Frankfurter Fragmente #10: Trailer

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Im Kino hat man die meisten Déjà-vus. Wenn man Filme schaut, hat man oft das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. In Kurzform zwar, aber die wichtigsten, witzigsten oder spektakulärsten Szenen waren schon dabei. Bei fleißigen Kinobesuchern sogar mehrfach. Man nennt sie Trailer, diese kleinen Vorschauen zwischen der Eis-, Bier- und Kippenwerbung. Und wer’s kaum erwarten kann, zieht sie sich schon zu Hause rein. Doch so sehr man sich freut auf diese ersten Einblicke hinter den Vorhang, so sehr einen die ersten Bilder von Star Wars anfixen und sich Nostalgie mit Vorfreude vermischen, so sehr vermiesen sie einem auch das Sehvergnügen, weil Premieren dadurch keine mehr sind.

In der FAS steht heute der Satz zu Ant-Man: „Ein schon im Trailer gebührend gewürdigter Showdown findet auf einer Spielzeugeisenbahn statt.“ Und genau das ist das Problem. Die Szene hat jeglichen Reiz verloren, weil man sie schon mal gesehen hat. Man weiß was kommt, die Überraschung ist dahin – und ebenso der Witz, der einen nur beim ersten Mal hat lachen lassen. Ebenso bei Avengers: Age of Ultron. Da war es die Szene, in der die Helden der Reihe nach versuchen, Thors Hammer zu heben. Keiner kriegt ihn hoch – haha, aber im Film war das altbekannt, weil man den Trailer schon gefühlte 100 mal gesehen hat. (Und ich habe ihn sogar noch im Kino kurz vor dem Hauptfilm gezeigt gekriegt – warum auch immmer.)

Die Blüte der Trailer ist zugleich ihre Krise: Es gibt mittlerweile Teaser zu Teasern und Starttermine für Trailer und von den Trailern mindestens drei Versionen (ganz zu schweigen von den regelmäßigen Leaks). Auch weil die Trailer häufig zu lang sind, hat man danach das Gefühl, den halben Film gesehen zu haben. Wenn man schon nur bezahlt, um die andere Hälfte zu sehen, sollte man auch den halben Preis zahlen. Werbung, die eigentlich Lust machen soll, wird zum Spielverderber. So sehnt sich der Cineast zurück nach den Trailern im Psycho-Stil. Alfred Hitchcock hat keine einzige Filmszene gezeigt, sondern führte bloß über ein menschenleeres Set und zeigt auf wichtige Handlungsorte – sechseinhalb Minuten lang, aber ohne auch nur etwas über die Handlung zu verraten. Und damit tut er das einzig Richtige, denn jedes Wort über diesen Film wäre gespoilert gewesen.

In dieser Tradition steht das jüngste Star Wars-Video:

Aber moderne Trailer scheinen ohnehin für eine breite Mehrheit von Zuschauern gemacht zu sein, die zuvor alles wissen wollen, die noch im Kino sitzen und sich durchlesen, worüber der Film ist, den sie gleich schauen werden. Bloß keine Überraschungen. Die Hardcore-Fans studieren vor heimischen Rechnern jede Szene, gehen Hinweisen nach, interpretieren und spekulieren, was das wohl für die Handlung des Films bedeuten könnte. Je größer das Franchise, desto größer die Diskussion. Am Ende, wenn der Film erscheint, ist sie ohnehin hinfällig. Trailer sind eben keine Filme, auch wenn sie häufig besser sind als die eigentlichen Werke, weil sie eben ein Best-of präsentieren. Je spektakulärer der Trailer desto enttäuschender kann bloß der Film sein. Die Industrie hat das auch erkannt. Seit 15 Jahren gibt es sogar Preise für die besten Trailer (Golden Trailer Awards). Noch unterhaltsamer ist es jedoch, wenn die schlechtesten Szenen zusammenmontiert werden, wie bei den legendären Honest Trailers auf YouTube, die man sehen sollte, nachdem man sich über einen Film geärgert hat. Hier werden Filme mit brutaler Ironie auseinandergenommen, wodurch selbst Schund zu großer Unterhaltung aufgewertet wird. Wenn man aber ein Werk liebt, sollte man sich davor hüten, es sich vermiesen zu lassen.

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