Wenn Superhelden echt wären

Marvel

Wären Superhelden echt, würden die Menschen sie bewundern oder sich vor ihnen fürchten? In Marvels tun sie beides. Der Protagonist Phil Sheldon, ein New Yorker Zeitungsfotograf, beobachtet und dokumentiert das Aufkommen der Superhelden von Anfang an und über die Jahrzehnte hinweg: Human Torch und Namor, dem Submariner, die mal feindlich, dann wieder freundlich erscheinen, sich bekriegen und wieder versöhnen, und dabei New York verwüsten. Sheldon steht für die schwankende Meinung des Volkes. Als er bei dem Krieg der Übermenschen ein Auge verliert, bleibt er zunächst ein Befürworter der „Marvels“, während ein Chefredakteur wie J. Jonah Jameson zunehmend gegen die Helden hetzt, weil er fürchtet, dass normale Menschen mit den Übermenschen nicht mithalten können: „How could we meet that standard?“ Die Geschichte scheint zunächst Sheldon Recht zu geben. Im Zweiten Weltkrieg kämpfen Captain America und Co. als gute Patrioten. In den 60ern (dem Silver Age) jubeln die Menschen einerseits den Avengers und den Fantastic Four zu und fürchten zugleich die Mutanten der X-Men. Von der Xenophobie lässt sich auch der Held anstecken und schließt sich einem wütenden Mob an, dann nimmt er selbst ein hilfloses Mutantenmädchen bei sich auf. Die Bedrohungen, die von den Marvels ausgehen, nehmen bald apokalyptische Ausmaße an, doch die Dankbarkeit für die Abwendung der Katastrophe hält sich in Grenzen. Die Rede ist von Betrug. In den 70ern veröffentlicht Sheldon schließlich ein Buch mit seinen Fotos über die Marvels, in dem er für sie Partei ergreift, doch der Tod von Gwen Stacy, den Spider-Man zulässt, erschüttert erneut seinen Glauben … Die Welt der Marvels ist für die Menschen unfassbar.

Dieser Klassiker, geschrieben von Kurt Busiek und gemalt von Alex Ross, ist ein Versuch, Superhelden nicht bloß ernst zu nehmen, sondern auch dem Comic eine Aura von höherer Kunst zu verleihen. Durch die aufwendig gestalteten Seiten wirken die Menschen lebensnah und die Helden überlebensgroß. Ross bedient sich zum Teil der Ikonografie, sodass sie die Marvels wie Heilige, Engel und Dämonen aus der barocken Malerei wirken.

Dabei ist Marvels auch inhaltlich kein Superheldencomic im klassischen Sinn, weil er nicht den Kampf zwischen Gut und Böse beschreibt, sondern den inneren Konflikt gewöhnlicher Menschen, die mit dem Kulturschock umgehen müssen und sie zwischen Angst und Bewunderung schwanken lässt. In diesem Hin und Her der Stimmung ist Marvels für die Leser vor allem eine Hommage an die Comicgeschichte. Insofern spiegelt die Story auch die Rezeptionsgeschichte: Die einen sind fasziniert, die anderen abgestoßen von dem Medium und dem Genre.

Zwei Jahre später brachte DC Comics mit Kingdom Come ein weiteres Alex Ross-Comic heraus, das nicht weniger episch einen ähnlichen Konflikt beschrieb. Dort fragen sich die Helden, ob sie mehr Fluch oder Segen für die Menschen sind, die sie beschützen sollen.

Busiek/Ross: Marvels, Marvel 1994.

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