Vagina ist nicht gleich Vulva

Avant-Verlag

Wenn ich eine Kritik zu einem Comic schreiben soll, der sich mit dem weiblichen Geschlechtsorgan beschäftigt, komme ich mir vor wie im ersten Aufklärungsunterricht. Ich weiß nicht, wie ich es angehen soll, irgendwie fühlt es sich seltsam an, obwohl es normal sein sollte. Wie soll man das angehen? Denn auch wenn der Aufklärungsunterricht schon lange her ist und das Leben um einige Erfahrungen reicher: Das ist ein Thema, über das man nicht spricht. Nicht damals, nicht heute. Man kann über Sex reden, aber nicht über DAS. Schon allein, dass man dafür kein anständiges Wort hat, das sich nicht zu wissenschaftlich oder zu vulgär oder verniedlichend anhört – ein Dilemma. Es kommt noch hinzu, dass es noch schwieriger ist, als Mann darüber zu sprechen; als stünde es einem nicht zu.

Warum ist das so? Warum tut sich unsere Gesellschaft so schwer damit? Woher diese Hilflosigkeit, diese Ängste? Wie gut, dass Liv Strömquist das in ihrem Buch Der Ursprung der Welt erklärt. Als Comic. Mit Text und Bildern. Danke dafür. Das war überfällig. Und die schwedische Autorin erklärt es so einfach und anschaulich, dass man es nicht nur versteht, sondern auch wunderbar darüber lachen kann. Man merkt beim Lesen, wie sich der innere Krampf löst. Und Erkenntnis einsetzt.

Der Blick ist feministisch: Strömquist stellt dar, dass die Kultur mal wieder an allem Schuld ist. Es ist kein Problem, über männliche Geschlechtsorgane zu sprechen, aber beim weiblichen Pendant herrscht immer noch sehr viel Ignoranz. Mehr Gerüchte und Hörensagen als fundierte Kenntnisse. Erst 1998 hat die Wissenschaft überhaupt verstanden, was die Klitoris ist und wie weit sie reicht. Und trotzdem sprechen wir immer noch von G-Punkten, klitoralen und vaginalen Orgasmen – ein Mythos. Das war nicht immer so: Schon in der Steinzeit, später auch in der Antike, wurden Vulvas noch ganz selbstverständlich dargestellt. Die Wahrnehmung von Frauenkörpern änderte sich: Galten Frauenkörper früher noch als unterlegene Männerkörper, wurden sie später zu Gegensätzen stilisiert. Die Vulva wurde zur Scheide, während der Mann demnach ein passendes „Schwert“ zwischen den Beinen trug. Für Sartre war die Vulva nur ein Loch, ein Nichts, das gefüllt werden sollte – kaum zu glauben, dass er mit einer Feministin wie Simone de Beauvoir zusammen war. Das Geschlechtsorgan der Frau galt lange nicht als eigenständiges Organ. (Was viel über den Status von Frauen aussagt.)

Aber Sartre war weder der erste noch der Letzte, der es so gesehen hat. Die Metapher des Gegenstücks zum Mann hält sich hartnäckig. Und das Wissen um weibliche Anatomie nahm ab. Während Hebammenratgeber im 17. Jahrhundert noch davon ausgingen, dass weibliche Orgasmen wichtig waren (für die Befruchtung), kamen im 19. Jahrhundert Pseudo-Wissenschaftler, die meinten, aus Theorien erfinden zu können, die Frauen sämtliches Lustempfinden absprachen. Die Vulva wurde verstümmelt, um alle möglichen angeblichen Leiden zu bekämpfen. Leider wird sie es immer noch: durch „Beschneidungen“ und Schamlippenverkleinerung. Das Geschlechtsorgan der Frau soll verschwinden – sich in das Nichts auflösen, für das es gehalten wird. Besonders deutlich wird das in einem Kapitel über langes Kapitel Menstruation. Hier stellt sie dar, wie aus etwas, das die frühen Menschen ursprünglich für ein Heiligtum hielten, ein Tabu gemacht wurde. Heute werben Tamponhersteller damit, dass ihre Produkte so klein sind, um nicht bemerkt zu werden, wenn die Frau sie in die Hand nimmt …

Strömquist erteilt ihren Lesern eine komprimierte Nachhilfestunde, in der sie mit Vorurteilen aufräumt und zeigt, dass dieses Organ eben deutlich mehr ist als eine Abwesenheit. Sie erteilt uns eine wichtige Grundlektion in Anatomie, indem sie klarstellt, dass Vagina (die Öffnung) nicht gleich Vulva (das gesamte Organ) ist und hilft damit, das Geschlechtsorgan besser zu verstehen. Ein Die Belehrung kommt trotz des klaren Appells für mehr Toleranz leichtfüßig daher und lockert selbst die schrecklichsten Episoden der Geschichte mit Ironie auf. Dabei bleibt sie bei aller humoristischer Übertreibung durchaus wissenschaftlich – und stellt damit eine Reihe von Pseudo-Wissenschaftlern bloß, die mit ihren Irrtümern oder unfundierten Annahmen immer noch nachwirken – leider sogar bis in die Schulbücher hinein.

Der Ursprung der Welt ist der Comic, den Schüler statt eines Biologiebuches lesen sollten. Es ist kenntnisreicher, tiefer und wohltuenderweise völlig unverkrampft. Die schlichten Zeichnungen (überwiegend schwarz-weiß) machen es ebenfalls leicht zugänglich. Aber auch für Erwachsene ist es Pflichtlektüre. Nicht nur für Frauen, sondern genauso interessant für Männer. Danach ist man nicht nur schlauer, es lässt sich vor allem viel besser darüber sprechen – falls man mal in die Verlegenheit kommen sollte.

>> Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt, Avant-Verlag 2017.

(Ebenfalls empfehlenswert: Der Ursprung der Liebe.)

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