Film

Heldenblüte #4: Reinkarnationen

20th Century Fox

X-Men: Alt und neu (20th Century Fox)

Superman, Spider-Man, X-Men, Fantastic Four – die vierte Strömung des Superheldenkinos gehört den Reboots.

Was tut man, wenn eine Geschichte zu Ende erzählt wurde? Man fängt wieder von vorn an. Elf Jahre nach dem ambitionierten Start von X-Men war man soweit. Zu der Trilogie gab es zunächst ein uninspiriertes Prequel zu Wolverine, schließlich erzählte man auch die Vorgeschichte der Hassliebe zwischen den Antipoden Charles Xavier (Professor X) und Eric Landsherr (Magneto). X-Men: Erste Entscheidung (2011, First Class) war ein frischer Neubeginn: kurzweilig, unterhaltsam und mit einer guten Portion 60er-Zeitgeist. Ein vernachlässigter Charakter wie Raven kam endlich zu ihrem Recht, aber wie schon zuvor war die spannungsreiche Freundschaft zwischen Charles und Eric der rote Faden, der die Story zusammenhielt: der impulsive Rächer an den Nazis gegen den besonnenen Denker und Versöhner. Mit der Fortsetzung, Zukunft ist Vergangenheit (2014, Days of Future Past) kehrte Regisseur Bryan Singer zurück und verschränkte die Zeitebenen der ersten Trilogie mit der Prequel-Reihe, als Bindeglied diente Wolverine, der in seinem Körper der 70er Jahre Schlimmeres verhindern musste. Damit fand die X-Men-Reihe zu ihrer alten Stärke und Brisanz zurück.

Auch Spider-Man bekam ein Reboot – und zwar kein weiches wie die X-Men, sondern einen totalen Neustart. Gerade einmal zehn Jahre nachdem Sam Raimi mit dem ersten Spider-Man-Film Pionierarbeit geleistet hat, wurde mit The Amazing Spider-Man (2012) die Entstehungsgeeschichte wieder erzählt. Die Tatsache, dass die erste Trilogie noch nicht lange her und noch in guter Erinnerung war, sorgte für einen Déjà-vu-Effekt, der die Existenzberechtigung des Films infrage stellte. Zu vieles hatte man fast genauso schon einmal gesehen. Es werden bloß zwei neue Akzente gesetzt: Peters Liebesleben beginnt – wie in den Comics – mit Gwen Stacy und erstmals spielt auch der Tod von Peters Eltern eine Rolle. Doch die Aufdeckung des dahinter stehenden Mysteriums, das die Rahmenhandlung für eine neue Filmreihe bilden sollte, hat sich erübrigt: Nach einem schwachen, geradezu lächerlichen zweiten Teil (Rise of Electro) wurde der Amazing Spider-Man seinem Namen nicht gerecht und damit eingestellt. Erst in diesem Jahr hat Rechteinhaber Sony zugestimmt, dass der beliebteste Marvel-Held in das Cinematic Universe integriert werden soll. Mit neuer Besetzung wird Spider-Man bereits in Captain America: Civil War vorkommen, danach soll ein Solo-Film folgen. Doch auch wenn Marvel aus den Fehlern gelernt hat und keinen Origin mehr erzählen will, wird die Geschichte wieder im High School-Milieu spielen, Peter wird wieder ein Teenager sein. Es wird nicht leicht sein, dieses verfahrene Franchise wieder auf Kurs zu bringen.

Im gleichen Jahr wie The Amazing Spider-Man versuchte sich auch Warner erneut an der Galionsfigur von DC Comics: Superman. Eine ohnehin schwierige Figur, weil sich schon längst die Frage stellt, ob ein perfekter, unverwundbarer Alleskönner in Primärfarben-Pyjamas noch zeitgemäß ist. Die TV-Serie Smallville bewies, dass es möglich war, wenigstens die Jugend des Helden über zehn Staffeln zu erzählen. Im Jahr 2006 passierte aber etwas sehr Befremdliches: Bryan Singer verließ die X-Men, um einen Superman-Film zu drehen, der an Superman II mit Christopher Reeve anschloss – also die Fortsetzung eines 26 Jahre alten Films, der bereits zwei schlechte Fortsetzungen hatte. Statt also von den Errungenschaften von Batman Begins zu lernen, versuchte Singer sich mit Superman Returns in Nostalgie. Er scheiterte total. Die Geschichte von Supermans Sohn mit Lois Lane war die weichgespülte Familienvariante des Mannes aus Stahl. Der Film war so lahm, dass man ihm keine Fortsetzung gönnte (obwohl die Kritiken in den USA überwiegend positiv waren und zunächst ein Sequel angekündigt war). Man hatte eingesehen, dass dieser Ansatz nicht funktionierte.

