Der Wahnsinn im Nahen Osten

Knaus

Knaus

Seit fünf Jahren vernichtet ein Bürgerkrieg Syrien. Ein nicht vorstellbarer Wahnsinn. Wo dieser Wahnsinn, der zu einem großen Teil der Assad-Diktatur geschuldet ist, herkommt, das erzählt Riad Sattouf in seinem autobiografischen Comic Der Araber von morgen. Im ersten Teil gingen Riad und seine Eltern, eine Französin und ein Syrer, zunächst nach Libyen und ließen sich schließlich in Syrien nieder. Der Vater versuchte eine Karriere an der Universität, aber sein mageres Einkommen reichte gerade einmal für das Nötigste in einem Land, in dem es häufig am Nötigsten fehlt. Sattouf beschrieb, ähnlich wie Guy Delisle in seinen Reisereportagen, in einem cartoonhaften Zeichenstil und voller absurder Komik. Im zweiten Band setzt er das fort, aber das Lachen weicht immer häufiger dem bestürzten Kopfschütteln.

Noch immer redet sich der Vater das Leben im kärglichen Syrien schön, noch immer behauptet er, dass es in Frankreich auch nicht besser sei, aber sein früheres Schimpfen auf die Araber ist kaum noch zu hören. Er verschließt die Augen vor der Realität und bildet sich ein, er hätte noch eine Perspektive. Doch aus der geplanten Villa, die er für seine Familie bauen will, reicht es nicht. Stattdessen pflanzt er Obstbäume, ohne seiner Frau davon zu erzählen. Dennoch ist da der Drang, sich als Mann in der arabischen Welt zu behaupten. Das führt zu so grotesken Szenen, dass er mit seinem Sohn zum Jagen geht und dabei mit einer Schrotflinte auf Spatzen schießt. Obwohl dabei nichts als blutiger Matsch herauskommt, besteht er in seiner Sturheit darauf, die Beute zu essen.

Atmosphäre der Angst

Weil die Familie zu Hause immer noch mit einem Campingkocher ihre Mahlzeiten aufwärmt, zwingt die Mutter den Vater, einen neuen Herd zu kaufen. Der kommt auch: per Eselkurier aus dem Libanon, aber immerhin „neuester Bauart“. Bezeichnend ist auch die Sequenz, in der er für seine Frau einen Videorekorder besorgt, aber weil es billiger ist, entscheidet er sich für Betamax – ein Auslaufmodell. „Selbst in Frankreich lebt nicht jeder so modern“, sagt der Vater.

Der kleine Riad, immer noch wegen seiner Mutter als Jude beschimpft, muss sich derweil in der Schule behaupten, in der unfähige Lehrer den Kindern zuerst die Nationalhymne beibringen bevor es ans Lesen, Schreiben und Rechnen geht. Die geringsten Vergehen werden mit drakonischen Prügelstrafen geahndet; es herrscht eine Atmosphäre ständiger Angst. Die Kinder trauen sich nicht einmal zu kacken. Aus dem Koran wird bloß vorgelesen, das Verstehen, so heißt es, werde schon später von selbst kommen.

Ehrenmord als Tradition

In Gewissensnöte gerät der Vater, als im Dorf Verwandte ein Ehrenmord an einer Ehebrecherin verüben. Zunächst rechtfertigt er die Tradition, erst als seine Frau insistiert, ruft er die Polizei. Nachdem die Verbrecher verhaftet werden, wird das Familienoberhaupt im Dorf als Verräter geächtet. Schließlich kommt der Täter nach wenigen Monaten frei – man hat sich mit der Justiz geeinigt. Auch Mord ist in Syrien Verhandlungssache.

Sattouf zeichnet diesen Wahnsinn aus einer kindlich-naiven Perspektive und durch seine cartoonhafte Darstellung wird er noch grotesker: der paranoide Antisemitismus, die Vetternwirtschaft, der neidische Blick gen Westen und der verzweifelte Versuch, den Anschein von Wohlstand zu erwecken. Doch Syrien bleibt in den 80ern bloß eine Wüste voller Bauruinen. Der Glanz der Antike, wie etwa bei einem Besuch von Palmyra deutlich wird, ist längst verblasst. Riads Vater, eigentlich ein promovierter Historiker, redet das Kulturerbe klein, als Stätte für Kameltreiber. Heute, da Palmyra zum Teil von den Barbaren der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zerstört ist, tun sich bei einem solchen Satz Abgründe auf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s