Es müssen nicht immer Nazis sein

Was wäre wenn … ? Das ist wohl die zentrale Frage jeder Fiktion. Sie regt des Menschen höchste Gabe, die Vorstellungskraft, an. Sie befriedigt die Neugier nach den Dingen, die unergründbar sind. Und das schönste: Es gibt keine Grenzen. Alternative Geschichtsszenarien sind daher besonders beliebt, weil man es mit Fakten noch weniger genau nehmen muss als sonst. Eines, das die Fantasie vieler Autoren beflügelt hat, ist dieses: Was wäre, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Das Horror-Szenario schlechthin. Vielleicht gar die Mutter aller Dystopien. Nazis ziehen immer. Sie sind die perfekten Schurken, die idealen Unterdrücker, das personifizierte Böse. Ein Hakenkreuz ist mittlerweile eindeutiger als Hörner und Pferdefuß. Für Amerikaner rufen vielleicht nur Hammer und Sichel so viele Urängste heror. Und auch bei den Deutschen ziehen Nazis immer. Fast.

Die Amazon-Serie The Man in the High Castle, die auf einem Roman von Philip K. Dick (Total Recall, Minority Report) basiert, reizt diese Vorstellung aus. In den frühen 60er Jahren sind die USA zwischen dem „Greater Nazi Reich“ und den Japanern aufgeteilt, dazwischen eine neutrale Zone. Hakenkreuze überall – selbst auf Telefonwählscheiben -, damit man auch ja nie vergisst, in welcher schlimmen Welt wir uns befinden. Die wahren Greuel kommen aber nur am Rande vor: Euthanasie, Vergasungen, Verbrennungen und Massengräber. Der Rest ist typisches Dystopia: Totale Kontrolle, Überwachung, Paranoia, Willkür, Verhöre mit Folter. Und natürlich ein Widerstand. Eine Frau aus San Francisco, die durch Zufall in Gefahr gerät, ein Nazi-Spion aus New York, der sich für einen Rebellen ausgibt. Man trifft sich in der Mitte, der neutralen Zone, um dem Chef der Widerstandsbewegung, dem ominösen Mann im hohen Schloss, einen verbotenen Film zu überbringen, einen Film, der eine alternative Geschichte zeigt: darin haben die USA den Krieg gewonnen. Ist das Fiktion? Propaganda? Die Wahrheit? Die Zukunft? Ein Paralleluniversum?

Man weiß es nicht. Und erfährt es in den ersten zehn Folgen nicht – bis erst in der letzten Szene der ersten Staffel eine Lösung angedeutet wird. Trotz dieser McGuffins, dem roten Faden, der die Erzählung spannend machen könnte, tritt die Handlung so oft auf der Stelle, wirken die Protagonisten so unentschlossen, planlos und lethargisch, dass man am liebsten selbst zur Tat schreiten würde – aber leider kann man nicht, leider ist ja alles nur Fiktion. Denn in der Realität sind die Dialoge zwar auch nicht häufig intelligenter, aber immerhin sind die Menschen nicht so eindimensional. Die Guten verkörpern die reine, naive Unschuld, die Bösen ausgefuchst wie es nur bei imaginären Übermenschen denkbar ist (natürlich auch Hitler) und die Wankenden schnell bekehrt. Und so bleibt The Man in the High Castle eine Serie, die die Neugier, die sie mit ihrer Prämisse weckt, schnell verspielt. Sie erschöpft sich im „Was-wäre-wenn?“ In diesem Fall ist aber die „wahre Geschichte“ eindeutig die spannendere – und selbst die reißerischen Nazi-Dokus des deutschen Fernsehens die bessere Wahl.

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