Only the Lonely

Jeff Lemire: Essex County (2008-2009)

Top Shelf

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, absolut allein zu sein: verloren in der Menge oder in totaler Isolation. Das sagt Lou, der ehemalige Eishockey-Spieler. Der alte Mann spricht aus Erfahrung. Entzweit mit seinem Bruder lebt er allein in der Großstadt und fährt Straßenbahn, bis er eine dritte Möglichkeit kennenlernt: sein Gehör zu verlieren. Jahre später sitzt er als Greis einsam auf der Veranda seines Farmhauses und ihm bleiben nichts anderes als Schnaps und Erinnerungen. Schmerzhafte Erinnerungen an Unglück, Fehler und selbstgewählte Isolation.

Jeff Lemire lotet in seiner Essex-County-Trilogie viele Möglichkeiten der Einsamkeit auf dem kanadischen Land aus: Da ist der junge Lester, der seine Mutter an den Krebs verloren hat und nun mit seinem Onkel auf einer Farm lebt. Sie finden nicht zueinander, der Junge flüchtet sich lieber in Superhelden-Fantasien, rennt mit Maske und Cape herum und schaut sich alleine Hockeyspiele an, auch wenn der Onkel gerne mit ihm schauen würde. Lester verbringt lieber Zeit mit dem Tankstellenwart Jimmy – doch das gefällt dem Onkel gar nicht, denn es reißt alte Wunden auf …

Und dann ist da noch die Altenpflegerin, die sich um Lou kümmert. Sie lebt allein mit ihrem erwachsenen Sohn, für den sie vergeblich Frühstück macht, weil er sich nicht für sie interessiert. Man lebt aneinander vorbei. In ihrem Radio singt Roy Orbison „Only the Lonely“ – der Soundtrack ihres Lebens. Durch die Krankenschwester verknüpfen sich die Erzählstränge und Familienbande, denn alle Figuren in Essex County hängen miteinander zusammen.

Jeff Lemire schlägt mit seiner Trilogie einen großen Bogen, der sich immer mehr als Familiensaga herausstellt. Er beschreibt eine potenziell idyllische ländliche Szenerie, durchsetzt mit lauter traurigen Charakteren. In wenigen Worten und spärlichen Strichen erscheinen sie lebensnah, glaubwürdig und bemitleidenswert. Aber trotzdem schafft Lemire es, positive Wendungen für sie zu finden, ohne sentimental zu werden. Verbindendes Element ist die kugelköpfige Krähe, die über allem hinwegfliegt und den Helden – über Jahre hinweg – Mut macht und Hoffnung einflößt. Auch sie ist allein, aber sucht sich stets Gesellschaft der Menschen, auch wenn sie zuweilen vertrieben wird. Zugleich nimmt der Leser ihre Perspektive ein: die des unbeteiligten Beobachters, der von Geschichte zu Geschichte fliegt und mal aus der Vogelperspektive, mal aus nächster Nähe das Geschehen verfolgt. Lemire schafft kunstvolle Übergänge zwischen den Sequenzen: Da wird eine Gabel im Brei mit einem Pflug enggeführt.

Die Menschen in Essex County leiden unter der Einsamkeit, weil sie nicht zueinander finden können, sei es wegen ihres Stolzes, wegen Scham oder aus Angst. Und wenn sie die Nähe suchen, werden sie zurückgewiesen, verletzt. Es ist eine zutiefst menschliche Erzählung von existenziellen Nöten, die jeder kennt. Ein großes Lesevergnügen, das so stark einnimmt, dass man es nur schwer weglegen kann. Essex County gehört damit in eine Reihe mit Comic-Meisterwerken wie Blankets.

>> Jeff Lemire: The Complete Essex County, Top Shelf 2009, dt. Geschichten vom Land, Edition 52 (2010), Geister Geschichten (2011), Die Krankenschwester (2012).

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