Warum „The Big Short“ so ehrlich ist

Margot Robbie im Schaumbad.

Margot Robbie im Schaumbad.

Zu Beginn lesen wir, was wir in Filmen oft zu lesen kriegen: „Based on a true story.“ Adam McKays Film The Big Short (2015) erzählt sehr unterhaltsam, eindrücklich und verständlich, wie es zur Immobilien- und Finanzkrise kam. Aber wie viel „true story“ in einem Film steckt, kann sehr schwanken. Manchmal ist es eben nur „inspired by true events“, hat dann mit der Wahrheit nur wenig zu tun (oder gar nichts, wie bei Fargo). Am Ende ist jeder Spielfilm bloß eine dramatisierte Version der Ereignisse mit erfundenen Dialogen.

Tatsächlich gibt es in The Big Short nur wenige Figuren wirklich: Michael Burry (gespielt von Christian Bale) zum Beispiel ist sehr nah an seinem Vorbild, aber Mark Baum (Steve Carell) ist nur angelehnt an eine echte Person (Steve Eisman), dafür hat sein Team wiederum die Namen ihrer Vorbilder (Atwood „Porter“ Collins, Danny Moses, Vincent „Vinny“ Daniel). Der Erzähler Jared Venett (Ryan Gosling) basiert auf Greg Lippmann.

Wie genau der Film die Entstehung der Krise wiedergibt, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Experten kritisieren, dass auch andere die Immobilienblase hätten kommen sehen, andere meinen, dass der Film zu einseitig den Banken die Schuld gebe, die Obama-Regierung fühlt sich unfair behandelt, weil am Ende behauptet werde, es habe sich nichts an den Zuständen geändert. Es scheint ein Konsens zu herrschen, dass ein komplexer Sachverhalt vereinfacht dargestellt werde. Manche sagen sogar: zu einfach.

Ryan Gosling in The Big Short.

Ryan Gosling in The Big Short.

Der Film aber ist sich seiner Diskrepanz zur Wahrheit bewusst – und er stellt das ständig heraus. Wenn der Erzähler (Ryan Gosling) in Minute 24 zum ersten Mal im Bild erscheint, stellt er gleich die falsche Darstellung richtig: Indem er die vierte Wand durchbricht, wendet er ein, er habe nie einen solchen Club besucht, wie in der Szene gezeigt wird. Und: „I never hung out with these idiots after work, ever. I had fashion friends.“

The Big Short

Jiang mit Jenga.

Es gibt mehrere solcher Szenen, in denen sich Figuren an die Zuschauer wenden. Später, als Jared Venett Mark Baum und seinem Team seine Idee präsentiert (Minute 31), haben die anderen Zweifel an den Berechnungen. Venett führt seinen chinesischen Mathespezialisten „Yang“ vor und behauptet, er habe einen nationalen Mathewettbewerb in China gewonnen und spreche nicht mal Englisch. Daraufhin wendet sich der Mathematiker an das Publikum und stellt richtig, er heiße Jiang, er spreche Englisch und er sei beim Wettbewerb nur zweiter geworden. Jared habe das nur gesagt, um ihn authentischer wirken zu lassen.

Das versucht auch der Film. Er will ein möglichst authentisches Bild zeichnen: Immer wieder streut Regisseur Adam McKay Bilder aus der „wahren Welt“ ein, Dokumentaraufnahmen und Fotos von der Krise. Aber da er immer noch ein Spielfilm ist, muss er den Spagat schaffen, bei allen Fakten auch die Fiktion zu bedienen, was bedeutet, einen unterhaltsamen Film zu schaffen.

The Big Short

Jamie und Charlie

Eine dritte Szene (Minute 40) zeigt, wie die jungen Investoren Charlie Geller und Jamie Shipley in der Lobby einer Bank Jareds Prospekt finden, das sie ebenfalls ins Geschäft mit den Immobilienhypotheken einsteigen lässt. Jamie durchbricht die vierte Wand und räumt ein, die Sache habe sich anders abgespielt. Der Film aber verbindet die Einführung der Charaktere mit einer Szene, die die Handlung vorantreibt – das ist Erzählökonomie. Wo die Wahrheit auf der Strecke bleibt, wird das zumindest zugegeben. An anderen Stellen wird betont: Ja, das ist wirklich so passiert. (Im ursprünglichen Drehbuch finden sich noch mehr dieser Szenen.)

Anthony Bourdain

Anthony Bourdain erklärt CDOs.

