Geisteswissenschaften

Zwischen Fakt und Fiktion

Ein Werkstattgespräch mit der Comic-Künstlerin Barbara Yelin an der Goethe-Uni.

Barbara Yelin und Bernd Dolle-Weinkauff

Barbara Yelin und Bernd Dolle-Weinkauff (Foto: Lukas Gedziorowski)

„Der Start meiner Arbeit muss eine gute Frage sein, die mich für Jahre begleitet“, sagt die Comic-Künstlerin Barbara Yelin. Im Fall ihres jüngsten Werkes war es die Frage: Wie kann es sein, dass eine junge Frau, die sich nach Freiheit sehnt und gesellschaftlich aufsteigen will, in Nazideutschland eine Kehrtwende macht und zur Wegschauenden und damit passiven Akteurin wird? Gestoßen ist Yelin auf diese Frage, als sie vor Jahren die Tagebücher und Briefe ihrer Großmutter gefunden hat. „Ein sehr widersprüchlicher Lebenslauf“ habe sich ihr dargeboten, sagt die Autorin und Zeichnerin. Aus diesem Rohmaterial hat Yelin schließlich „Irmina“ gemacht, einen Comic, in dem sie nicht etwa die Biografie ihrer Großmutter nacherzählt, sondern sie als Vorlage für die fiktionale Geschichte einer Frau in der Nazi-Zeit in Deutschland benutzt. Die vier Jahre Arbeit, die Yelin investiert hat, haben sich gelohnt: „Irmina“ wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der „Tagesspiegel“-Jury zum „Comic des Jahres 2014“ gewählt.

Wie Geschichte im Comic erzählt wird, wie Fakt und Fiktion zusammenwirken oder auch auseinanderfallen, darum ging es am vergangenen Wochenende in einem Symposium an der Goethe-Universität, das vom Institut für Jugendbuchforschung veranstaltet wurde. In einem Werkstattgespräch am Samstagabend führte Barbara Yelin das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Freiheit und Historie aus: Auch wenn sie versuche, authentisch zu arbeiten, handle es sich immer um eine Konstruktion, sagte sie. Es ist ein gängiges Verfahren. Obwohl man eine fiktive Geschichte erzählt, fühlt man sich, sobald man sie in einen historischen Kontext setzt, auch den Fakten verpflichtet. Das Erzählen zwischen Fiktion und Historie ist eine Gratwanderung zwischen den Ansprüchen an Glaubwürdigkeit und Dramaturgie.

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Beinahe romantisch

DJ Wim Wenders beim Romantik-Festival in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

DJ Wim Wenders beim Romantik-Festival in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Frankfurt ist im Romantik-Fieber: Nach der Diskussion um das Romantik-Museum am Goethe-Haus hat es in einem Jahr zwei Kongresse zur Romantik gegeben, nun findet ein drittes im Literaturhaus statt. Am Samstag hat Regisseur Wim Wenders das Festival mit einem Bekenntnis eröffnet, warum er ein Romantiker ist – und sich dabei als Realist entlarvt. Bei der Diskussion im Anschluss stellte sich heraus, dass die Romantik noch heute präsent ist. Wer Romantik sucht, der findet sie auch.

„I’m a hopeless german romantic“, soll Wim Wenders geantwortet haben, als man ihn danach fragte, warum er seinen Film Paris, Texas (1984) so und nicht anders gedreht habe. Dieser Satz, den er nur „dahergesagt“ habe, ohne nachzudenken, habe ihm „lange nachgehangen“, sagte der Regisseur am Samstagabend im Literaturhaus Frankfurt, nun müsse er sich entweder dazu bekennen oder das Gegenteil behaupten – und letztendlich sei das überhaupt der Grund, warum er hier sei, beim Romantik-Festival „Was wir suchen, ist alles“. Oder, wie Wenders es ausdrückte, bei der Versammlung der „romantics anonymous“.

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Stress ohne Ende

Kommt noch was? - Tony Soprano

Kommt noch was? – Tony Soprano

Serien sind potenziell unendlich. Doch eines Tages müssen sie aufhören. Das birgt zwei Gefahren: Zum einen, dass das Ende zu früh kommt. Zum anderen, dass es unbefriedigend ist. