Nick Drnaso: Sabrina

Sabrina

Drawn & Quaterly

Was könnte schlimmer sein, als wenn die eigene Freundin spurlos verschwindet? Eigenlich nicht viel. Teddy fliegt nach Colorado zu seinem alten Schulfreund Calvin, der nimmt ihn bei sich auf. Calvin arbeitet für die Air Force in der IT-Sicherheit. Er soll befördert und versetzt werden, will aber lieber zu Frau und Kind nach Florida ziehen. Da taucht plötzlich Sabrinas Leiche auf, die ihres Mördern und dann geht auch noch ein Video viral, in dem der Mord gezeigt wird.

Als man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, verbreiten Trolle Verschwörungstheorien im Netz und Radio: Sabrina soll gar nicht tot sein, das Video nur Fake, alle Angehörigen seien bezahlte Schauspieler. Sabrinas Schwester, Sandra, bekommt Beileidsbekundungen und Todesdrohungen. Sandra wirft Teddy vor, er hätte Sabrina ohnehin nie geliebt und bricht den Kontakt mit ihm ab. Teddy ist wiederum so apathisch, dass er den ganzen Tag lang nur auf einer Matratze liegt und einem Verschwörungstheoretiker im Radio zuhört, bis er zum Messer greift. Und auch Calvin wird zum unfreiwilligen Ziel dieser absurden Spirale aus Lügen, die ihn bis in die Arbeit verfolgen.

Nick Drnasos Sabrina zeigt, wie der grausame Mord an einer Frau weite Kreise ziehen kann. Es entsteht eine paranoide Atmosphäre, die sich auf die Angehörigen und auf den Soldaten Calvin überträgt und ihn auch dann verfolgt, wenn der schlimmste Shitstorm vorbei zu sein scheint. Es ist eine leere, sterile Welt, die Drnaso zeichnet. Sein strenger, glatter Strich und seine flächige Farbgebung lassen keinen Raum für Schatten und Schraffuren, die Figuren wirken meist ausdruckslos.

An diesen Stil muss man sich erst mal gewöhnen, falls man es überhaupt kann. Vielleicht soll man das auch nicht, denn durch diese fast schon schematische Darstellung in den kleinteiligen Layouts fühlt man sich nie wohl, auch wenn das Schlimmste nie im Bild erscheint. Mord dient nur der Sensationslust einer abgestumpften Gesellschaft, die sich lieber Verschwörungen ausdenkt, weil ihr die Realität nicht krass genug zu sein scheint.

Was mit Sabrina tatsächlich passiert, bleibt aber in diesen 200 Seiten offen. Und so bleibt der Leser selbst zurück mit dem unguten Gefühl, nichts wirklich zu wissen, sondern nur sehr verunsichert zu sein, was von der Geschichte zu halten ist und wie sie ausgehen mag.

>> Nick Drnaso: Sabrina, Drawn & Quaterly 2018.

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