Sechs Jahre später kam also das radikale Reboot Man of Steel von Zack Snyder. Der Mann, der sich an den Watchmen versucht hatte, fing mit Superman noch einmal von vorn an – unter dem Einfluss von Christopher Nolan. Doch was sich nach einem Qualitätsgaranten anhört, wurde zum Problem: Man of Steel orientiert sich in Stil und Aufbau zu sehr an Batman Begins und The Dark Knight, sodass wir statt satter Primärfarben einen dunkelgrauen Superman sehen, der in einen grauen Himmel fliegt. Das entspricht der übrigen Stimmung des Films. Zu lachen gibt es so gut wie nichts. Zu düster ist die Geschichte, aber sie lässt einen emotional unbeeindruckt. Größter Tiefpunkt ist die überzogene Zerstörungsorgie im Finale, bei der halb Metropolis zerlegt wird. So viel fehlendes Verantwortungsbewusstsein ist nicht gerade, was man sich von einem erhabenen Helden wie Superman verspricht. Der Film pulverisiert sich selbst und lässt nichts zurück als Trümmer.

Aber wenn man sich den Trailer zum Sequel, Batman v Superman, ansieht, stellt man fest, dass eine gealterte Version von Bruce Wayne das auch so sieht und deshalb wieder ins längst abgelegte Batman-Kostüm (oder eher in eine Rüstung) steigt, um den selbstherrlichen Kryptonier auszuschalten. Die Nähe zu den Comics (allen voran The Dark Knight Returns) ist offensichtlich, auch die Kritik am Farbkonzept scheint Regisseur Snyder berücksichtigt zu haben. Alle Hoffnung – auch von Warner – ruht auf diesem Film. Denn er muss das Unmögliche leisten: Nicht nur einen glaubhaften Kampf der Titanen inszenieren, sondern auch den zwiespältig aufgenommenen Man of Steel wiedergutmachen und Batman neu einführen. Zugleich soll der Film auch der Beginn der Justice League sein. Wonder Woman wird darin eine Schlüsselrolle bekommen, auch Aquaman und Cyborg sollen darin Auftritte haben. Damit will Warner für das DC-Universum nachholen, was Marvel mit seinem Cinematic Universe seit bereits 2008 aufbaut. Weitere Einzelfilme sollen folgen, von Flash bis Shazam. Auch Green Lantern wird ein Reboot zuteil, nachdem der erste Versuch von 2011 ein belangloses Ergebnis hervorbrachte, von dem man nach dem Sehen nur noch sagen kann, dass es sehr grün zuging. (Ryan Reynolds wird dafür zu Deadpool, ebenfalls ein Figuren-Reboot.) Im kommenden Jahr wird in dem Schurkenfilm Suicide Squad auch ein neuer Joker (Jared Leto) eingeführt – er tritt in große Fußstapfen, die Heath Ledger hinterlassen hat.

Zuletzt bekam auch Marvels Fantastic Four (2015) einen Reboot – zehn Jahre nach dem jüngsten. Der war bitter nötig, wenn man bedenkt, dass einst mit dem Superheldenteam Marvels Silver Age begann und schon zwei schwache Verfilmungen gescheitert waren, dem Stoff gerecht zu werden (ganz zu schweigen von dem Billigfilm von 1994, der zwar gedreht, aber nie veröffentlicht wurde). Nach diesen Fehlschlägen konnte es nur noch besser werden. Und es sah zunächst so vielversprechend aus: Eine talentierte, junge Besetzung, einen neuen Ansatz und Regisseur Josh Trank, der zuvor mit Chronicle einen beachtlichen Film über alternative Superhelden ohne Kostüme gedreht hatte. Doch das Ergebnis war eine Katastrophe, für die sich hinterher alle Beteiligten schämten und das Publikum fassungslos zurückließ, fassungslos gelangweilt und verärgert. Mit gerade einmal zehn Prozent positiver Besprechungen bei Rotten Tomatoes und einer IMDb-Wertung von 4,3 unterbot das Reboot sogar noch seine mäßigen Vorgänger. Wer auch immer an dem Desaster Schuld hat: Das Franchise ist für lange Zeit ruiniert.

Der Reiz des Reboots, des Neuanfangs, besteht im Reiz des Anfangs. Oftmals sind es die Entstehungsgeschichten, die sogenannten Origins der Helden, die im kulturellen Gedächtnis hängenbleiben: Der Elternmord bei Batman, der Spinnenbiss bei Spider-Man, die Zerstörung Kryptons bei Superman. Unfälle, Katastrophen und Traumata bestimmen den Gründungsmythos – und davon zehren die Figuren. Die Menschen erkennen sie darin nicht nur wieder, sondern identifizieren sich auch immer wieder neu mit ihnen. Doch Superheldenstoffe sind seriell angelegt, sie gehen immer weiter. Das stellt die Autoren und Regisseure vor das Problem, dass sie sich immer weiter von der Urszene, die die Helden als Charaktere interessant macht, entfernen. Daher müssen sie immer wieder an den Ursprung erinnern – oder ihn einfach neu erzählen. Der Neubeginn ist verführerisch, doch die Beispiele der vergangenen Jahre zeigen, dass es keinen Erfolgsgaranten gibt, wenn man dieser Versuchung nachgibt.