Der Film handelt von einem großen Betrug – und er weiß, dass er als Fiktion in gewisser Weise sein Publikum selbst „betrügt“. Erzählt wird eine konstruierte Geschichte, die nur auf einer wahren basiert. Regisseur und Autor Adam McKay versucht dieses unauflösliche Dilemma zum einen durch Ehrlichkeit auszugleichen, zum anderen durch Erklärungen, die es dem Zuschauer erlauben, der Handlung zu folgen.

Die trockene Materie vermitteln vier Personen aus dem wahren Leben: Die Schauspielerin Margot Robbie erklärt, was Subprimes sind, der weltberühmte Chefkoch Anthony Bourdain erklärt CDOs (Collaterized Debt Obligations), der Ökonom Richard Thaler und die Sängerin Selena Gomez erklären synthetische CDOs.

Richard Thaler und Selena Gomez

Richard Thaler und Selena Gomez erklären synthetische CDOs.

Aber warum eigentlich? Bis auf Thaler sind diese Personen nicht gerade als Experten in der Finanzbranche bekannt. Man könnte meinen, Anthony Bourdain hat zumindest Grundkenntnisse in Ökonomie, weil er weiß, wie er nicht verkauften Fisch in seiner Küche verwendet. Aber Margot Robbie ist eine absurde Wahl, eher ein Gag als erst gemeint. Denn wenn die attraktive Schauspielerin „Subprimes“ im Schaumbad erläutert, dürfte es einigen Zuschauern sicher schwer fallen, ihren Ausführungen zu folgen.

The Big Short versucht es den Zuschauern so einfach wie möglich zu machen, abstrakte Begriffe und komplexe Zusammenhänge zu begreifen. Dabei greift der Film auf echte Menschen zurück, die die Zuschauer kennen (könnten) oder die zumindest authentisch wirken, weil sie keine Schauspieler sind (wie Bourdain oder Thaler). Sie dienen als Testimonials für den Film, sie verkaufen dem Zuschauer die Fiktion, indem sie sie mit „harten Fakten“ anreichern und glaubwürdiger machen, bis die Zuschauer den Film für die „true story“ halten, die zu Beginn nur als Grundlage eingeführt wurde.

The Big Short: Based on a true story.

The Big Short: Based on a true story.

Dieser Hang zur Offenheit findet sich auch in den Figuren: Michael Burry (gespielt von Christian Bale) erzählt im Vorstellungsgespräch von sich, wie er als Kind ein Auge verlor und dass er sich wegen seines Glasauges alleine wohler fühle. Er erzählt das, weil seine Frau ihm geraten habe, mehr von sich zu preiszugeben. Auch Mark Baum (Steve Carell) spricht sonst sehr frei aus, was er denkt, will aber in der Gruppentherapie nicht von seinem Bruder erzählen, der Suizid begangen hat. Und auch Marks Kollege Vinny Daniel, der seinen Vater durch ein Gewaltverbrechen verloren hat, will nicht darüber reden: „I don’t talk about it“, sagt er in die Kamera. Für die Zuschauer ist auch der verschlossenste Charakter offen genug, zumindest das zuzugeben.

Die Strategie dahinter dient zum einen dem Zweck eines jeden guten Drehbuchs: Charaktere bekommen Tiefe, die Handlung wird glaubwürdig, das Publikum nimmt Anteil. Aber hier hat die Strategie noch einen Nebeneffekt: Das Wahre an der Geschichte (die Finanzkrise) hat nämlich den Nachteil, dass die Zuschauer wissen, wie die Geschichte ausgeht. Die Story spoilert sich sozusagen selbst. Weil die Zuschauer zwar die Finanzkrise kennen, aber die Charaktere, verfolgen sie die Handlung mit Interesse: Sie wollen wissen wollen, was mit den Figuren passiert.

Zwischendrin werden die Zuschauer mit einigen flotten Sprüchen, Situationskomik und unterhaltsamen Erklärungen bei Laune gehalten. The Big Short ist, obwohl er nur von Männern handelt, die viel reden, auch optisch ein sehr abwechslungsreicher Film mit vielen schnellen Schnitten und einer dynamischen Handkamera. So schafft es Adam McKay, ein so trockenes und komplexes Thema wie die Finanzkrise als spannende Geschichte zu erzählen. Den letzten Zweiflern hilft nur der Hinweis im Abspann: Wer die wahre Geschichte wissen will, muss das Buch von Michael Lewis lesen, auf dem der Film basiert.

In Adam McKays nächstem Film, Vice (2018), heißt es souveräner: „The following is a true story.“ Doch dann kommt die Einschränkung: „Or as true as it can be given that Dick Cheney is one of the most secretive leaders in history. But we did our fucking best.“

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