Postapokalyptische Dekadenz

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Warum der Comic Suiciders von Lee Bermejo ein Hingucker ist.

Nach einem großen Erdbeben ist Los Angeles alles andere als die Stadt der Engel. Die Stadt ist abgespalten vom Rest der USA und auch in sich gespalten: Auf der einen Seite der Mauer liegt New Angeles, wo kaum jemand ohne Schönheitschirurgie, Implantate oder Prothesen lebt. Zur Belustigung der Massen dient nicht mehr die Traumfabrik Hollywood, sondern das brutale Gladiatorenspiel der sogenannten Suiciders. Auf der anderen Seite liegt Lost Angeles, ein trostloser Ort, vom dem immer wieder Menschen in den besseren Teil der Stadt zu fliehen versuchen. Wer erwischt wird, wird sofort von Grenzern mit Maschinengewehrkugeln zerfetzt.

Die Zukunft bietet keinen Fortschritt, sondern einen Rückfall zu antiker Rohheit und spätrömischer Dekadenz. Doch wie üblich erzählt auch diese Dystopien nicht von der Zukunft, sondern hält der Gegenwart den Spiegel vor. Die Comic-Serie Suiciders handelt vom Kampf ums Überleben in einer Zweiklassengesellschaft und Unterhaltung auf Kosten der moralischen Abstumpfung, vom Selbstoptimierungswahn einerseits und von der Verzweiflung, der blanken Not zu entkommen. Damit ist der Band auch ein Beitrag zur aktuellen Flüchtlingskrise (wenn auch in den USA eher die Zuwanderung über den Tortilla Curtain das naheliegendere Thema ist).

Die Story hat zwei Helden: Der eine ist The Saint, Superstar der Suicider, der auf der Höhe seines Erfolges von seinem Manager abserviert werden soll, der andere ist ein namenloser, bärtiger Muskelberg aus Übersee, der dank seines Talents zum Töten zum Suicider wird. (Zwischendurch stellt sich die Frage, warum The Saint gepanzert und bewaffnet auftritt und der Namenlose bloß überdimensionale Boxhandschuhe trägt.) Am Ende kommen die beiden Erzählstränge zusammen. Dann gibt es noch einen maskierten Schleuser und ein paar andere Gangster, Schergen und Auftragsmörder. Und auch wenn die ganze Gewalt bloß Mittel zum Zweck ist, um die zynische, perverse Gesellschaft darzustellen, ist das Ausmaß so groß, dass sich auch mit der Zeit auch Überdruss an den ganzen üblen Gestalten und ihrem Gemetzel einstellt. Die wenigen anständigen Menschen hier sterben schnell oder sind Kinder und Frauen mit großen Augen, die nichts als Unschuld ausstrahlen – und dadurch so eindimensional erscheinen wie die meisten anderen Figuren.

Dennoch hat man das Gefühl, in eine detailreich ausgestaltete eigene Welt einzutreten. Diese Dystopie einer grausamen Gesellschaft wäre schwerer erträglich, wenn sie nicht so wunderbar inszeniert wäre. Autor und Zeichner  ist nämlich Lee Bermejo, der bereits Batman (Noel, Joker) und Superman (Luthor) eine Aura zwischen lebensnahem Realismus und romantischer Überhöhung verliehen hat. Sein detailreicher Stil wird noch gestützt durch eine stimmungsvolle Farbgebung von Matt Hollingsworth. Das Drastische war selten so schön – allerdings ohne es zu verherrlichen.

Das eigentliche Problem an dem ersten Band ist das von fortlaufenden Comicserien: Da hier nur die ersten sechs Hefte versammelt werden, hat man keine abgeschlossene Geschichte und man wird wahrscheinlich noch eine Weile auf die Fortsetzung warten müssen. Über die gesamte Story kann man daher zwar nicht urteilen, aber das Interesse ist geweckt.

>> Lee Bermejo: Suiciders Vol. 1, Vertigo 2015. (Noch keine deutsche Ausgabe.)

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