Die Suche nach dem Gegenstück

Was Comics können (Teil 8): Asterios Polyp von David Mazzucchelli
Pantheon

Pantheon Books

Ein Feuerzeug, eine Uhr und ein Taschenmesser – mehr nimmt Asterios Polyp nicht mit, als ein Brand in seinem Wohnhaus ausbricht. Kurz darauf greift das Feuer auf seine Wohnung über und der 50-Jährige steht vor dem Nichts. Mit den letzten Dollars in der Tasche fährt er mit dem Bus soweit sein Geld reicht. In einer Kleinstadt nimmt er einen Aushilfsjob in einer Autowerkstatt an. Dass er keine Autos reparieren kann, macht ihm nichts aus: er geht mal eben in die Bibliothek und liest sich sein Wissen darüber an.

Asterios Polyp, der Mann mit dem scharfgeschnittenen Kopf, der das Profil eines Pilzes hat, ist hochbegabt, einst ein angesehener Architekt, aber nur auf dem Papier, da seine Entwürfe zwar anerkannt sind, aber keiner davon realisiert wurde. Autor und Zeichner David Mazzucchelli (berühmt geworden als Zeichner von Frank Millers Daredevil: Born Again und Batman: Year One, 1987) erzäht in seiner ersten „Graphic Novel“ die Geschichte eines Mannes, der auf der Suche nach seinem Gegenstück an seinem Ego scheitert. Und dieses Gegenstück ist – wie kann es anders sein – eine Frau. Gemäß des platonischen Mythos, der Mensch sei urprünglich ein Kugelwesen mit zwei Köpfen, vier Armen und Beinen gewesen, drückt sich in der Partnerwahl ein Streben nach Vollständigkeit aus. Der Einzelne ist nur ein halber Mensch. In Rückblenden erfahren wir, wie Asterios seine spätere Frau Hana kennenlernte und wie er wieder einsam wurde. Aber das ist noch nicht der beste Part.

Archiv der Doppelgänger

Am interessansten an dem Buch sind seine Reflexionen und seine Machart. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines Toten: Ignazio, Asterios‘ Zwillingsbruder, starb bei der Geburt. Dieser Bruder ist ein Phantom, das den Helden ein Leben lang verfolgt – bis in die Träume: Mal teilen sie sich einen Körper und paddeln auf dem Meer, mal ist Ignazio ein berühmter Architekt, mal schlägt er Asterios den Kopf ein. Asterios hat in seiner Wohnung Kameras installiert, die ihn jederzeit aufnehmen, damit er sich vorstellen kann, es gebe ihn doppelt. Ein ganzer Raum ist voller Videobänder, die sich nie jemand ansieht. Ein Archiv der Doppelgänger.

Nach außen hin wirkt Asterios souverän, steif und abgebrüht. Seine Kompetenz macht ihn zu einem Scheusal als Lehrer. Sein Universalwissen macht ihn auch im Alltag zu einem rechthaberischen Klugscheißer. Er meint es auch dann besser zu wissen, wenn er keine Ahnung hat. Darüber hinaus ist er geradezu besessen von Klarheit, Schlichtheit und Symmetrie. Er ist ein Reduktionist, der Phänomene auf einen Dualismus herunterbricht: Architektur teilt sich in einen linearen und einen plastischen Zugang, Kunstwerke sind entweder „faktual“ oder „fiktional“ (was selbstverständlich Unsinn ist), der Künstler schafft entweder „für sich selbst“ oder „für die Öffentlichkeit“. Dualität, findet Asterios, sei angelegt in der Natur (Gehirnhälften, Geschlechter, elektrische Ladungen). Er denkt allerdings differenziert genug, um einzusehen, dass die Welt sich nicht in Schwarz und Weiß teilt, sondern es viele Graustufen dazwischen gibt. Letztlich gibt er zu: „It’s just a convenient organizing principle.“ Indem man zwei Aspekte eines Themas auswähle, könne man jeweils das eine im Licht des anderen betrachten. Der Erzähler erlaubt sich am Ende den Seitenhieb auf das eigene Medium: Manche könnten sagen, dass solche Vereinfachungen etwas für Kinderbücher oder Comics seien. Asterios wendet lakonisch ein: „That’s entirely different.“ – Und steckt sich eine Zigarette an.

