Wie Daredevil begann

Panini Verlag

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Mit Der Mann ohne Furcht hat Frank Miller Daredevils Entstehungsgeschichte neu erzählt. Sie diente als Vorlage für die Netflix-Webserie. Der Klassiker ist nun erneut auf deutsch erschienen.

Bescheiden war Frank Miller noch nie. Musste er auch nicht, denn was er in den 80ern mit Daredevil und Batman angestellt hat, waren nicht bloß exzellente Superhelden-Geschichten, er schrieb damit auch Comic-Geschichte: Was The Dark Knigth Returns für Batman war, das war Born Again (dt. Auferstehung) für Daredevil. Doch dann kam Miller mit Year One zu Batmans Ursprüngen zurück, und so lag es nahe, dass er auch Daredevils Entstehungsgeschichte neu erzählte: „Let’s make this the Daredevil bible“, soll Miller Ende der 80er zu seinem Zeichner-Kollegen John Romita Jr. (Sohn eines frühen Daredevil-Zeichners) gesagt haben. Geplant war zunächst ein 64-seitiger Comic, dann kamen noch 90 Seiten dazu, doch dann verzögerte sich die Veröffentlichung bis 1993 und am Ende erschien The Man Without Fear als fünfteilige Mini-Serie.

Nun, da Marvel mit seiner Netflix-Webserie dem Superheld ein neues Publikum erschlossen hat, nämlich die Fans des wachsenden Cinematic Universe, legt der Panini Verlag die Daredevil-Comic-Klassiker neu auf. Nach Auferstehung folgt nun also Der Mann ohne Furcht. Wer das Buch liest, wird schnell merken, wo die Macher der Netflix-Serie ihre Inspiration her haben. Miller und Romita erzählen streng chronologisch die Geschichte von Matt Murdocks Jugend vom Kind bis zum selbständigen Anwalt, vom Rächer in zivil bis zum maskierten Vigilanten. Wie in der ersten Staffel der Serie bekommt er auch hier sein rotes Kostüm erst zum Schluss.

Niemals aufgeben

Im Vordergrund steht – wie schon bei Auferstehung – nicht der Superheld, sondern der Mensch Matt Murdock. Die Geschichte hat im Wesentlichen drei Teile: Im ersten geht es um Matts Beziehung zum Vater, dem Boxer, der für einen Gangster Schutzgeld eintreibt und dann ermordet wird, nachdem er im Ring nicht zu Boden gehen will. Der Vater impft dem Sohn den Gedanken ein, dass es okay sei, zu verlieren, aber man niemals aufgeben dürfe. Andererseits schärft er Matt auch ein, seine Probleme nicht mit den Fäusten zu lösen. Der Sohn erblindet bei einem Unfall, wird von einem alten Blinden namens Stick darin ausgebildet, seine anderen Sinne zu schärfen und zu kämpfen. Schließlich rächt der Sohn den Vater, dabei kommt durch ein Versehen eine unbeteiligte Frau um – eine Schuld, die Matt noch lange verfolgen wird.

Im zweiten Teil hat Matt als Student eine Affäre mit Elektra, einer verzogenen Überfrau, die alles kann und aus Spaß Vergewaltiger in engen Gassen tötet. Auch Matt ist für sie zunächst ein Spiel, bis sie in ihm einen Gleichgesinnten findet. Matt erscheint hier allerdings allzu naiv und buchstäblich blind vor Liebe. Nach dem Tod ihres Vaters verlässt Elektra ihn plötzlich. Obwohl durch die Figur eine gewisse Leichtigkeit und auch ein wenig Witz in die Story kommt, bleibt diese Episode ohne großen Bezug zum Rest der Handlung in der Luft hängen.

Im dritten Teil legt sich Matt schließlich mit dem organisierten Verbrechen an und macht sich bei seinem späteren Erzfeind Kingpin unbeliebt. Hier bekommt die Story einen sehr ernsten Ton: Der Gangsterboss lässt nämlich unter anderem Kinder entführen, um mit ihnen Filme zu drehen – man kann sich denken, was für Filme das sind. Matt muss eine 14-Jährige befreien, mit der er sich angefreundet hat. Hier maskiert sich der Held zum ersten Mal, ganz in schwarz (wie in der Webserie), und bewaffnet sich mit dem Schlagstock, den er als Junge einem Polizisten abgeluchst hat.

Stimmige Einführung in Daredevil

Der Mann ohne Furcht ist eine noch besssere Einstiegslektüre für Daredevil-Leser als Auferstehung: Man kann ohne jegliches Vorwissen der Story folgen und wird intensiv in die Grundkoflikte von Matt Murdock eingeführt. Seine Motivation wird im ersten Teil plausibel gemacht durch zwei Traumata: Zuerst wird er gehänselt und zusammengeschlagen, dann wird er zur Waise. Daraus speist sich sein Verlangen, dass sich Menschen an die Regeln halten, und zugleich lernt er, sich zu wehren, wenn sie es nicht tun. So wird aus ihm ein Anwalt mit einem Gerechtigkeitssinn und Fähigkeiten, ihn in auf zwei Weisen zu gebrauchen: einmal als Vertreter des Rechts, ein andermal als Vertreter der Gerechtigkeit. Es ist eine harte Welt, in der sich Murdock zurechtfinden muss: eine Welt, in der Menschen einander zum Spaß misshandeln und töten. Mit der Zeit härtet der Held ab und obwohl er niemanden umbringen will, nimmt er es in Kauf, wenn seine Gegner im Kampf draufgehen.

In gewisser Hinsicht ist Der Mann ohne Furcht stimmiger als Auferstehung, so gibt es zum Beispiel kein so übertriebenes Finale. Alles bleibt bescheiden und intim. Als Zeichner steht John Romita Jr. seinem Vorgänger David Mazzucchelli in nichts nach, allerdings sind seine Zeichnungen deutlicher düsterer und profitieren von den weniger grellen Farben. Und Frank Miller? Der erzählt, wie nur er es kann.

>> Frank Miller/John Romita Jr.: Daredevil – Der Mann ohne Furcht (The Man Without Fear), Panini Verlag 2015.

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