Kino der Lustbarkeit

Walt Disney/Marvel

Walt Disney/Marvel

Die Erwartung wurde erfüllt: Avengers – Age of Ultron ist ein großes Spektakel mit vielen kleinen Späßen. Wieder einmal ist Regisseur und Autor Joss Whedon ein Kracher mit fulminanten Kamerafahrten und irrwitzig übertriebenen Kampfszenen gelungen. Bei aller Action und Effekten schafft es Whedon aber immer noch, Zeit für seine Figuren zu finden, auch wenn es noch mehr Helden denn je gibt, kommt jeder zu seinem Recht. (Dieses Mal verleihen sogar eine kleine Lovestory, ein Familienbesuch, ein paar Rückblenden und Visionen den Charakteren Tiefe.) Und dann gibt es noch herrlichen Quatsch: Grandios allein die Hammer-Szene, die schon aus dem Trailer bekannt ist – die Avengers wirken wie ein Haufen pubertierender Schüler auf Klassenfahrt. Bei aller Geselligkeit profitiert der Film davon, dass die Helden immer noch kein eingespieltes Team sind, sondern sich ständig streiten – und auch bekämpfen. Diesen Konflikten ist auch die beste Szene geschuldet: Iron Man gegen Hulk. Eine solche Prügelei, bei der sich der Große Grüne mal wieder als unzerstörbar erweist, ist einfach nur – verzeiht den rohen Ausdruck – unglaublich geil. Oder um es mit Thor zu sagen: Das ist Kino der Lustbarkeit.

Letztendlich sind die Probleme der Avengers hausgemacht: Tony Stark erschafft die böse Super-Intelligenz Ultron nur in bester Absicht, um die Welt zu befrieden (und um endlich Urlaub machen zu können). Doch der Roboter pervertiert diesen edlen Auftrag in eine Mission globaler Zerstörung. Dieser Ultron ist zwar ein starker (vielleicht allzumenschlicher) Gegner, leider verliert er im Deutschen mit der unpassenden Stimme von Edward Norton (dem ersten Hulk des Cinematic Universe) etwas von seiner Bedrohlichkeit.

Bei allem Lob muss man auch festhalten, dass auch diesem Film die Last der Fortsetzung anhaftet. Der Reiz des Neuen fehlt, eine gewisse Routine stellt sich ein, zudem ist Leichtigkeit des ersten Teils verflogen. Hier wird es ernster, deprimierender, die Avengers müssen nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst retten. Das Imperium schlägt zurück etc. Und trotzdem gelingt es Whedon, dass man sich in diesem Universum heimisch fühlt, weil ihm entweder ein neuer Erzählgimmick einfällt oder seinen Helden ein knackiger Spruch zur passenden Zeit. Und noch eines ist sympathisch: Im Gegensatz zu Superman schert man sich bei den Avengers um Zivilisten. Liebe Menschen bei Warner und DC: So macht man Superheldenfilme heute.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass man so eine Kritik auch anders schreiben kann: Nämlich so, dass man bei aller Liebe zur Popkultur auch fast schon rechtfertigend heraushängen lassen kann, dass man auch denken kann und viel gelesen hat, weil man ja nicht umsonst Geisteswissenschaften studiert haben soll. Wie Dietmar Dath in der FAZ. Der hat in seiner Mega-Rezension nicht nur so ziemlich alles aufgezählt, was er an diesem Film toll findet und Querverweise zu allen möglichen Comics, Animes und Filmen hergestellt, damit auch der anspruchsvollste Leser und Superheldenskeptiker seinen Scharfsinn und Kenntnis bewundert. Dath hat manche seiner klugen Gedanken, damit sie noch klüger klingen, in einige verschachtelte Sätze mit hoher Fremdwortdichte gepackt und das ganze auch mit blühenden Metaphern verziert. Wer die Geduld und Ausdauer aufbringt, den Brechreiz bis zum Schluss zurückhalten, darf sich hier selbst überzeugen. Ich möchte nur einen besonders schönen (schiefen) Satz beispielhaft und der Belustigung halber dokumentieren:

„Er [Joss Whedon] weiß nämlich, dass ihm für jede dieser Geschichten mehr als zwei Stunden zur Verfügung stehen, und so füttert er seine Action-Sau, bevor er sie im jeweils letzten Akt noch einmal mit allen Konsequenzen und Kollateralschäden durchs Dorf jagt, in den beiden je ersten Filmhälften mit humoristischen, psychologischen und science-fiction-spekulativen Perlen, bis ihm das Viech aus der Hand frisst, und erst dann lässt er es los.“

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