Avengers Endgame: Eine runde Sache

SPOILER-WARNUNG: Die nachfolgende Besprechung verrät die Handlung von Avengers Endgame!

Es ist vollbracht. Mit Avengers Endgame hat Marvel eine lange Reise vorläufig beendet. 22 Filme umfasst das Marvel Cinematic Universe, dazu eine Reihe von TV-Serien. Es ist damit das erfolgreichste Franchise der Filmgeschichte. Doch es ist viel mehr als nur eine Formel zum Gelddrucken: Die Marvel-Studios haben in elf Jahren gezeigt, dass es möglich ist, das Prinzip der unendlichen Geschichte von Superheldencomics auf die Leinwand zu bringen.

Jeder Avengers-Film war ein Meilenstein. Jeder zeigte, dass es sich lohnt, ein Universum von langer Hand zu planen, langsam aufzubauen, jeder Figur eigene Filme zu widmen, bevor man es wagt, sie zu einem Team zusammenzubringen. Regisseur und Autor Joss Whedon stellte 2012 mit The Avengers unter Beweis, dass es sogar möglich war, lauter Schwergewichte sehr leichtfüßig wirken zu lassen, ohne ins Banale oder Lächerliche abzudriften, wie schon einige Superheldenfilme davor. Avengers: Age of Ultron wurde zu einem nachdenklicheren und düsteren Film, mit dem der Ernst Einzug hielt. Der Blick wurde geweitet auf die Welt und die zivilen Opfer, aus der Angst der Helden heraus entstand die Paranoia und der Wille, präventiv die Gefahren zu bekämpfen, was in eine weitere Katastrophe mündete.

In Captain America: Civil War, der inoffizielle „Avengers 2,5“, wurden die Helden selbst angezweifelt. Sie wurden für ihr Versagen verantwortlich gemacht und sollten sich politischer Kontrolle unterwerfen. Die Gruppe zerfiel in zwei Lager, die einander bekämpften. Es ging nicht mehr um außeridische Invasoren oder eine Armee feindseliger Roboter, sondern es wurde persönlich.

Filme für Fans

Mit jedem Avengers-Film wurde die Story nicht nur auf eine andere Ebene gehoben, sondern auch zunehmend komplexer und voraussetzungsreicher. Stets war es wichtig, alle anderen Filme aus dem Universum zu kennen, um noch mitzukommen. Infinity War war ohne das Wissen um die vielen Vorgeschichten und die Jagd nach den Infinity-Steinen nicht zu verstehen. Und erst recht ist Endgame zu einem Film für Fans geworden, die Marvel seit dem Beginn mit Iron Man im Jahr 2008 die Treue gehalten haben.

Der Film setzt nicht nur viel voraus, er kehrt auch zu seinen Anfängen zurück und rekapituliert vergangene Episoden, so auch verschmähte Filme wie Thor: The Dark World (bzw. The Dark Kingdom). Dank einer Zeitreise besuchen die verbliebenen Avengers die Szenarien, in denen sie die Steine wiederbeschaffen können. Wie bei Zurück in die Zukunft sehen wir die Helden auf ihre alten Versionen treffen. Dabei werden auch Fans nostalgisch. Die Suche nach den Steinen gerät zur Nebensache. Die Helden müssen sich mehr ihrer Vergangenheit stellen, als ausgeklügelte Pläne umzusetzen.

Helden in Sinnkrisen

Statt Action stehen Charaktere im Vordergrund, was ohnehin schon immer die größte Stärke des Universums war: Menschen, für die man sich interessiert. Thanos‘ Genozid wird dabei zum Anlass für interessante Wandlungen und Sinnkrisen: Tony Stark gründet eine Familie, Thor wird zum Wrack, einem übergewichtigen Säufer, Bruce Banner lernt, den Hulk mit seinem Verstand zu versöhnen, Hawkeye wird nach dem Verlust seiner Familie zum brutalen Rächer.

