Privatschnüffler gegen Privatschnüffelei

Panel Syndicate

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Stellen wir uns eine Zukunft vor im Jahr 2076 – ohne Internet. Denn die Cloud ist zerstört: Eines Tages kam die große Datensintflut, 40 Tage lang regneten die Daten ungehindert auf die Menschen ein, alles war für jeden sichtbar. Freundschaften, Beziehungen und Familien wurden zerstört, weil Geheimnisse offengelegt wurden. Im Jahr 2076 hört man wieder Schallplatten und Kasetten statt MP3s. Man schaut wieder mehr fern. Und man wird nicht ständig beobachtet. Im Gegenteil: Die Privatsphäre ist so wichtig, dass sich jeder eine Geheimidentität zulegt und auf der Straße mit einer (oft bizarren) Maske herumläuft. Die Polizei ist hier zugleich die Presse, Journalisten sind Ermittler, inklusive Trenchcoat und Fedorahut. Die beste Nachricht: Es werden wieder Zeitungen verkauft.

Dieses bunte, groteske Szenario bestimmt das Bild von The Private Eye, dem digitalen Comic von Brian K. Vaughan und Marcos Martin, das mit dem Eisner Award 2015 ausgezeichnet wurde – und zwar zurecht. Denn der Comic hat nicht nur einen originellen Ansatz (sogar mit großer Aktualität), sondern ist auch hervorragend gemacht. Knallbunte Farben, lebendige Figuren, pointierte Dialoge und eine dynamische Bildsprache, die die Möglichkeiten des (analogen!) Mediums nutzt, sind die Qualitäten, die diese zehnteilige Story ausmachen. Und das Schönste: die Künstler vertreiben ihr Werk selbst und man kann dafür bezahlen, was man will – von nix aufwärts. Jeder Cent geht direkt an die Künstler, ohne Prozente für Handel, Vertrieb oder Verlage.

Ein bunter Film Noir

Das farbenfrohe Erscheinungsbild steht im Widerspruch zur Handlung, die nach typischen Film Noir-Krimi-Mustern funktioniert. Am Anfang ist da eine schöne Frau, die den Privatdetektiv Patrick Immelman aufsucht (P.I., sein Deckname, für Private Investigator oder einfach Private Eye), weil sie einen neuen Job annehmen und dafür ihren Hintergrund checken lassen will, bevor es ihr künftiger Arbeitgeber tut. Doch kurz darauf ist sie tot – und P.I., der eingentlich nur fürs Herumschnüffeln und Fotografieren bezahlt wird, muss einem Mordfall nachgehen und wird selbst bedroht. Die Sache führt ihn über Umwege zu einem schurkischen Industriellen, der – so viel sei verraten – das Internet wieder zurückbringen will. Die Mission wird also auch ein Kampf für die Freiheit und Privatsphäre. Die Fehler der Geschichte sollen sich nicht wiederholen.

Der Held, ein schmaler junger Mann, ist ein analoger Hipster, der Vinyl hört, alte Detektivfilme schaut (The Maltese Falcon/Die Spur des Falken) der seine Maske am Hinterkopf, in Form einer Kapuze mit Grinsegesicht trägt, und jeglicher Technik misstraut. Er ist ein zwiespältiger Charakter: Sein Job, das Ausspionieren anderer, steht im Widerspruch zu der Freiheit und Privatsphäre, die er verteidigen möchte. Im Gegensatz zu ihm steht sein leicht seniler Großvater, der sich aus alter Gewohnheit ständig ins Internet einwählen will. In diesem alten Mann findet man sich als Leser wieder. An seiner Verzweiflung und Anhänglichkeit an alte Zeiten wird deutlich, wie abhängig man selbst ist von den Annehmlichkeiten des Netzes. Das Netz, so wird es im Comic auch explizit ausgesprochen, ist aber auch eine Metapher für etwas, in dem man sich verfängt und in dem eine Spinne auf seine Opfer lauert. Das Plädoyer ist klar. Der doppelte Boden ergibt sich aber schon in der Publikationsform: ein Webcomic über die Gefahr des Internets. Damit sind die Schöpfer zwar zum einen näher am Zielpublikum, zum anderen aber konterkarieren sie sich selbst. Allerdings ermöglicht ihnen ihr Eigenverlag im Internet totale künstlerische Freiheit und eine potenziell größere Gewinnspanne.

Dystopie oder Utopie?

Die Ambivalenz des Konzepts geht jedoch weiter. Denn der interessanteste Aspekt an diesem Comic ist, dass man nicht eindeutig sagen kann, ob es sich um eine Dystopie oder Utopie handelt. Einerseits spielt The Private Eye in einer Art postapokalyptischem Szenario nach dem digitalen GAU, andererseits scheint die Schöne Neue Welt, in der sich jeder hinter einer Maske verbirgt, nur scheinbar utopisch, weil das Extrem der öffentlichen Selbstoffenbarung in ein anderes umschlägt, nämlich der paranoiden Verschanzung vor der Außenwelt. Digitale Avatare werden für analoge eingetauscht, eigentlich ändert sich also nichts. Auch die Neugier, hinter die Maske zu schauen, bleibt. Und dass eine Welt ohne Internet zwangsläufig eine bessere ist, wird ebenfalls verneint. Die USA haben sich mit einer hohen Küstenmauer vor dem angestiegenen Meeresspiegel und Riesenwellen verschanzt, während anderswo Elend und Hunger weitergehen. So ist The Private Eye im Wesentlichen wie jede gelungene Zukunftsvision: nichts als ein Spiegel der Gegenwart.

>> http://panelsyndicate.com

4 Kommentare

  1. Hört sich sehr reizvoll an. Ich liebe utopische Stoffe und Noir. Allerdings widerstrebt es mir, Comics digital zu lesen. Ersrens habe ich als Endgerät nur einen PC und zweitens will ich das Gelesene ins Regal stellen. Von daher warte ich ab, ob der Spaß noch im Printformat erscheint.

    1. Das geht mir auch so mit dem Gedruckten. Aber nach eigenen Angaben planen die Autoren leider nicht, The Private Eye drucken zu lassen. Vielleicht bietet sich für die Lektüre ein Tablet gut an. Aber auch auf dem Laptop geht das Lesen gut, da das Comic ein Querformat ist. Jedenfalls sollte man sich vom Digitalen nicht abschrecken lassen, sonst entgeht einem was.

      1. Ich hab aber nur einen PC und ein Notebook. Früher habe ich schon einiges digital gelesen und dann wieder aufgehört. Wenn es keine Alternative gibt, dann mach vielleicht eine Ausnahme, mal schauen.

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