Die Zyklen der Wiederverwertung werden kürzer. Aber die Erinnerung der Zuschauer wird es nicht. Daher wird es nicht reichen, ihnen immer wieder dasselbe vorzusetzen und sich nur nach der Logik „mehr ist besser“ zu steigern. Noch ist die Nachfrage des Publikums nach Superheldenfilmen ungebrochen. Nach wie vor haben Marvels Filme großen Erfolg, allein die beiden Avengers-Teile haben jeweils über eine Milliarde Dollar weltweit eingespielt. Allerdings besteht die Gefahr, dass bei der Flut an Superheldenfilmen das Interesse an dem Genre bald wieder abflauen könnte. Allein für 2016 sind sieben Filme über Marvel- und DC-Charaktere angekündigt: Batman v Superman, Suicide Squad, X-Men: Apocalypse, Deadpool, Gambit, Captain America: Civil War und Doctor Strange. Nicht einmal alle zwei Monate ein neuer Film. Zudem werden die Geschichten komplexer: Marvels Cinematic Universe ist jetzt schon für Quereinsteiger schwer nachzuvollziehen. Das Publikum wird immer stärker gefordert. Interessant, so etwas ausgerechnet über ein Genre zu sagen, das dem ersten Anschein nach leichte Unterhaltung sein soll. Solange die Macher nicht hinter die Erkenntnis zurückfallen, welches Potenzial in ihren Geschichten steckt, kann man sich noch viele weitere Leinwandspektakel freuen. Die Blüte der Superhelden im Kino scheint noch lange nicht vorbei zu sein.

Heldenblüte #3: Götterdämmerung

Marvel

Marvel

Wie Marvel mit seinem Cinematic Universe Schule für Superheldenfilme machte und damit Kinogänger zu Nerds wurden.

Die Goldene Ära des Superhelden-Kinos brachte einige großartige Filme hervor (X-Men, Spider-Man). Aber auch viel Mist. DC hat neben seiner maßgeblichen Batman-Trilogie Superman, Catwoman und The Spirit verhunzt. Marvel ließ dafür Gurken wie Fantastic Four, Ghost Rider und Punisher geschehen. Doch zur Verteidigung muss man sagen: Die Rechte für diese Filme lagen bei anderen Studios. Während The Dark Knight (2008) von DC/Warner zum Kinofilm des Jahres und zum erfolgreichsten Superheldenfilm avancierte, begann Marvel in aller Bescheidenheit mit einem neuen Ansatz. Iron Man bildete den Auftakt zum Cinematic Universe. Statt andere die Adaptionen realisieren zu lassen und dabei das Risiko einzugehen, dass sie es vergeigen, legte nun das hauseigene Studio selbst Hand an. Man kaufte Rechte zurück und investierte damit in eine Goldgrube.

Iron Man hat zwei Helden: Robert Downey Jr., der den charmanten Großkotz Tony Stark so verkörpert, dass man sich keinen anderen mehr vorstellen mag, und ein pfiffiges Drehbuch. Das Beste an diesem Film ist, dass er sich Zeit lässt, die Figur einzuführen. Etwa die Hälfte vergeht bis man Iron Man in seiner Rüstung sieht. Bis dahin macht er im Afghanistan-Konflikt eine Wandlung vom Saulus zum Paulus durch – und hat dabei auch viel zu lachen, ohne dass der Ernst der Geschichte verloren ginge. Das Konzept macht klar, dass es hier nicht um die schnelle Sensation geht, sondern um Charaktere und Story. Der Film, gedreht von dem damals unbekannten Jon Favreau, wurde zum Überraschungserfolg. Iron Man wurde zweimal fortgesetzt. Und es folgten Filme um weitere Helden: ein Neuversuch mit Hulk, der vieles wiedergutmachte, was beim ersten verbockt wurde, ein Film für Thor und einen für Captain America. Während der Donnergott einen Hauch von Shakespeare verliehen bekam, wurde dem altbackenen Supersoldaten ein zeitgemäßer Auftritt zuteil, der elegant den Bogen in die Gegenwart schlägt. Die Filme fielen qualitativ zwar deutlich hinter Iron Man zurück, aber sie erfüllten als Einführungen neuer Charaktere ihren Zweck, sodass – dank geschickter Verknüpfungen – im Jahr 2012 das für unmöglich Gehaltene wahr wurde: The Avengers.

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Heldenblüte #2: Antihelden

Watchmen: Wir sind keine Helden.

Watchmen: Wir sind keine Helden. (Warner Bros.)

Die Kinogeschichte hat in den vergangenen 15 Jahren gezeigt, dass Helden nicht immer super sein müssen. Mit der neuen Qualität, die das Genre erreicht hat, übt es sich nicht nur in Selbstironie, sondern auch in Selbstkritik. Nachdem Marvel den Anfang gemacht hatte, legte DC mit Batman und Watchmen nach.

Der erste Kinobatman (in den 40er Jahren) war lieblos und billig, der zweite (in den 60er Jahren) bunt und schrill, aber auch albern und selbstironisch. Der dritte (von Tim Burton) war ein Fortschritt in Richtung Düsterkeit, aber immer noch comichaft überzeichnet. Mit den beiden Joel Schumacher-Filmen, Batman Forever und Batman & Robin, wurden alle Errungenschaften wieder über den Haufen geworfen und man fiel zum tumben Trash zurück. Aus dieser kreativen Sackgasse heraus half nur ein Neustart bei Null. Die von Marvel ausgelöste Renaissance der Superheldenfilme hatte vorgemacht, wie man Comics zeitgemäß adaptiert: indem man sie so ernst nimmt wie das Publikum. Nun musste Konkurrent DC Comics nachlegen.

