Frankfurter Fragmente #9: Leaks

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Vor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt hat der US-amerikanische Künstler Doug Aitken eine Installation aufgebaut. Unten ist ein großes kreisförmiges Becken inmitten eines Haufens von Steinen, Schutt und Sand. Darüber schwebt eine quadratische Vorrichtung aus Rohren und Düsen. Daraus kommt Wasser: mal tropft es, mal schüttet es. Der Schall wird von Mikrofonen im Becken in Lautsprecher übertragen, sodass Echo-Effekte entstehen. Wie das bei Kunst so ist, kann man sich viel dabei denken. Für mich ist die Installation eine Allegorie auf ein Phänomen der Informationskultur. Das Phänomen der Leaks. Ständig tröpfeln Daten unterschiedlicher Quellen in das große, unersättliche Sammelbecken des Internets, mal mehr, mal weniger, aber konstant füllt es sich, ohne je überzuschwappen, und auf jeden Aufprall folgt ein gesteigertes Echo.

Informationen sind längst nichts Besonderes mehr. Leaks ragten zunächst aus der Masse raus, schienen an die Stelle der Scoops zu treten. Bevor sich traditionelle Medien auf Storys stürzten, war alles schon im Netz zu lesen. Als Wikileaks Geheimdokumente enthüllte, wurde das als die Freiheit der Internetguerillas gefeiert. (Dann kam Edward Snowden und er zeigte uns, dass unsere Rechner nicht bloß lecken, sondern ständig abgeschöpft werden – die dunkle Kehrseite des Internets.) Nichts ist mehr sicher vor dem Zugriff der Hacker, Hacktivisten und Whistleblower. Aber Leaks sind mittlerweile an der Tagesordnung, vor allem als kulturelles Phänomen inflationär. Leaks sind Ausdruck der Informationsgier und der Ungeduldigen. Wir wollen alles sofort haben, und immer schneller. Nachdem die ersten vier Folgen der fünften Staffel von Game of Thrones im Netz waren bevor sie auf HBO ausgestrahlt wurden, schrieb David Denk für die Süddeutsche: „Das Unbezahlbare am Leak ist, dass er das betroffene Kunstwerk mit der Aura des Begehrten auflädt, und zwar ganz egal, wie gelungen oder vergeigt es tatsächlich ist. Immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, es zu stehlen.“ Aber der Autor übersieht, dass Game of Thrones, genauso wie Superhelden-Blockbuster, diese Aufladung nicht nötig haben. Sie werden geleakt, weil sie bereits begehrt werden.

Das nimmt zum Teil absurde Ausmaße an. In der Filmbranche gibt es drei Phasen: Die Pre-Production, die Production und die Post-Production. Im Netz gliedert sich das so auf: Gerüchteküche, Leaks, Piraterie. Bevor offiziell Pläne für einen Film bekannt gegeben werden, sind im Netz schon dutzende Namen für Regie, Drehbuch und Cast kursiert. Im Fall von Sony wurden ganze Korrespondenzen veröffentlicht, unter anderem über Spider-Man und die Pläne mit dem Marvel Cinematic Universe. Im Fall von Quentin Taratinos nächstem Film, The Hateful Eight,  wurde sogar das Drehbuch ins Netz gestellt, noch bevor eine Szene gedreht wurde. Tarantino schmollte daraufhin und sagte das Projekt ab. Schließlich drehte er doch – mit umgeschriebenem Drehbuch. (Der Film soll im Dezember, bzw. Januar erscheinen.)

Phase 2, die Produktionsphase, ist die, in der die Fangemeinde in Netz sich gierig auf jedes Setfoto oder Filmausschnitt stürzt. Die Hochphase der Leaks. Bestes Beispiel: Batman v Superman. Der erste Teaser wurde geleakt, aber nie offiziell veröffentlicht. Der zweite wurde für den 15. Mai angekündigt, zum Kinostart von Mad Max: Fury Road – ein billiger Marketingtrick, um die Fans ins Kino zu locken. Schließlich stellte ihn jemand schon einen Monat zuvor ins Netz – in schlechter Qualität, aber immerhin. Kurz darauf reagierte Warner und stellte das Ding in HD online. Dumm nur, dass nun der Exklusivitätswert der geplanten Preview dahin war. Dafür wurde dann eine Extra-Szene eingebaut. Warner hatte sich blamiert. Immerhin hat man dazu gelernt und am Wochenende den ersten Trailer nach seiner Premiere bei der San Diego Comic-Con online herausgebracht.

