Eternity Girl

eternity girl

DC Comics

In jedem Superhelden-Universum gibt es diese Figuren, die jeder Stammleser kennt, aber die sich nie richtig durchsetzen konnten. Alle paar Jahre werden sie aus der Schublade geholt, um ihnen mit neuen Ansätzen noch eine Chance zu geben, aber am Ende bleiben sie doch immer kurzlebig und drittklassige Randerscheinungen.

So geht es Caroline Sharp. Zuerst erfunden 1956 als „horror superhero“ unter dem Namen Formless Girl, die beim Kampf gegen die Schurkin Madame Atom in Mesopotamien die Formwandlerkräfte einer alten Gottheit übernimmt. 1981 wird sie als Crysalis neu erfunden, Mitglied des Superheldenteams Alpha 13, 1990 wagt man es noch einmal mit einer Geschichte über Leben, Tod und Wiedergeburt, bevor man die Figur 2008 in einer psychedelisch-experimentellen Form existenzialistische Untiefen ausloten und schließlich im Nichts verschwinden lässt.

Das ist die metafiktionale Vorgeschichte von Eternity Girl, einer Neuschöpfung, die an Vorbilder wie Metamorpho und Element Girl erinnert. Was danach passiert, ist ein wilder Remix all dieser Varianten. Caroline steckt in einer tiefen Krise. Nach einem Ausbruch ihrer Kräfte in ihrer Behörde, Alpha 13, ist sie für ein halbes Jahr beurlaubt – ohne Aussicht auf Rückkehr. Sie kann sich wegen ihrer bizarren Erscheinung nicht so in der Öffentlichkeit zeigen, wie sie wirklich aussieht, sie muss sich verstellen, das macht ihr Mühe. Sie ist depressiv und versucht, sich umbringen. Das Problem: Es geht nicht, sie ist unsterblich.

Da taucht ihre alte Rivalin Madame Atom auf und zeigt ihr einen Ausweg, nicht nur sich selbst auszulöschen, sondern auch das ganze Universum gleich mit. Doch das ist nur der Anfang einer wilden Reise durch Raum und Zeit, denn jedes Ende führt zu einem anderen Neuanfang – genauso wie die Publikationsgeschichte von Eternity Girl.

Magdalene Visaggio und Sonny Liew heben mit ihrer sechsteiligen Miniserie die Superhelden-Dekonstruktion auf eine neue Ebene. Mit verschiedenen Zeichenstilen, die den jeweiligen Comic-Epochen nachempfunden sind, psychedelischen Motiven und ungewöhnlichen Layouts wird ein knallbuntes Spektakel geboten, das ebenso visuell wie intellektuell herausfordert.

Dabei geht es nicht nur um das typisch postmoderne selbstgefälliges Spiel mit Formen und Meta-Ebenen, sondern alles dient der Grundfrage: Wozu dieses Leben? Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr oder lieber nichts? Worin besteht der Sinn in einer sinnlosen Welt? Wie soll man sein? Auf diese Frage finden auch sie keine neue Antwort (alles ist sinnlos, aber man ist frei, ihr selbst einen Sinn zu geben), aber eine neue Form, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Ein gottartiges Wesen, das ein DJ ist, deutet die Welt als Remix mit unendlichen Möglichkeiten. Auch die Autorin und Zeichnerin machen davon Gebrauch. Sie lassen ihre Figuren zeitgleich in mehrere Versionen ihrer selbst zerfallen, Eternity Girl erlebt sich immer wieder in neuen Inkarnationen und Genres: von Roboter-Science-Fiction bis zur Mad-Max-Postapokalypse. Damit wird die heutige Reboot-Pop-Kultur als Chance gesehen: Man kann es mit Stoffen und Figuren so oft versuchen, bis es klappt.

Das gilt schließlich auch fürs Leben. Die Formwandlerin (als Proteus-Figur ohnehin ein Symbol für den Menschen) verändert sich, um zu erfahren, wer sie selbst ist. Nebenbei wird Leibniz‚ Monadenlehre zitiert und dann werden sogar Comic-Strips im Peanuts-Stil adaptiert, womit  nicht nur die Fülle der Wandelbarkeit demonstriert wird, sondern auch dass die großen Lebenskrisen und philosophischen Fragen schon lange ein Thema in Comics sind.

Eternity Girl ist nicht nur ein anspruchsvolles Spektakel. Es ist auch ein Comic, das die Möglichkeiten seines Mediums ausschöpft, indem es sich traditionsbewusst zeigt, aber auch über Konventionen hinausgeht. Auch die Formwandlerin wird schließlich zur Formgeberin. Die zum Scheitern verurteilte Superheldin wird zur Schöpferin einer neuen Welt. So können auch drittklassige Comicfiguren immer noch erstklassige Auftritte bekommen. Es ist nie zu spät für einen Neustart.

(Eternity Girl ist als beste Miniserie für den Eisner Award 2019 nominiert.)

>> Magdalene Visaggio/Sonny Liew: Eternity Girl, DC’s Young Animal 2018.

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