Regisseur Christopher Nolan, der mit Memento Filmgeschichte geschrieben hatte, ging seinen Batman Begins (2005) ganz anders an: Er versuchte, seine Hauptfigur in die Realität zu holen – und zwar so glaubwürdig wie möglich. Das beginnt schon lange bevor man spitze Ohren und Gummimaske sieht. Nolan lässt sich zunächst viel Zeit dabei, Bruce Waynes Motive für seine Wandlung zu erklären. Zentrales Motiv ist die Angst. Wayne kämpft seit dem Sturz in die Höhle mit seinen Dämonen; er gibt sich die Schuld am Mord seiner Eltern. Folgerichtig ist Scarecrow der eine Schurke. Der andere ist Ra’s Al Ghul, der ihn lehrt, mit der Angst umzugehen. Es ist ein Geniestreich der Erzählökonomie, ihn zu Waynes Mentor zu machen, auch wenn das nicht den Comics entspricht. Schließlich bildet er auch in ethischer Hinsicht den perfekten Widersacher.

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Star Wars in der Schleife

Der magische Moment von Star Wars beginnt bereits mit dem blauem Schriftzug auf schwarzem Grund: „Es war einmal, vor langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Galaxis.“ Und mit dem gelben Titel, der – begleitet von Fanfaren – in die Leinwand springt, wird diese fantastische Vergangenheit plötzlich ganz gegenwärtig. Das Publikum im Kinosaal jubelt: Endlich ist es wieder da, dieses Gefühl von damals, als man zum ersten Mal diese Schrift sah und in das Abenteuer eintauchte. Und es ist ganz egal, welchen der sechs Filme man am liebsten mag oder ob man einige von ihnen verachtet, das Gefühl des Neubeginns einer weiteren Episode ist immer dasselbe: kindliche Vorfreude, wie Weihnachten vor dem Auspacken der Geschenke.

Star Wars ist mehr als eine Filmreihe oder ein Franchise – es ist ein Mythos. Und wie jeder Mythos hat er sich längst verselbständigt, verwandelt in tausend Gestalten. Doch eines ist immer gleich geblieben: das Gefühl des Wiedersehens mit alten Freunden. Genau das leistet Episode VII und hat damit bereits der Prequel-Trilogie das Wichtigste voraus. Es geht nicht zurück zum Ursprung der Geschichte, sondern zum Ursprung des emotionalen Mittelpunkts der Reihe, den Charakteren Luke und Leia, Han Solo und Chewbacca. Endlich erfährt man, wie es mit ihnen weitergeht.

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Heldenblüte #1: Renaissance

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Vor 15 Jahren begann eine Renaissance: Die Superhelden fanden ins Kino zurück – in einer nie dagewesenen Qualität. Was mit X-Men begann, setzte sich mit einer Fülle von Genrefilmen fort und findet heute mit den Avengers einen neuen Höhepunkt. Ein Rückblick auf die vergangenen 15 Jahre.

Polen 1944. Nazis treiben Juden in ein Konzentrationslager. Ein jüdischer Junge wird von seinen Eltern getrennt, sie kommen ins KZ, er mit dem Leben davon. Das Eisentor wird geschlossen, der Junge bleibt zurück und schreit. Wachen halten ihn nur mit Mühe zurück. Die Verzweiflung des Jungen ist so groß, dass sie das Tor verbiegt. Erst ein Schlag mit einem Gewehrkolben bringt ihn zum Schweigen. So beginnt nicht etwa ein Holocaust-Film, sondern der Film X-Men aus dem Jahr 2000. Eine Comic-Adaption über Superhelden. Und diese Szene markiert eine Wende. Sie zeigt: jetzt ist Schluss mit lustig.

Drei Jahre zuvor: In den Kinos läuft Batman & Robin. Nach den beiden Tim Burton-Filmen und dem überdrehten Batman Forever (1995) ist mit dem vierten Teil der Reihe ein Tiefpunkt erreicht, der dagegen noch den albernen und selbstironischen Adam West-Film von 1966 wie einen schicken Oldtimer erscheinen lässt. Der Superhelden-Film, der erst nennenswert mit Superman im Jahr 1978 begonnen hat, scheint am Ende zu sein. Ebenso wie die Superman-Reihe ist auch die Batman-Reihe nach zwei passablen Filmen mit zwei weiteren Fortsetzungen so nachgelassen, dass das Franchise erledigt war. Superhelden waren der Lächerlichkeit preisgegeben. Offenbar traute man ihnen im Kino nicht mehr zu.

