Ein Typ mit Pfeilen

Warum Matt Fractions Comic-Serie Hawkeye das Superheldengenre neu erfindet.

Wenn man im Comicladen steht und überlegt, wie man sein schwer verdientes und viel zu knappes Comic-Budget am klügsten anlegt, wenn man mit dem Marvel-Regal liebäugelt, springen einen viele bunte Helden an, die man aus dem Kino kennt, und versprechen aufregende Abenteuer: Spider-Man, Iron Man, Wolverine, Captain America, Daredevil … Doch an einen denkt man dabei ganz bestimmt nicht: Hawkeye. Ihr wisst schon, der Bogenschütze von SHIELD, im Film gespielt von Jeremy Renner, der auch schon das Bourne Vermächtnis erben und bei Mission Impossible der HiWi sein durfte.

Hawkeye? Das ist doch bloß ein Typ mit Pfeil und Bogen. Richtig, aber offenbar braucht es nicht mehr. Anders kann man es sich nicht erkären, warum DC mit seinem Pendant Arrow eine Staffel nach der anderen raushaut und obwohl das Niveau gleich Schund ist (kein Vergleich zu Marvel’s Daredevil auf Netflix) Millionen Menschen zuschauen. Hawkeye hingegen macht bei Marvel als Comic-Held eine bemerkenswerte Karriere. In den vergangenen Jahren wurde die Serie mehrfach für Harvey- und Eisner-Awards nominiert, zwei davon bekommen. Verantwortlicher Autor ist Matt Fraction, der sich bei den Preisverleihungen selbst mit seiner eigenen Serie Sex Criminals Konkurrenz macht.

Ein Held hat keine Freizeit

Der Panini-Verlag hat Fractions Hawkeye in zwei „Megabänden“ herausgebracht. Und wer Superhelden einmal anders erleben möchte, dem sollten es die rund 50 Euro wert sein. Die Prämisse ist einfach: Clint Barton alias Hawkeye ist der beste Scharfschütze der Welt und Mitglied der Avengers. „This is what he does when he’s not being an Avenger“, heißt es zu Beginn der US-Ausgabe. „That’s all you need to know.“ Eigentlich ist Hawkeye hier auch nur selten Hawkeye, sondern einfach nur Clint Barton, der Typ mit Pfeilen. Meistens läuft er hier in zivil rum und erlebt Abenteuer im Alltag. Zum Beispiel einen Hund retten. Oder gegen Mietervertreibung und Gentrifizierung in New York vorgehen. Oder er legt mal eben eine Frau flach, die ihm kurz darauf Ärger mit Gangstern in Trainingsanzügen einbringt. Meistens sind es nicht die weltbewegenden Dinge, die hier passieren, sondern die Kleinigkeiten, auf die es ankommt: Einem Nachbarn beim Hochwasserschutz helfen oder Kabelsalat mit Tony Stark entwirren, um endlich die Lieblings-Serie schauen zu können. Doch eigentlich kommt Clint Barton kaum zu einem Privatleben: Ein wahrer Held ist immer im Dienst.

Warum sollte uns das interessieren? Weil es einfach großartig erzählt ist: So selbstironisch und lakonisch wie es die Marvel-Filme in ihren besten Momenten sind, so bescheiden und so ungemein kurzweilig. Clint ist (anders als im Film) kein Familienvater mit Landhausidylle, sondern ein amerikanischer Durchschnittstyp, ein Jedermann, der mit seinem Leben nicht viel anzufangen weiß – und dadurch birgt er viel Identifikationspotenzial. Es braucht keine Einführung in die Vorgeschichte des Charakters, die Storys sind selbstgenügsam und fügen sich nur lose zu einem größeren Plot. Diese Bescheidenheit transportieren auch die Zeichnungen von David Aja. Er beschränkt sich auf die wesentlichen Striche, aber seine Figuren wirken sehr lebensnah, schlicht sind auch die flächigen und gedeckten Farben von Matt Hollingsworth, der Violett als traditionelle Hawkeye-Farbe vorherrschen lässt. Aja variiert stark im Aufbau seiner Seiten, zwischen winzigen und großen Panels, lässt auch mal viel Weißraum – Luft für die Geschichte.

