Gefangener seiner selbst

Reprodukt

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„I love people!“, sagt der bärtige Mann mit Brille zu Beginn. „I’m a people person!“ Doch kaum begegnet ihm die erste Person und klagt ihm ihr Leid, erwidert er nur: „For the love of Christ, don’t you ever shut up?“ Willkommen in Wilsons Welt. Ein Kerl mittleren Alters, der durch die Straßen geht – meistens seinen Hund dabei ausführt – und über die conditio humana räsonniert. Das tut er nicht in Gedanken-, sondern in Sprechblasen, alle um ihn herum kriegen es mit – ob sie wollen oder nicht. Aber Wilson ist egal, ob sie wollen. Er redet einfach drauflos: ob jemand gerade an seinem Laptop sitzt oder neben ihm im Flugzeug. Wer sich auf ihn einlässt, muss aber damit rechnen, beleidigt zu werden.

Wilson ist ein sehr einsamer und sehr frustrierter Mann. Er hat aus seinem Leben nichts gemacht, aber er wünscht sich, er hätte. Er ist sogar so frustriert, dass er seiner Schwester ein Paket voll Hundescheiße schickt. Sein Vater stirbt, ohne dass Wilson ihn gut gekannt hätte. Trotzdem weint der Sohn über den Verlust bittere Tränen. Dann nimmt er nach Jahren wieder Kontakt zu seiner Ex-Frau auf. Die soll mittlerweile eine Hure sein und ein Kind von ihm haben. Doch die Wiedervereinigung läuft alles andere als idyllisch. Wilson landet im Knast, kommt raus, findet eine Frau – aber kein Glück.

Daniel Clowes (Ghost World) erzählt Wilsons Geschichte auf gerade einmal 70 Seiten. Jede Seite bildet ein Kapitel, das wie ein einzelner Comic-Strip – meistens mit sechs Panels – funktioniert und damit auch jeweils für sich stehen kann. Im letzten Panel kommt stets die Pointe. Manchmal witzig, manchmal traurig, oftmals bittersüß. Wilson ist formal so statisch wie sein Charakter. Aufgelockert wird das starre Schema durch die verschiedenen Zeichenstile, derer Clowes sich bedient. Von Seite zu Seite unterscheiden sich die Figuren in ihrem Abstraktionsgrad: mal wirkt Wilson realistisch gezeichnet, mal sehr cartoonhaft mit Knollennase. Die meisten Seiten sind vierfarbig, einige monochrom. Die Stile wechseln wie die Stimmungen des Helden. Tragischerweise bleibt Wilson aber Gefangener seines Schemas.

>> Daniel Clowes: Wilson, 2010; dt. Eichborn 2010, Reprodukt 2016.

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