Marvel wagt den Neubeginn

Dank der neuen Computer-Technik bekommt das Genre neuen Auftrieb: Den Möglichkeiten sind nur die Grenzen der Fantasie gesetzt. Auf den Trümmern der DC-Filmhelden beginnt Marvel von vorn. Zunächst mit dem Underdog Blade (1998) über einen Vampir als Vampirjäger. Trotz des Trashfaktors ein Gegenprogramm zu Batman & Robin, Erwachsenenunterhaltung – allein schon der Brutalität wegen. Seine unmittelbaren stilistischen Vorläufer findet er in The Crow (1994) und dem missratenen Spawn (1997). Der Superhelden-Film wird aber erst mit X-Men wieder massentauglich. Nicht nur neu belebt, er wird auch ernst, weil er sein Thema und seine Figuren ernst nimmt. X-Men ist eine Parabel auf den Rassismus. Von daher ist es folgerichtig, dass der Bogen vom Holocaust bis in die nicht allzu weit entfernte Zukunft gespannt wird, wenn wieder einmal die Gene die Menschheit spalten. Das Tragische: Mit Magneto wird ein Opfer des Rassismus selbst zum Rassisten. Und während sein Gegenspieler Charles Xavier eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Mutanten möchte, will Magneto alle zu Mutanten machen, weil sie für ihn die besseren Menschen sind.

Was diesen moralisch schweren Brocken verdaulich macht, ist das Personal: Im Zentrum steht die Freundschaft zwischen Eric Lehnsherr (Magneto, Ian McKellen) und Charles Xavier (Professor X, Patrick Stewart), die sich selbst nach einem Kampf um Leben und Tod zu einer Schachpartie begegnen können. In dieser Beziehung wird deutlich, dass die Grenzen zwischen gut und böse verwischt sind. In dieser Dialektik entfaltet sich das Drama, in dem die jungen Mutantenschüler hin- und hergerissen sind. Den emotionalen Angelpunkt bildet die Figur Wolverine. Er bezieht seinen Reiz daraus, dass er abseits von den Hauptschauplätzen seinen Weg sucht. An den geheimnisvollen Draufgänger, ikonisch verkörpert von Hugh Jackman, kommt kein Charakter heran. Er ist der coolste Typ, der Outlaw und zugleich der comic relief.

Prägendes Original

X-Men bahnte den Weg für die andere Superhelden-Filme. Der Film zeigte, dass es möglich war, Comics glaubwürdig zu adaptieren ohne lächerlich zu wirken, frei nach dem Motto: Mehr schwarzes Leder als gelbes Latex. Es folgte eine Flut von Superhelden im Kino, die bis heute anhält. In den vergangenen 15 Jahren sind mehr Superhelden-Filme erschienen als im gesamten 20. Jahrhundert. Darunter sind auch solche, an die man vielleicht nicht direkt denkt. Zum Beispiel Unbreakable, der im gleichen Jahr wie X-Men erschien und ebenfalls, wenn auch auf eine subtile Art prägend oder zumindest vorausschauend, die weitere Entwicklung des Genres bestimmte.

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Bemerkenswert ist, dass Unbreakable ein Drehbuch ohne Comicvorlage ist, aber durchaus explizit Bezug nimmt auf Comics. Doch während die Zeichnungen als „Kunst“ behandelt und sehr ernst genommen werden, bleibt der Film stilistisch auffällig unauffällig: Ruhig, ohne Aufregung, ohne viel Action inszeniert M. Night Shyamalan (Sixth Sense) eine packende Story um einen Helden wider Willen. Die Referenz auf Comics bleibt auf die wesentlichen Motive reduziert: Der Held mit übermenschlicher Stärke, der körperlich versehrte Schurke, der seinen Gegenpart sucht. Entgegen der Tradition wird auf einen Origin des Helden verzichtet. Damit bleibt der Ursprung der Superkräfte rätselhaft.

Helden wie du und ich

Unbreakable zeigt, dass der moderne Held keine Vorgeschichte, kein Kostüm und keine Symbole braucht. Mit Heroes (2006-2010), einer Art Teenie-Variante der X-Men, wurde diese Vorstellung wieder aufgegriffen. Damit hielten die Helden nicht nur noch stärker in den Alltag einzug, sondern auch ins Fernsehen, und das Prinzip der (potenziell unendlichen) Serie wurde wiederbelebt. Die Filme Hancock (2008) Chronicle (2012) setzten diesen Trend der Helden als „Menschen wie du und ich“ fort.

Doch das bedeutet nicht das Ende der Pop-Ikonen. Der nächste große Wurf aus dem Hause Marvel war Spider-Man im Jahr 2002. So ernst X-Men erschienen war, so kehrte mit Spider-Man die Leichtigkeit ein. Der Film ist eine Action-Komödie über die Adoleszenz – durchaus mit Slapstick-Einlagen, Kalauern und Trash-Elementen. Und doch geht die Rechnung auf. Dank Selbstironie funktioniert die Geschichte, dank Computer-Technik überzeugen die Bilder, wenn der animierte Held Wände hochklettert oder sich durch die Skyline New Yorks schwingt. Aus der radioaktiv verseuchten Spinne wird – ganz zeitgemäß – eine genmanipulierte. Am unterhaltsamsten ist der Film, wenn man Peter Parker bei seiner Entwicklung zusehen darf: Vom Loser zum (Alltags-)Helden. Man kann über die weiteren beiden Teile, vor allem den dritten, sagen was man will: In seinen Stärken bleibt sich die Spider-Man-Reihe bis zum Schluss treu.