Hund wird zum Detektiv

Manchmal bedient er sich auch schematischer Darstellungen und Piktogramme (eine Technik, die auch Chris Ware in Jimmy Corrigan gekonnt eingesetzt hat). Wie zum Beispiel in Ausgabe elf, einer Ausnahme-Story, denn hier erzählen Fraction und Aja aus der Sicht von Hawkeyes Hund „Lucky, the Pizza Dog“. Was banal klingt, ist genial in die Tat umgesetzt, denn der Hund versteht zwar nur einzelne Wörter der Sprache, dafür aber begreift er umso mehr, was er erschnuppern kann. So wird der Hund zum Dektektiv in einem Mordfall. Eine Meisterleistung des Erzählens in Bildern, die zurecht ausgezeichnet wurde. Es ist nicht das einzige Experiment: Ein Kapitel erzählt eine Allegorie auf Bartons Leben im Stil einer überdrehten Zeichentrickserie (Hawkeye ist ein Hund und ein Teil des Tier-Superheldenteams Winter Friends), ein weiteres ist fast ausschließlich in Gebärdensprache, die kaum übersetzt wird.

Abgesehen von solchem Mut zu formalen Wagnissen verdankt die Serie ihren Reiz zum großen Teil dem Humor. Ein Running Gag ist der Satz: „Okay, this looks bad“, was an „I have a bad feeling about this“ aus Star Wars erinnert und paradigmatisch für das Leben des Helden steht. Denn Clint Barton steckt eigentlich immer in der Klemme und kommt nur mit Glück, einer Reihe von Trickpfeilen und der Hilfe seiner Kollegin, Konkurrentin und auch Schülerin Kate Bishop, der weiblichen Hawkeye, mit dem Leben davon. In Megaband 2 (US-Paperback Vol. 3-4) teilt sich die Story auf: Die erste Hälfte handelt von Kate Bishop, die in Los Angeles als Superheldin auf Bestellung ihr Glück versucht. Dabei gewinnt sie zwar Freunde, aber verdient kaum Geld. Ihre liebenswert-naive bis schusselige Art, sich durchs Leben zu schlagen, erinnert stark an Suzie, die Heldin aus Sex Criminals, aber wer den Charakter mochte, wird auch über Kate schmunzeln können. Zugleich wird klar, wie sehr sie doch ihrem Mentor ähnelt. In der zweiten Hälfte, dem Finale, muss Clint Barton gegen die Feinde antreten, die er sich von Anfang an gemacht hat.

Ein Treffer ins Schwarze

Der Showdown hat leider seine Schwächen, auch einige logische Lücken. Bedauerlich ist auch, dass nicht alle Zeichnungen von David Aja stammen und nicht alle seiner Kollegen das gleiche Niveau halten können. Die Seiten von Francesco Francavilla (Batman: Der schwarze Spiegel) bilden da zwar eine angenehme Ausnahme, nur leider brechen sie zu sehr mit dem übrigen Stil. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Denn Hawkeye bietet einen bemerkenswerten, frischen Zugang zur Welt der Superhelden und ist ein großer Spaß für alle, die das große Weltenretter-Gedöns nach Schema F anödet oder überfordert. Die Serie zeigt, dass in diesen Figuren noch viele gute Geschichten stecken, solange es noch talentierte Erzähler gibt, die sie ihnen entlocken können.

>> Fraction/Aja u.a.: Hawkeye: Megaband 1/2. Mein Leben als Waffe/Mein Leben als Held, Panini 2015.

>> US-Paperbacks: Hawkeye Vol. 1-4.

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