Irrfahrt durch die Wüste ins Nichts

AMC

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Es gibt Serien, die setzen Maßstäbe fürs Enden. Es gibt das Sopranos-Ende, das vielleicht brutalste Ende aller Zeiten, es gibt das Lost-Ende, das dem Zuschauer Harmonie vorgaukelt, aber seine Neugier unbefriedigt zurücklässt, es gibt das Breaking Bad-Ende, an dem (für die Charaktere) nichts wirklich gut ist, aber trotzdem storytechnisch alles rund läuft. Wie Mad Men endet, schien wiederum nicht so wichtig. Die Serie lebte nie von Cliffhangern oder einer groß angelegten Handlung, wichtig waren bloß die Charaktere. Die größte Frage, die sich stellte, war, ob Don Draper sein Glück findet oder nicht. Doch wie schon zuvor war nicht entscheidend, was passierte, sondern wie.

ACHTUNG SPOILER!!!

Nun, da ist es, das letzte Bild: Don Draper meditiert an der Küste Kaliforniens inmitten einer Hippie-Gruppe, brummt sein Om und lächelt. Doch ist es nur ein trügerisches Werbeglück, wie es die folgende Coca-Cola-Werbung suggeriert? Oder hat Don etwa die Erleuchtung in Form einer Werbeidee? Und sollte Don mit sich im Reinen sein: Was veranlasst ihn zu diesem Glück? Denn wenig deutet darauf hin, was eine Wende zum Guten verheißt. Die letzten sieben Folgen wirken wie eine Irrfahrt ins Nichts. Und für den Zuschauer ist es kein Genuss, sie mitzuverfolgen.

Wiederholung im Leerlauf

Mad Men war noch nie im engeren Sinne spannend, aber für die Fans stets fesselnd. Eine Serie der Zwischentöne, etwas für Feingeister. Doch was zum Staffelfinale hin geboten wird, ist eine gähnende Leere. Die Autoren wussten anscheinend selbst nicht, was sie mit ihrer Sendezeit machen sollten. Es wirkt, als hätten sie nichts zu erzählen. Die ersten drei Episoden trödeln vor sich hin: Wir sehen ausführlich Dons Scheidung von Megan, ohne dass daran etwas dramatisch wäre, gleichzeitig fängt er eine Affäre mit einer Kellnerin an, die ihn an eine andere Frau erinnert. Die fast vergessene Rachel Menken aus Staffel eins stirbt und Don geht zur Trauerfeier, wo er nicht erwünscht ist. Betty studiert Psychologie und ist immer noch eine schreckliche Mutter. Die Handlung tritt auf der Stelle, wir sehen bloß dabei zu, wie es einsamer um Don wird, noch einsamer – aber das kennen wir schon zu Genüge. Um Werbung, um die Suche nach der zündenden Idee geht es überhaupt nicht mehr, Don arbeitet kaum noch und auch die Folgen seines Alkoholismus haben sich offenbar von selbst erledigt, auch wenn er immer noch gern zur Flasche greift.

Erst in Folge 11 passiert endlich etwas: Sterling Cooper wird von McCann geschluckt. Die alte Truppe versucht, was sie schon Ende der dritten Staffel getan hat: die Eigenständigkeit der Firma zu retten, dieses Mal mit einem Umzug nach Kalifornien. Spätestens hier wird klar, dass die Serie sich im Kreis dreht. Doch die Sache erledigt sich, als McCann den Partnern Angebote macht, die sie nicht ausschlagen können. Das verheißene Glück stellt sich allerdings nicht ein: Joan wird nicht ernst genommen, sexistisch beleidigt und indirekt rausgeworfen. Don hält nicht mal fünf Minuten in der ersten Sitzung aus und verdrückt sich in klassischer Don-Manier.

Starre des Selbstmitleids

Daraufhin sehen wir ihm bei seiner sinnlosen Irrfahrt oder Selbstfindungstour durch die Staaten zu. Als erstes versucht er, seine Kellnerin aufindig zu machen, scheitert dabei, dann betrinkt er sich mit Kriegsveteranen in Kansas und fährt Rennen in der Salzwüste von Utah. Schließlich landet er bei den Hippies in Kalifornien, wo er vergeblich versucht, seiner alten Bekannten Stephanie zu helfen. Nicht nur, dass dieser Trip zu nichts führt, er bereichert weder die Figur noch die Serie um nennenswerte Ereignisse. Nachdem Don von Bettys Krankheit erfährt, will er wieder zurück, aber weil er nicht gewollt wird, bleibt er da und versinkt in einer Starre des Selbstmitleids. Eine Begegnung in einer Selbsthilfegruppe mit einem anderen Mann, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, bringt ihn zu einem Gefühlsausbruch und der scheint ihn wieder auf die Spur zurückzubringen. Doch die Entwicklung passiert zu plötzlich, um nachvollziehbar zu sein – genauso wie bei den anderen Figuren.

Pete bekehrt sich zu seiner Familie und kommt wieder mit Trudy zusammen. Joan macht sich selbständig und ihr neu gefundener Lebensgefährte, der endlich Mr. Right zu sein schien, trennt sich deswegen kurzerhand von ihr. Roger heiratet Marie wie aus einer Laune heraus (und obwohl zwischen ihnen nicht alles zum besten steht). Und Peggy findet ihr Glück ebenso spontan mit Stan, obwohl zwischen den beiden nie mehr als Freundschaft bestanden hat. Ted, der noch vor kurzem unglücklich in Peggy verliebt war, wird wiederum zur Statistenrolle degradiert und wirkt wie vergessen.

Zwang zur Idylle

Das alles passiert ganz am Schluss, ohne dass es vorher gut vorbereitet gewesen wäre. Vielmehr macht es den Anschein, als hätte man sich lange Zeit für Leerlauf gelassen, um am Ende plötzlich alle Hauptfiguren zu einem gefälligen Ende zu führen. Mad Men endet ähnlich abrupt wie die Sopranos, aber mit dem Harmoniedrang von Lost. Doch die Idylle ist zu schön, um glaubwürdig zu sein. Sie passt nicht zum Grundton der Serie. Insofern ist Dons Cola-Erlebnis am Ende (vielleicht jetzt schon ein Topos?) nur erträglich, wenn man es als ironische Überhöhung einer Schein-Harmonie versteht.

Schließlich fehlt in den letzten sieben Episoden auch ein weiterer Protagonist: die Epoche. Von Anfang an war Mad Men ein period piece, ein Sittengemälde der 60er Jahre. Historische Ereignisse wie die Kubakrise, das Kennedy-Attentat oder die Mondlandung spielten eine Rolle im Leben der Figuren. Am Ende bleibt davon nicht viel übrig. Bis auf ein paar Hippies und eine überflüssige Nebenhandlung mit Glen Bishop, der zur Armee geht, hat man zu keiner Zeit das Gefühl, dass hier eine Ära zu Ende geht. Damit bleibt der Titel der letzten Teilstaffel uneingelöst. Man hat eher den Eindruck, als wären den Autoren nicht nur die Ideen, sondern auch das Gefühl für ihr Gesamtwerk verloren gegangen, als litten sie unter der gleichen Leere und dem gleichen Kreislauf wie ihre Protagonisten. Ein vergeudete Chance. Auch wenn das Ende von Mad Men nicht so stark ins Gewicht fällt wie bei anderen Serien, wirft es leider auf die ansonsten nahezu makellose Serie einen langen Schatten. Zurück bleibt der schale Geschmack gepflegter Langeweile.

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