Zwischen Coolness und Kunst

Regisseur Sam Raimi hatte bereits 1990 mit Darkman einen erwachsenen Superhelden-Film inszeniert. Auch wenn er heute albern wirkt, wirkt er verglichen mit Tim Burtons Batman für seine Zeit modern. Liam Neeson spielt darin einen entstellten Wissenschafter mit übermenschlichen Kräften, der mit Hut und bandagiertem Gesicht den Rächer spielt und für seine Liebste für ein paar Stunden sein altes Gesicht wiederherstellt. Im Rückblick ist Spider-Man besser gealtert. Nicht bloß der Effekte wegen, sondern auch in erzählerischer Qualität. Der Vergleich zwischen den zwei Filmen zeigt, welcher Evolutionssprung sich in einem Jahrzehnt vollzogen hat.

Doch trotz des starken Anfangs mit drei maßgeblichen Filmen kamen bereits im Jahr 2003 zwei Rückschläge für das junge Genre: Daredevil und Hulk. Beide Filme wollen mehr sein, als sie bieten können. Daredevil will Coolness, Hulk will Kunst. Beides funktioniert nicht. Mit Daredevil präsentiert Marvel seine Batman-Version, einerseits düster, andererseits überzeichnet und dämlich (z.B. den Kampf mit Elektra und der Auftritt von Bullseye). Trotz guter Ansätze bietet der Film keine neuen Ansätze und verspielt somit sein Potenzial, das in der Hauptfigur steckt.

Verheizte Helden

Hulk hingegen strotzt vor Ambition. Marvel hat dafür Ang Lee (Brokeback Mountain!) als Regisseur verpflichtet. Aber das erwies sich als Fehlentscheidung. Lee hat aus der Comic-Adaption einen Comic-Film gemacht: mit unmotivierten Split-Screen-Einlagen und schwachsinnigen Bildübergängen. Darin eingebettet ist eine Story, die zwar auf Charaktere setzt, aber nicht fesselt. Die Actionszenen kränkeln an unausgereifter CGI-Technik und dem Fehlen würdiger Gegner. Stattdessen muss der schlecht animierte Hulk gegen Monsterhunde und Panzer kämpfen. Öde.

Und auch sonst schien dem Genre trotz der aufkommenden Flut an Filmen schnell die Luft ausgegangen zu sein: Fantastic Four, The Punisher, Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen und Catwoman sind nur einige Beispiele für verheizte Superhelden in uninspirierten Filmen. Doch es kam Rettung – und zwar aus der Ecke der Anti-Helden …

Fortsetzung folgt.

Guter Dinosaurier, schlechte Bilanz

Für den Fall, dass Sie es nicht mitbekommen haben: Es ist mal wieder ein Pixar-Film im Kino. Arlo & Spot (Original: The Good Dinosaur), der 16. des Animationspioniers, handelt von der Freundschaft zwischen einem Dinosaurier und einem Steinzeitkind. Die Resonanz fiel bisher schwach aus. Zwar wurde der Film gut besprochen, aber nicht annähernd so euphorisch wie sein Vorgänger Alles steht Kopf (Inside Out). Es gab wenig Werbung und die Besucherzahlen halten sich auch in Grenzen. Für Pixar könnte das der erste Flop werden (wenn man einmal von Cars 2 als qualitativem Tiefpunkt absieht).

Woran liegt das? Stellt sich ein Überdruss an computeranimierten Filmen ein? Keineswegs, denn Alles steht Kopf war ein großer Erfolg, die Nachfrage ist da. Ist Arlo & Spot ein schlechter Film? Nein, aber auch kein herausragender. Pixar bleibt in mehrfacher Hinsicht hinter den Erwartungen und seinem eigenen Pioniergeist zurück – und das zeichnet sich schon seit Jahren ab. Aber zunächst zum Film.

  1. Der Titel ist langweilig und nichtssagend: Arlo & Spot erinnert an Disneys Lilo & Stitch, der auch von einer Freundschaft zweier fremder Wesen handelt. Der Originaltitel The Good Dinosaur wäre wörtlich übersetzt auch nicht spannender (wen interessiert ein guter Dinosaurier, wenn spätestens seit Jurassic Park die bösen Dinos die interessanten sind?). Darüber hinaus hat der Originaltitel nur wenig mit dem Film zu tun, denn es geht hier nicht um moralische Überlegenheit des Helden.
  2. Dinos sind durch: Der Erfolg des lahmen Aufgusses Jurassic World mag dem zwar widersprechen, aber Dinos hat das Kinopublikum in animierter Form schon oft in den Ice Age-Filmen gesehen.
  3. Die Dinos sind schwach gezeichnet. Die Familie von Arlo ist zu glatt und lieblich geraten, wegen der grünen Einheitsfarbe unterscheiden sich die Mitglieder nicht besonders voneinander. Die Welt der Dinosaurier ist nicht besonders ausgeprägt, sondern erscheint als einfache Feld-, Wald- und Wiesenlandschaft ohne tieferes Profil. Eine T-Rex-Familie als zahme Wildhüter mag zwar neu sein, aber dadurch fallen potenzielle Feinde weg. Was als Konfliktpotenzial bleibt, sind bloß ein paar gierige Flugsaurier. Das ist zu wenig.
  4. Das Hauptproblem: Die Prämisse, dass Dinos nicht ausgestorben sind, sich weiterentwickelt haben und nun mit den primitiven Menschen zusammenleben, ist zwar interessant, aber dennoch steckt zu wenig Innovation in der Story: Eine klassische Heldenreise, bei der Ängste überwunden werden, ein Coming-of-Age-Film, ein Buddy-Movie – all das wirkt, wie schon einmal gesehen.

