Versprochen ist versprochen

Image Comics

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Wytches, der neueste Horror-Comic von Wunderkind Scott Snyder, besticht durch einen außergewöhnlichen visuellen Stil, bleibt aber bei der Story hinter den Erwartungen zurück. Genrefans dürften jedoch auf ihre Kosten kommen.

Ein dunkler Wald. Ein Auge schaut aus einem Loch in einem Baum heraus. Dann ein Mund. Er ruft um Hilfe. Eine Frau ohne Nase steckt in dem ausgehöhlten Baumstamm fest – wie ist sie dort hineingekommen? Von unten kratzen Hände nach ihr. Sie versucht, sich zu befreien. Ein Junge kommt herbei, ihr Sohn. Die Frau bittet ihn, sie mit einem großen Stein da rauszuholen. Doch der Junge schlägt bloß mit dem Stein auf die Mutter ein und sagt: „Plegded is pleged.“ Versprochen ist versprochen. Dann sieht man nur noch, wie aus dem Inneren des Baumes Hände nach dem Kopf der Mutter greifen.

Rund 100 Jahre später in der Gegenwart: Eine Familie ist in die US-amerikanische Kleinstadt Lytchfield gezogen, um neu anzufangen – Vater, Mutter und ihre jugendliche Tochter Sailor. Letztere hat erlebt, wie eine junge Frau, die sie gemobbt hat, in einen Baum hineingezogen wurde. Seitdem stand sie unter Mordverdacht. Doch nicht nur die Gerüchte lassen sich nicht abschütteln, auch die finsteren Gestalten aus dem Wald nicht. Darum geht es in Wytches, dem neuesten Wurf des Comic-Shootingstars Scott Snyder. Nachdem er sich mit einem frischen Zugang zu Batman und Superman sowie mit der Horror-Serie American Vampire einen Namen gemacht hat und für seine Mini-Serie The Wake den Eisner-Award bekam, hat er sich erneut auf dem Horror-Feld versucht. Dieses mal wird der Hexen-Mythos neu erfunden.

Wieder einmal ist die Kritik voll des Lobes für das Wunderkind der Comicbranche. Doch was taugt der erste Band, der soeben erschienen ist und die ersten sechs Hefte versammelt? Allein optisch ist Wytches eine Ausnahmeerscheinung. Jocks Zeichnungen sind unruhig, düster und unheimlich, seine Monster wahrlich schrecklich. Verstärkt wird der verstörende Effekt von den leuchtenden Farben von Matt Hollingsworth, der mit bunten Wasserfarben-Klecksen arbeitet. Dadurch haben die Panels zwar eine ungewöhnliche und einzigartig-psychdelische Stimmung, aber der Effekt wird so inflationär benutzt, dass er sich schnell verbraucht und man sich zum Schluss nach einigen Bildern ohne Kleckse sehnt, um nicht zu sagen: die Spritzerei nervt.

Und dann ist da noch die Story. Snyder schafft einige schreckliche und bizarre Situationen, wie ein Reh, das plötzlich im Haus steht und sich die Zunge abbeißt, und eine alte glatzköpfige Frau ohne Beine, die mit Prothesen um sich schlägt. Zugleich bricht er Hexen-Klischees auf, indem er eine neue Mythologie erfindet. Seine Wytches sind eben keine Witches – mehr soll aber nicht verraten werden. Seine Monster sind aber auch keine Figuren, bei ihm stehen die Menschen im Vordergrund. Snyder hat ein Talent für Storytelling und Charakterzeichnung. Doch während das für gewöhnlich die Stärke seiner Geschichten ist, ist es hier ein Problem: Durch die allzusehr in die Breite getretene Vater-Tochter-Beziehung, die in vielen Rückblenden ausführlich beleuchtet wird, verliert der Plot an Spannung und letztlich auch an seiner Unheimlichkeit. Am Ende geht es darum, welches Opfer ein Vater für seine Tochter zu tun bereit ist. Hinzu kommt, dass leider – wie so oft – auch hier der Horror von Hintergrund-Infos erstickt wird. Kurz: Das Unheimliche wird aufgeklärt, bis es seinen Reiz verliert.

Wenn die Geschichte des Genres eines gezeigt hat, dann dass das Schrecklichste die Ungewissheit ist, dass das Unerklärliche unerklärt bleibt. Deshalb funktioniert auch ein Wald-Hexen-Film wie Blair Witch-Project – trotz seiner Einfältigkeit – auch sehr gut. Deshalb wird Twin Peaks auch immer ein Musterbeispiel für die Mystifizierung des Waldes bleiben. Doch Wytches lässt sich dafür nicht allzuviel Zeit, bzw. Raum. Für Genrefans mag der Comic eine willkommene Abwechslung sein; sie könnten ihren Spaß daran haben und sich auf die Verfilmung freuen (die bestimmt nicht lange auf sich warten lassen wird). Alle anderen verpassen nicht viel, wenn sie sich nicht auf diese Späße einlassen.

Der Schriftzug „Volume 1“ auf dem Cover verspricht eine Fortsetzung. Doch eigentlich ist bereits ein Teil genug.

>> Scott Snyder/Jock: Wytches, Image 2015. (Noch nicht auf deutsch erschienen.)

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