Expedition in die Psyche

Disney/Pixar

Disney/Pixar

Mit Alles steht Kopf (Inside Out) hat Pixar wieder zur alten Form zurückgefunden: Neue Welten zu erschaffen, interessante Charaktere hineinzusetzen und sie eine mitreißende Story erleben zu lassen. Allein die Grundidee, die Story im Kopf spielen zu lassen, ist genial. Während die äußere Handlung so schlicht und alltäglich ist, wie sie nur sein kann (ein Mädchen zieht mit Eltern um und hat Startschwierigkeiten), geht in dem Kopf der Protagonistin die Post ab. Die Handlung tragen die fünf Grundemotionen Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst – jede von ihnen brillant charakterisiert, denn keineswegs sind die kleinen bunten Männchen so einseitig wie sie klingen, sodass man jeden von ihnen für ihre Schrullen gern haben muss. Ganz abgesehen davon sind die Figuren hervorragend animiert – aber darin ist Pixar ohnehin Meister.

Bei der Mission, die die Antagonistinnen Freude und Kummer im Kopf erleben, dringen wir ein in eine visualisierte Welt der Psychologie: Das Labyrinth voller Erinnerungen, die jeweils als Kugeln in Regalen lagern, die Persönlichkeitsinseln, das Unterbewusstsein, wo Dämonen wie Omas Staubsauger, ein Clown und ein Broccoli-Baum unter Verschluss gehalten werden, sowie die finstere Halde im Abgrund, wo sich die Erinnerungen unwiderbringlich auflösen. Wir sehen, dass Träume gedreht werden wie Daily Soaps (billig, mit miesen Darstellern und noch mieserem Drehbuch), wir sehen, wie konkrete Figuren abstrahiert werden, und wir erfahren, was mit imaginären Freunden entsteht, sobald sie überwunden sind. Diese Welt steckt voller grandioser Einfälle und Überraschungen.

Wie viele Pixar-Filme handelt auch dieser vom Erwachsenwerden. Damit knüpfen die Macher an ihre Anfänge mit Toy Story an und schaffen es erneut, die Überwindung der Kindheit als großes Drama darzustellen. War der Junge in Toy Story noch sorglos und bloß die armen, vernachlässigten Spielzeuge mussten um ihr eigenes Überleben kämpfen, ist hier auch das Kind leidtragende Figur, während die Charaktere im Hintergrund sich bemühen, die Persönlichkeit des Mädchens zu retten. Pixar dreht die Verhältnisse um: Hier werden nicht innere Konflikte in eine äußere Handlung gespiegelt, sondern äußere Konflikte im Inneren ausgetragen. Und so ist es das Schicksal der personifizierten Emotionen, das zu Herzen geht. Und wenn sich der imaginäre Freund Bing Bong (der überwiegend aus Zuckerwatte besteht) auf der Halde der Erinnerungen auflöst, bewegt das mindestens so sehr wie die Szene in der Müllverbrennungsanlage bei Toy Story 3.

Einzig der Kurzfilm Lava, den Pixar nach alter Tradition dem Hauptfilm voranstellt, enttäuscht. Singende Vulkane, die sich nach Liebe sehen? Das funktioniert nur leidlich – ganz abgesehen von dem Stilbruch im Vergleich zu den bisherigen, rein pantomimischen Meisterwerken. Aber schon The Blue Umbrella (zu Die Monster Uni) zeugte von einer eigenartigen Einfallslosigkeit. Gegenstände, denen man Gesichter verleiht? Das kann Pixar viel besser. Trotzdem soll ein dritter Cars-Film gedreht werden …

Der nächste Film ist jedoch Arlo & Spot (The Good Dinosaur), der bereits am 26. November erscheint. Ein neuer Stoff, der aber dem Trailer nach zu urteilen, nicht gerade innovativ erscheint: Dinos treffen Menschen. Auch die weiteren Pixar-Filme versprechen nicht viel Neues: Für nächstes Jahr ist die Nemo-Fortsetzung Finding Dory angekündigt, danach folgt Toy Story 4. Die Hoffnung ruht auf Coco, der vom Totenkult in Mexiko handeln soll. Ein gewagtes Thema, aber sich an ein solches heranzuwagen war immer die Stärke von Pixar. Die Animationspioniere sollten sich lieber auf solche Stoffe konzentrieren und neue Wege beschreiten, an Kreativität mangelt es nicht. Aber die Verwertungsmechanismen von Disney verlangen es wohl, dass man bestehende Universen ausschlachtet, um noch mehr Spielzeug zu verkaufen. Das ist schade. Aber es tröstet zumindest sich vor Augen zu halten, dass Pixar auch in Fortsetzungen bisher triumphiert hat. (Außer bei Cars natürlich, aber da scheiterte schon Teil eins an der hinkenden Grundidee.)

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