Arlo & Spot ist nicht der erste Pixar-Film, der zwar unterhält, aber keinen tiefen Eindruck hinterlässt. Bereits Cars (2006) war ein schwacher Film (mit fragwürdiger Prämisse) und brauchte erst recht keine Fortsetzung. Brave (Merida) war ein Märchen, das man eher Disney zugetraut hätte, weil der Anarcho-Geist von Pixar fehlte. Die Monster Uni funktionierte als Prequel ausgesprochen gut, aber im Vergleich zur Monster AG fehlte der Reiz des Neuen.

Es ist schade, dass Pixar, ein Studio, das immer schon für Innovation stand, weiterhin verstärkt auf Wiederverwertung setzt: Vier Fortsetzungen sind angekündigt: Finding Dory (zu Findet Nemo), Cars 3 (warum nur?), Toy Story 4 (obwohl die Trilogie bereits eine runde Sache war), Die Unglaublichen 2 (okay, Superhelden gehen immer, außerdem ist Brad Bird wieder dabei). Der einzige originäre Stoff der bisher geplanten Filme ist Coco (2017), der von dem Totenfeiertag in Mexiko handelt – nach dem furiosen Auftakt von Spectre macht immerhin die Idee neugierig. Aber unterwirft sich Pixar sonst den Anforderungen des Marktes, bei 200-Millionen-Dollar-Budgets lieber auf Nummer sicher zu gehen und auf Bewährtes zu setzen, statt Neues zu riskieren? Ein Film wie Alles steht Kopf zeigt, dass diese Rechnung nicht aufgehen muss. Arlo & Spot wird aber den Kurs wahrscheinlich bestätigen.

Kant und Cyankali

Irrational Man

Sony Pictures Classics

Warum Woody Allens Irrational Man keinen Kinobesuch lohnt.

Es ist der typische Woody Allen-Plot: Ein reifer Mann in einer Krise denkt über das Leben nach und verliebt sich in eine junge Frau. In Irrational Man ist der reife Mann ein saufender Philosophie-Professor und die junge Frau seine Studentin. Angereichert wird diese Altherrenfantasie mit der üblichen trockenen Lakonie und ein bisschen Namedropping bekannter Denker: von Kant bis Kierkegaard wird jeder mal zitiert, der etwas über Ethik geschrieben hat. Joaquin Phoenix mit seiner Wampe und eine wie immer hinreißende Emma Stone mit ihren allumfassenden Augen füllen das altbekannte Grundgerüst mit Leben; der lässige Jazz-Sound von „The In-Crowd“ sorgt für eine leichtfüßige Stimmung. So weit, so gut.

Doch dann kommt ein weit hergeholter Mordplot hinzu und seine allzu bemühte Aufklärung. Was eigentlich Spannung in den Film bringen sollte, lässt ihn auf der Stelle treten, der moralphilosophische Diskurs drumherum wirkt aufgesetzt und banal, das Niveau flacht ab und Langeweile setzt ein. Das erinnert leider zu sehr an durchwachsene Werke wie Scoop und wurde in den Glanzstücken Match Point und Cassandra’s Dream überzeugender und packender verhandelt. Naja, vielleicht klappt’s ja im nächsten Jahr besser.

Schlecht programmiert

Universal

Universal

Warum Steve Jobs nicht der Film geworden ist, der er sein sollte.

Man kann die besten Ideen und Voraussetzungen haben – manchmal klappt es einfach nicht beim ersten Versuch. Steve Jobs hat nach seinem Apple II zwei Fehlschläge gebraucht, bis er mit dem iMac einen neuen Meilenstein setzte und damit endgültig zur Legende wurde. Mit seiner filmischen Darstellung hat es zunächst auch nicht direkt geklappt: Der Low-Budget-Film Jobs (2013) mit Ashton Kutcher in der Hauptrolle ist bei der Kritik durchgefallen und hat nie ein großes Publikum erreicht. Zwei Jahre später kommt der zweite Anlauf in die Kinos: Steve Jobs, mit doppelt so hohem Budget, Regisseur Danny Boyle, Drehbuchautor Aaron Sorkin und einer erstklassigen Besetzung. Aber all die besten Bestandteile bilden immer noch kein rundes Ganzes.

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Baustelle Bond

Spectre

Achtung, Spoiler!

James Bond ist komplett. Mit Spectre, dem vierten Teil der Daniel Craig-Ära, ist die Baustelle Bond beendet. In Casino Royale erlangte er Doppelnullstatus und die Liebe seines Lebens, nur um letztere gleich wieder tragisch zu verlieren, in Ein Quantum Trost wurde die Geheimorganisation Quantum eingeführt, in Skyfall hat er seine Ersatzmutter M verloren, dafür aber einen Q und eine Miss Moneypenny dazubekommen (und eine Vorgeschichte), in Spectre werden alle Fäden zusammengeführt und James Bond kämpft nicht nur zusammen in einer Art Familienverbund, sondern findet endlich auch einen Gegenspieler fürs Leben: Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz).

