Frankfurter Fragmente #6: Selfie-Stick

noselfiesticks

Die Touristen aus Fernost haben eine neue Waffe. So neu ist sie vielleicht nicht, aber in Frankfurt sieht man neuerdings keine Reisegruppe mehr ohne. Es ist ein Stock mit Greifzange, aber die Touristen lesen damit keinen Müll auf, sondern befestigen daran ihr Allerwertvollstes, ihre Smartphones, um damit Fotos von sich selbst zu schießen. Wo dem normalen Smartphone-User eine Armlänge reicht, um sich gekonnt in Szene zu setzen, erweitern andere damit den Blickwinkel ihrer Kameras – jedenfalls scheinbar. Denn Hauptsache ist immer noch, dass man selbst auf dem Foto ist. Und nicht nur bei Asiaten ist der sogenannte Selfie-Stick beliebt, mittlerweile gibt es ihn auch hier zu kaufen und auch immer mehr Einheimische gehen nicht mehr ohne Stange aus dem Haus, wenn sie Selbstporträts anfertigen.

Das Time Magazine zählt den Selfie-Stick zu den 25 besten Erfindungen des vergangenen Jahres – zusammen mit dem 3D-Drucker und dem Reaktor für die Kalte Fusion. Allerdings ohne zu erklären, warum. Und so bleibt dieses Hilfsmittel ein Rätsel, vor allem aber die Nutzer. Wenn man diese bestockten Selfisten sieht, überkommt den außenstehenden Beobachter das Befremden, dann die Fremdscham und schließlich die gar nicht so fremde Abscheu. Man fragt sich: Haben diese Menschen denn gar keine Würde?

Der Selfie-Stick ist das Unding schlechthin. Es erweckt den Anschein, einen Zweck zu erfüllen, aber es hat keinen. Es befriedigt ein Bedürfnis, das es nie gegeben hat, das erst seine Schöpfer in die Welt gesetzt haben. Es ist sinnlos, außer man nutzt es, um sich den Rücken zu kratzen, aber dazu eignet sich eine Bürste mit langem Griff viel besser. Aber wer käme schon auf die Idee, immer eine mit sich zu führen?

Der Selfie-Stick ist wie ein Schirm, mit dem man sich von der Außenwelt abgrenzt. Er zeugt von Einsamkeit und Misstrauen in der Fremde. Man hat niemanden, dem man sein Telefon in die Hand drücken kann, und man will es auch niemanden anvertrauen, in der Angst, er könnte sich damit davon machen, denn so ein iPhone ist teuer (ganz zu schweigen vom Wert der persönlichen Daten).

Der Selfie-Stick ist der Blindenstock derer, die bloß sich selbst sehen. Ein Krückstock der Egozentrik. Die Wünschelrute, die immer nur auf seinen Halter zurückverweist. Er scheint ein Mittel des Narzissmus zu sein, aber eigentlich zeugt er von einem Verlust jeglicher Selbstachtung und Scham.

Der Selfie-Stick ist das Hilfmittel der Umständlichen. Wer als Tourist schon mit Rucksack/Handtasche, Stadtplan, Reiseführer und vielleicht noch zusätzlicher Kamera bepackt ist, muss schon ziemlich einfältig sein, wenn er noch einen sperrigen Stock mit sich führt, den man immer wieder ein- und ausfahren muss, aber dann doch bloß der Einfachheit halber ausgefahren lässt – und somit die immergleichen Bilder macht.

Insofern ist der Selfie-Stick nicht bloß die Armprothese der geistig Beschränkten, sondern auch das, wonach er aussieht: ein Greifstock für die digitale Schrottsammlung. Nicht nur, dass das Selfie die inflationärste und daher uninspirierteste Form der Fotografie ist: das Ich mit einem beliebig austauschbaren Hintergrund, ein Beweisstück, dass man selbst dagewesen ist, und eine Trophäe mit einem Wasserzeichen als persönlicher Note, weil das Foto sonst keine hat. Die Stange ist auch noch der gesteigerte Ausdruck dieser geistigen Beschränktheit, die Kamera nur auf sich selbst richten zu können. Der Selfie-Stick macht den Knipser zum Selbstinszenierer, der nur verreist, um die Hintergründe für seine Selbstporträts auszutauschen.

Für den außenstehenden Beobachter, der fassungslos den Kopf über diese Selbstbildnishintergrundjäger schüttelt, weckt der Selfie-Stick ganz andere, dringende Bedüfnisse der Selbstlosigkeit: Er wirkt ganz einladend als Rute, mit dem man die Urlaubsknipser aus dem Tempel der Fotografie vertreiben möchte, und als Schlagstock, mit der man dem Nutzer gerne Vernunft einprügeln würde.

In einigen Museen und bei einigen Musik-Festivals sind Selfie-Sticks mittlerweile verboten. Weil Menschen, die bloß auf ihr Smartphone starren, kein Auge mehr für die Exponate haben. Oder weil sie andere damit nerven. Aber eigentlich nerven sie immer. Und im schlimmsten Fall zerstören sie das, was sie aufbauen wollen: das Bild, das sich andere von einem selbst machen sollen. Ja, Selfie-Sticks sind Waffen: Selbstschussanlagen für den sozialen Selbstmord.

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