verstreut nachgereicht. Matt ist ein gläubiger irischer Katholik, der in einem moralischen Dauerdilemma steckt: Zwischen Recht und Selbstjustiz, Ohnmacht und Mordlust, scheiternden Beziehungen und kriselnder Freundschaft. Die Schaulust der Zuschauer wird spät befriedigt: Daredevil bekommt seinen Namen und sein Kostüm erst am Ende der letzten Episode. Was wir sehen ist eine groß angelegte Anwaltsserie, allerdings mit dem Unterschied, dass die Juristerei eher ein Nebengeschäft ist, sodass man sich fragen muss, wie Murdock und sein loyaler wie naiver Partner Foggy Nelson sich die Miete leisten können – ganz zu schweigen von der unterbeschäftigten Sekretärin …

Egal: Dafür gibt es Action. Keine Folge kommt ohne ein bis zwei spektakuläre Schlägereien mit viel Blut und Knochenbrüchen aus, mitreißend choreografiert und inszeniert. Obwohl hier niemand Superkräfte verfügt, ist hier jeder noch so gemeine Schläger ein großartiger Kämpfer mit übermenschlicher Ausdauer – und es wäre ja auch langweilig, wenn der Held alle Gegner mit Leichtigkeit vermöbeln würde. Im Gegenteil: Es macht Spaß zuzusehen, wie der Maskierte auf seinem Feldzug und auf dem Weg der Selbstfindung immer wieder scheitert und in katholischer Selbstkasteiung seinem Todestrieb nachgibt. Besonders eindrucksvoll ist die Szene am Ende von Folge 2: Wenn der Held sich durch einen engen Korridor prügelt, um ein Kind aus den Fängen von Entführern zu befreien, wird die Szene in lediglich einer langen, ruhigen Einstellung gedreht, bei der sich die Kamera mehrfach an den Kämpfern vorbeidrängelt. In einer späteren Folge lässt die Kamera uns in einem Taxi sitzen und fortwährend den Kopf drehen, um zu sehen, wie Murdock ein paar Verbrecher aufmischt. Diese distanzierte Inszenierung schafft einen willkommenen Bruch zur Effekthascherei sonstiger Superheldenfilme.

Der Kingpin ist ein Weichei

Der Oberschurke, Kingpin Wilson Fisk (gespielt von Vincent D’Onofrio), erscheint erst am Ende der dritten Episode. Zunächst eingeführt, als graue Eminenz, der sein Untergrund-Imperium aus dem Schattenreich heraus lenkt und dessen Name in alter Voldemort-Manier nie genannt werden darf, lernen wir ihn in persona kennen als einsamen, sensiblen und kultivierten Freund der Künste. Doch wehe jemand beleidigt seine geliebte Freundin oder Mutter, dann kann seine Raserei einen den Kopf kosten – abgeschlagen mit einer Autotür. Fisk ist ein Schurke wider Willen. Eine Art Mephisto, der das Böse nur tut, um das Gute zu schaffen, also das Schlechte in New York auszumerzen (so auch Daredevil Murdock). Das wird auch nicht unbedingt logischer, wenn wir seine dramatische, ödipale Vorgeschichte zu sehen bekommen. Aber trotz seiner Skrupellosigkeit wirkt Fisk nie bedrohlich, sondern – vor allem wegen seiner Liebschaft – als ein verständisvoller Mann, der in seinem Eifer übers Ziel hinaus schießt. Das mag mal zur Abwechslung ein vielschichtigerer Schurke sein und Vincent D’Onofrio macht seine Sache auch sehr gut, aber als Kingpin wirkt er zu sehr wie ein Weichei.

Bei aller Ambition, der Lust am weitschweifigen Erzählen und dem Willen zur Charakterzeichnung hat Daredevil immer wieder doch seine Längen. Viele Dialogszenen geraten zu ausführlich. Manchmal hätten fünf bis zehn Minuten weniger den Folgen gut getan. Dennoch: Daredevil fügt sich tadellos in das Cinematic Universe ein, das Marvel in den vergangenen Jahren seit Iron Man aufgebaut hat. Als nächstes folgen die Netflix-Serien A.K.A. Jessica Jones (2015), Luke Cage und Iron Fist (beide 2016) bevor alle vier in der Mini-Serie The Defenders zusammentreffen. Und möglicherweise sehen wir den einen oder anderen Serienhelden auch mal auf der Leinwand, vielleicht bei Civil War (2016) oder dem Infinity War der Avengers. Bei dem Anfang, den Daredevil hingelegt hat, können wir uns auf mehr freuen.

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