Nun, da alles da ist, könnte man meinen, James Bond könnte endlich loslegen. So richtig. Jetzt aber wirklich. Vielleicht im nächsten Teil, denn auch Spectre lässt einen unbefriedigt zurück wie die vergangenen zwei Teile. Dabei beginnt es so prächtig: Der Prolog in Mexiko am Tag der Toten ist furios inszeniert. In einer langen Einstellung sehen wir James Bond (in Skelett-Kostüm und mit weiblicher Begleitung) durch das Straßenfest laufen, ins Hotel gehen, den Aufzug nehmen, im Hotelzimmer schließlich umziehen und aufs Dach steigen, schließlich lange übers Dach laufen, um einen Auftrag auszuführen. Bei dieser eleganten Kameraarbeit hat man sich offenbar von Birdman inspirieren lassen. Am Ende der Szene gibt es einen spektakulären Kampf in einem Hubschrauber. So weit, so gut.

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Weltraumkartoffeln

Der Weltraum ist der Unort schlechthin. Der allergrößte Teil des Universums ist nicht für uns gemacht: lebensfeindlich durch und durch, ein bitterkaltes Nichts. Der Mond ist ein Nichts mit Stein und Staub. Der Mars ist eine Spielart davon in rot, zwar mit Wasser, aber irrelevant. So finden die NASA-Leute in Ridley Scotts Film Der Marsianer nichts als Steine auf dem Planeten. Als dann ein riesiger Sturm die Mission zum Abbruch zwingt, machen sich die Leute schnell davon. Einer, Mark Wattney, verunglückt und wird für tot erklärt. Doch er überlebt und muss es irgendwie schaffen zu überleben – bis irgendwann vielleicht Hilfe kommt. Wenn nicht, wird er entweder erfrieren, verdursten oder verhungern.

Matt Damon spielt den Robinson auf dem Mars als souveränen Macher, der jede Situation mit Exkrementen und Klebeband zu meistern weiß. Einfallsreich wie McGyver baut er sich ein Gewächshaus und kultiviert Kartoffeln, findet eine alte Mars-Sonde und schafft es mittels primitiver Mittel, mit der Erde in Kontakt zu treten. Das Erstaunlichste daran ist aber, wie der Held in völliger Einsamkeit, Isolation und Langeweile nicht durchdreht und sich auch keinen imaginären Freund in Form eines Weltraumanzuges oder wenigstens -helms sucht, sondern sich in unermüdlichem Eifer, wie ein überzeugter Siedler, sein Überleben mit Rationierung sichert. Weit weg, auf der Erde, spielen NASA-Leute in Designerbüros mit Sichtbetonwänden Szenarien inzwischen wissenschaftliche und moralische Fragen durch: Darf und soll man fünf Menschenleben riskieren, um eines zu retten? Die Frage hat Hollywood spätestens bei Star Trek III beantwortet, als sich die Crew auf die Suche nach Mr. Spock begab, und mit Der Soldat James Ryan (schon damals mit Matt Damon!) ad absurdum geführt – und so werden alle Zweifel mit der bewährten „Alle-für-einen“-Euphorie und dem üblichen US-Pathos ausgemerzt.

Auch 20 Jahre nach Apollo 13 und zwei Jahre nach Gravity wirkt Der Marsianer, trotz seines für einen Science-Fiction-Films sehr realistischen, fast schon puristischen Ansatzes (keine Aliens, kein Warp-Antrieb) wie ein cineastisches Déjà-vu. Die Versatzstücke hat man so oder ähnlich schon einmal gesehen, vor allem bei Apollo 13, da aber spannender. Und allein von der Bildgewalt können die unendlichen Wüsten des Mars nicht mit den unendlichen Weiten und der beklemmenden Stimmung von Gravity mithalten – ganz zu schweigen von der mitreißenden Kamera-Arbeit. Der Marsianer ist ein weitgehend konservatives Filmchen, wie sie Ridley Scott schon lange dreht, sein bester Film seit American Gangster, vielleicht sogar der beste Mars-Film, aber gemessen an den cineastischen Perlen der vergangenen Jahre keineswegs ein herausragendes Werk. Was ihm vor allem fehlt, ist eine menschliche Tiefe. Die Charaktere, obwohl prominent besetzt, werden bloß oberflächlich eingeführt, größere Anteilnahme können sie einem nicht entlocken.

Was bleibt, ist ein einsamer Mann in der Wüste, der unbestimmt genug bleibt, dass sich jeder mit ihm identifizieren kann, der aber keinen großen Eindruck hinterlässt. Ein Mensch, der reduziert ist auf einen eisernen Überlebenswillen, der sich nur von Kartoffeln, Ketchup und Astronautenbrot ernährt. Der Mensch als nahezu stoischer Anpassungsmeister, der selbst verhasste Musik erträgt. Offenbar muss man, wenn man es mit dem Nichts des Alls aufnimmt, so weit gehen, sich selbst zum Vakuum zu machen.