Jugend, verweile doch!

Reprodukt

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Der Comic Ein Sommer am See (engl. This One Summer) ist eine Idylle über das Auskosten des Urlaubs und wurde mit dem diesjährigen Eisner-Award ausgezeichnet. Er ist jedoch nicht mehr als eine seichte Strandlektüre.

Die Ferien beginnen nicht erst am Strand. Sondern schon früher, mit dem Vorgefühl dessen, was kommt. Schon auf der Autobahn, wenn man im Stau steht. Auf der Landstraße, wenn es sich lohnt, aus dem Fenster zu schauen. Lohnt es sich nicht, kann man immer noch Comics lesen (falls einem beim Lesen im Auto nicht schlecht wird). Und wenn man dann endlich angekommen ist, in der Ferienwohnung am Strand, lässt man sich einfach so auf sein Bett fallen – wie in einen Swimming Pool. So geht es dem Mädchen Rose, das mit ihren Eltern gefühlt schon immer nach Awago Beach in den Sommerurlaub gefahren ist, dem Ort, wo das Bier auf Bäumen wächst und man bis elf schlafen kann – so sieht es jedenfalls der Vater.

Der Comic Ein Sommer am See von Jillian und Mariko Tamaki, der jüngst mit dem Eisner Award ausgezeichnet wurde, handelt vor allem von diesem Auskosten der vielen kleinen Momente, die einen Sommerurlaub ausmachen, wenn man ein Kind ist. Aber um die Kehrseite geht es in dem Buch auch: ums Erwachsenwerden, mit dem der unbeschwerte Genuss solcher Tage verloren geht.

Der weiße Hai ist bloß Fake

Rose trifft sich wie jedes Jahr mit ihrer anderthalb Jahre jüngeren Freundin Windy. Sie bilden ein ungleiches Paar: die dünne Besonnene und der pummelige Wirbelwind. Die beiden vertreiben sich die Zeit mit Schwimmen, Gesprächen über das Wachsen von Brüsten, das ihnen noch bevorsteht, und dem Schauen von Horrorfilmen, für die sie eigentlich noch zu jung sind, wie etwa Texas Chainsaw Massacre, Freitag der 13., Nightmare on Elm Street, Der weiße Hai. Allerdings erweckt es nicht den Anschein, als würden diese Filme den Kindern schaden. Den weißen Hai durchschaut Rose gleich als Fake. Die wahren Schrecken des Lebens liegen woanders.

Im Hintergrund dieser Sommer-Idylle spielen sich in der Welt der Erwachsenen und Heranwachsenden Dramen um die Folgen der Geschlechtsreife ab: Während Roses Mutter sich ein weiteres Kind wünscht, aber keins bekommen kann und darunter ihre Ehe leidet, wurde die jugendliche Jenny unabsichtlich von Duncan geschwängert, der sich vor der Verantwortung zu drücken versucht. Rose verguckt sich in den Jungen, der im einzigen Laden des Urlaubsorts arbeitet, und entdeckt damit ihre eigene Sexualität. Windy ist wiederum ein Adoptivkind und ihre Mutter wünscht sich angeblich kein weiteres mehr. Jedes Stadium der Entwicklung, jede Form des Frustes und des Glückes mit der Fortpflanzung wird hier durchgespielt.

Einmal wieder Kind sein

Während es zunächst den Anschein erweckt, als liefe es darauf hinaus, dass Rose sich wegen des Altersunterschieds von Windy distanziert, beweist ihre Freundin, dass sie in manchem die Vernünftigere ist, etwa wenn sie Rose klarmacht, dass nicht alle Frauen Schlampen sind und Rose eine Sexistin sei, wenn sie das behaupte. Jede ist auf ihre Weise ihrer Zeit voraus, während die Erwachsenen sich wünschen, die Zeit zurückdrehen zu können: „It’s all just adult junk that doesn’t mean anything“, sagt der Vater einmal zu Rose nach einem Streit mit seiner Frau. Bedeutung hat im Umkehrschluss bloß das, was die Kinder erleben. Die Mutter sehnt sich nach der Kindheit zurück, als sie sich noch nicht ums Kinderkriegen sorgen musste und keinen Ehestreit hatte: „I wish I was a little kid. So I could just scream and be mad. … I wish I could just … disappear.“

Ein Sommer am See ist ein wehmütiges Buch, das die Höhepunkte der Jugend zelebriert, den Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein festzuhalten versucht, bevor es mit den Hormonen, dem Sex und der Ehe losgeht und damit die Unschuld endet. Jillian und Mariko Tamaki lassen ihrer Geschichte Raum für die vielen kleinen Momente und Geräusche, wie Schritte auf einem Kiesweg, ein Stock, der durch das Gras fährt, die Kakophonie von Zirpen und Brummen von Wald und Wiese am Abend.

Dümpelhaft und oberflächlich

Mariko Tamakis monochrome, dunkelblaue Zeichnungen erinnern in ihrer Schlichtheit an Craig Thompson (Blankets, Habibi) und Scott McCloud (Der Bildhauer), lassen aber auch einen deutlichen Manga-Einfluss erkennen, und fangen nicht nur die Lebendigkeit ihrer Figuren, sondern auch die ihre Dynamik ihrer Umwelt ein. Jeder Stimmung, jedem Wetter, jedem Detail wird hier eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, auf beeindruckenden Doppelseiten werden Strand, Wald, Wasser und Himmel ausgebreitet, jedes Panel sagt: Augenblick der Jugend, verweile doch, du bist so schön!

Diese romantische Schwelgerei ist zwar der Stoff, aus dem die Kunstpreise sind, aber auf über 300 Seiten wirkt sie zu dümpelhaft und die Konflikte werden zu oberflächlich abgehandelt. Etwas mehr Dramaturgie hätte dem Comic gutgetan. Daher ist das Buch nicht mehr als eine seichte Strandlektüre und auch so, wie die Jugend, die er inszeniert: im Wesentlichen schön, aber es ist auch gut, wenn sie irgendwann vorbei ist.

>> Jillian und Mariko Tamaki: Ein Sommer am See, Reprodukt 2015. (Original: This One Summer, First Second 2014)

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