Fokussieren auf das Wichtige

Und dennoch trifft diese Ansicht auf den ersten Blick auf dieses Comic zu: Asterios‘ Gedankenwelt stellt Mazzucchelli in einem reduzierten und cartoonhaften Stil dar. Seine spärlich ausgestattete Panels sind koloriert mit Komplementärfarben: Die Gegenwart in Violett und Gelb, die Vergangenheit in Violett, Blau und Rot. Während der kühle Asterios blau erscheint, ist seine Partnerin Hana rot. Während er ein aus klaren geometrischen Formen zusammengesetzt ist, besteht sie aus Schraffuren mit dem Rotstift. Als beide zueinander finden, verschwimmen die Formen zu einer. Mazzucchelli spart aber auch sonst nicht daran, die Möglichkeiten seines Mediums zu nutzen: parallel oder chaotisch angeordnete Panelfolgen, Symbolbilder, Schemata, ein Ausflug in den Expressionismus fordern ein immer wieder neues Sehen heraus. Vom künstlerischen Standpunkt her strebt dieses Comic danach, nicht zu reduzieren, sondern das Universale abzubilden.

Als Asterios dem Musiker Kohoutek begegnet, findet er einen Gegenentwurf zu seiner Weltanschauung: In einer simultanen Welt, in einer Kakophonie von Informationen, so Kohoutek, müsse man lernen, sich auf das Wenige zu fokussieren. So könne jeder aktiv an einem einzigartigen polyphonischen Erlebnis teilhaben. Etwas ereignet sich nur, wenn man es beachtet. Kohouteks chaotische Wohnung – ein Wimmelbild, das aus den sonst reduziert gestalteten Panels herausfällt – veranschaulicht das.

Gott macht einen zum Helden

Später wird das Thema in anderer Form wieder aufgegriffen: „Asterios thought“, so der Erzähler, „he understood why people believe in a solitary, omniscient god.“ Wenn der Schöpfer des Universums seine ganze Zeit damit zubringe, einen zu beobachten, müsse er einen sicherlich lieben. Man könne der Held seiner eigenen Geschichte sein. Aber Asterios glaube lieber an die griechischen Götter – denn nur, indem man menschliche Eigenschaften bei ihnen voraussetzt, könne man erklären, wie willkürlich einen das Schicksal ereile. Ohne diesen Druck, im Rampenlicht zu stehen, könne jeder nur die Nebenrolle in einer größeren Geschichte spielen. Und diese Einsicht in die Bescheidenheit ist es, die Asterios zur wahren Vernunft kommen lässt.

Bei aller Reflexion kommt auch die Menschlichkeit nicht zu kurz. Mazzucchelli beweist ein großes Talent darin, Charaktere nicht nur individuell zu zeichnen, sondern sie vor allem mit Leben zu füllen, ihnen spezielle Ansichten und Eigenschaften zu verleihen, die kleinen Details, auf die es ankommt, wie die Angewohnheiten und Sprache. Die wahrgenommene Realität, so Ignazio, ist bloß eine Erweiterung unseres Selbst. Daher hat jede Figur eine eigene Art zu reden, sogar eine eigene Form von Sprechblasen und darin eine eigene Schriftart. Das macht den Charme dieses Buches aus. Und nicht zuletzt auch den Witz: Mazzucchelli hat ein grandioses Gespür für Lakonie.

Asterios Polyp ist ein Comic, das beide Freunde des grafischen Erzählens versöhnt: die Denker und die Ästheten. Es verbindet große Kunst mit großer Literatur und demonstriert, dass Comics mehr sind als die bloße Verbindung von Bild und Schrift. Die Welt ist nicht so einfach, dass sie in ein Zweierschema passt. Warum sollte es also für die Kunst gelten? Asterios Polyp zeigt, dass man es wenigstens versuchen kann – nur um dann grandios zu scheitern.

>> David Mazzucchelli: Asterios Polyp, Pantheon Books 2009 (dt. Eichborn 2011).

Bisher im Comic-Grundkurs erschienen:

  1. Warum Comics keine Graphic Novels sind
  2. Erzählen in den Zwischenräumen über Comics richtig lesen von Scott McCloud
  3. Das pralle Leben in Panels über Ein Vertrag mit Gott von Will Eisner
  4. Das Bändigen der Realität im Comic über Maus von Art Spiegelman
  5. Vollendete Universalpoesie über Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons
  6. Der Comic wird erwachsen über Jimmy Corrigan von Chris Ware
  7. Spuren auf Weiß über Blankets von Craig Thompson

(Fortsetzung folgt.)

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