Trotzdem ließ Warner am selben Wochenende zu, dass sich die Geschichte wiederholte: Dieses Mal mit Sucide Squad. Bei der  Comic Con wurde ein dreiminütiger Zusammenschnitt von Filmszenen gezeigt. Einen Teaser wollte man das nicht nennen, das Video war nicht für ein breites Publikum gedacht. Und wieder landete das Video im Netz, wieder in mieser Qualität, wieder zog Warner nach mit einer Flucht nach vorn. Zunächst gab man sich gekränkt, sprach von Vertrauensbruch. In einer späteren Stellungnahme gibt man sich uneinsichtig: Zwei Tage lang habe man unermüdlich daran gearbeitet, die Verbreitung einzudämmen, aber ohne Erfolg, heißt es darin. Deshalb veröffentliche man das Video in der Qualität, in der man es genießen sollte. „We regret this decision as it was our intention to keep the footage as a unique experience for the Comic Con crowd, but we cannot continue to allow the film to be represented by the poor quality of the pirated footage stolen from our presentation.“

Es zeugt schon von einiger Weltfremdheit, davon auszugehen, dass man die Verbreitung eines Videos im Netz eindämmen oder gar unterbinden könnte. Was einmal raus ist, lässt sich nicht mehr einfangen. Das heißt aber nicht, dass damit das Leaken gerechtfertigt wäre. Man muss zwar nicht gleich, wie Madonna, von „künstlerischer Vergewaltigung“ und „Terrorismus“ sprechen. Aber nur weil es ein paar Menschen gibt, die meinen, sich einen Sport draus machen zu müssen, die Ersten zu sein, sind das noch längst keine Freiheitskämpfer, die sich gegen ein veraltetes Urheberrechtsgesetz wehren oder die Kultur demokratisieren. Es ist viel profaner: Das ist schlicht Barbarei.

Wer meint, das Drehbuch lesen zu müssen, noch bevor der Film erscheint, wer meint, einen miesen Screener schauen zu müssen, statt eine Kinokarte zu kaufen, wer meint, mit seinem Smartphone draufzuhalten, wenn er das Privileg hat, vorab Zeuge eines Ereignisses zu sein, der hat nicht verstanden, worum es bei Kunstkonsum geht: um Genuss. Das heißt zum einen, die Künstler in Ruhe machen zu lassen. Das heißt zum anderen, sich bewusst auf das Werk einzulassen, wenn es fertig ist. Auch wenn es bloß ein Trailer ist. Je hochwertiger das Produkt, desto hochwertiger sollte auch seine Präsentation sein.

Wenn die großen Studios vermeiden wollen, dass mit unruhiger Hand abgefilmte Trailer auf YouTube landen, sollte sie ihre Marketingstrategien überdenken. Mittlerweile werden schon Teaser angekündigt wie die Filme selbst – mit Startterminen einen Monat im Voraus. Das schreit geradezu danach, von einem besonders Ungeduldigen geklaut und verbreitet zu werden. Man sollte nicht vergessen, dass Teaser und Trailer keine Kunstwerke sind, sondern Werbung für die eigentlichen Kunstwerke. Man sollte ein Interesse daran haben, sie möglichst schnell möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, wenn man seine Produktionskosten wieder einspielen will. Sobald man Filmmaterial auf der Comic-Con zeigt, sollte man es spätestens unmittelbar danach offiziell ins Netz stellen. Dann können sich die Messebesucher immer noch freuen, es als erste gesehen zu haben und man erspart sich viel Ärger.

Oder, um in der Allegorie zu bleiben: Wenn man nicht will, dass es tropft, muss man es manchmal einfach fließen lassen.

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