Endgame ist damit – wenigstens in der ersten Hälfte – der ruhigste aller Marvel-Filme. Angesichts immer größerer Krawall-Schlachten im Kino ist das wohltuend. Den großen Kampf aller gegen alle spart man sich fürs Ende auf, jedoch ohne die Zuschauer mit Reizüberflutung oder Langatmigkeit zu überfordern. Stattdessen überrascht man mit Fanservice: Captain America schwingt Thors Hammer.

Die Zukunft gehört den Frauen

Endgame ist auch der emotionalste Film: Thor sieht Jane und seine tote Mutter wieder. Tony Stark trifft seinen Vater und versöhnt sich mit ihm. Schließlich findet Captain America zu seiner alten Flamme Margaret Carter zurück. Endgame ist ein Abschiedsfilm, aber auch ein Neuanfang. Der gealterte Steve Rogers übergibt seinen Schild an Sam Wilson, der zum neuen Captain America wird, Thor übergibt Asgard an Valkyrie, Tony Stark stirbt und Pepper Potts wird zur Iron Woman. Während der Endschlacht wird überdeutlich, dass die Zukunft von Marvel den Frauen gehört.

Captain Marvel dürfte dabei eine Vorreiterrolle zukommen. Leider ist sie in Endgame mehr eine Funktion als ein Charakter. Am Anfang und Ende jeweils darf sie Deus Ex Machina spielen und dazwischen bekommt sie einen neuen Haarschnitt – mehr sieht man von ihr nicht. Dafür, dass sie groß angekündigt wurde und kurz zuvor noch einen eigenen Film bekam, ist das etwas dürftig.

Aber bei so viel Story und so vielen Charakteren können auch drei Stunden Laufzeit nicht ändern, dass manche Aspekte zu kurz kommen. Die Liebe zwischen Bruce Banner und Natasha Romanoff scheint längst vergessen, stattdessen wird die Freundschaft zwischen ihr und Clint Barton auf die Probe gestellt.

Komplexität zahlt sich aus

Trotz seiner Schwächen ist Avengers Endgame ein würdiges Finale mit vielen Höhepunkten, überraschenden Wendungen und Lachern. So kurzweilig vergehen drei Kino-Stunden selten. Und angesichts der Bedeutung dieses Films ist zu bewundern, was die Autoren, Regisseure und vor allem Produzent Kevin Feige bis hierhin erreicht haben. Das Marvel Cinematic Universe ist eine wunderbar funktionierende, weitverzweigte Comic-Welt im Film. Die Komplexität hat nicht geschadet, im Gegenteil: ein breites Publikum lässt sich darauf ein und verfolgt mit Spannung jeden neuen Film, um zu erfahren, wie die große Geschichte weitergeht. Endgame stellt eine Zäsur da. Die „Infinity Saga“ ist beendet. Eine runde Sache. Was danach kommt, wird etwas anderes mit vielen neuen Gesichtern sein.

Nach Spider-Man: Far From Home (Juli 2019) werden Doctor Strange, Black Panther, Captain Marvel und Guardians of the Galaxy fortgesetzt, Black Widow bekommt ihren eigenen Film, mit The Eternals wird eine neue Superheldengruppe eingeführt. Auch Ant-Man könnte noch mit einem dritten Film gewürdigt werden und sicher sind neue Versionen von Thor, Iron Man und Captain America zu erwarten. Angekündigt sind auch TV-Serien mit Loki, Hawkeye, The Falcon and the Winter Soldier sowie WandaVision (Scarlet Witch und Vision) sind für den neuen Streamingservice Disney+.

Die Maschine läuft weiter. Wie von selbst. Aber man füttert sie gerne. Man darf sich darauf freuen. Das Problem ist nur, dass man nach 22 Filmen schon sehr viel gesehen hat und die Maßstäbe für alles Weitere sehr hoch gesetzt sind. Es wird immer schwieriger, zu überraschen. Aber wenn Marvel eins gezeigt hat, dann das: Was in den Comics funktioniert, kann auch im Kino und Fernsehen klappen.

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