Frankfurter Fragmente #3: Lügenpresse

Pegida-Demo am 21. April 2015 in Frankfurt am Main (Foto: Lukas Gedziorowski)

Pegida-Demo am 21. April 2015 in Frankfurt am Main (Foto: Lukas Gedziorowski)

Wer von der „Lügenpresse“ spricht, ist an der Wahrheit nicht interessiert. Daher wird jemand, der an dem Begriff festhält, auch durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen sein. Wer „die Medien“ pauschal als Lügner beschimpft, ignoriert die unzähligen Fälle, in denen sie „die Wahrheit“ dargestellt oder gar aufgedeckt hat. Er unterliegt dem alten Denkfehler, ein Vorurteil zu fassen und dann Belege dafür zu suchen. Es sind Menschen, die von den Medien erwarten, dass sie die Ansichten ihrer Leser wiederspiegeln. Dabei sollten aufgeklärte Menschen daran interessiert sein, ihren Horizont zu weiten, indem sie sich mit anderen Perspektiven beschäftigen. Aber den Kritikern der „Lügenpresse“ geht es nicht um Aufklärung, sondern um ihre Abschaffung.

Hinter dem Begriff der „Lügenpresse“ steckt nur scheinbar der Anspruch auf Wahrheit. Das Streben danach sollte man aber nicht den Journalisten überlassen, sondern den Philosophen. Der Anspruch auf allgemeingültige Objektivität wäre Anmaßung. Daher kann der Journalist bestenfalls einen Ausschnitt der Realität liefern – und das immer nur aus wenigen Perspektiven, die immer geprägt sein werden durch seine eigene. Dass die meisten Informationen dabei wegfallen, dass sich die Welt nicht in einem Bericht, einer Reportage, einem Leitartikel – nicht einmal in einer Zeitung – erklären und auf einfach Formeln runterbrechen lässt, liegt im Wesen der Sache. Deshalb kündet die Pressevielfalt von ihrer Freiheit. Den Kritikern der „Lügenpresse“ geht es um Vereinfachung in Extreme und Feindbilder.

Medien sind wie Kommunikation per se unzulänglich und fehlerhaft. Das macht die Menschen, die sie bedienen, nicht grundsätzlich zu Lügnern. Handwerkliche Fehler können passieren wie überall, nur ist der Anspruch an die Medien ein höherer als in anderen Handwerken – und zwar uneinlösbar. Die Einsicht in den Irrtum schafft Erkenntnisse, um sich verbessern zu können. Medien leben daher von der Kritik und dem Diskurs. Seltsamerweise sind allerdings die fleißigsten Leser und Kommentatoren der „Lügenpresse“ jene, die sie als solche bezeichnen. Sie sind aber nicht deren Korrektiv, sondern ihre Negation.

Wer die Medien als „Lügenpresse“ angreift, greift auch die Meinungsfreiheit an. Das ist nicht nur ein Phänomen der Rechten, sondern auch der Linken. Interessanterweise wurde der Begriff gerne von denen benutzt, die selbst die größten Lügen in die Welt setzten. Wer in Deutschland nach Jahren der unfreien Presse und der Propaganda zweier Diktaturen immer noch über die „Lügenpresse“ schimpft, ist an Freiheit nicht interessiert, sondern nur an dem Diktat seiner eigenen Meinung. Das macht die Gegner der „Lügenpresse“ zu Feinden des Grundgesetzes und zu Volksverhetzern.

Wer von „Lügenpresse“ spricht, will auch keine „wahre Presse“. Daher ist solchen Menschen nichts entgegenzusetzen. Alle Mühe der Argumentation, der Vernunft und der Kritik wäre vergebens. Man kann sie nur ignorieren – und hoffen, dass ihre Borniertheit nicht allzu ansteckend ist.

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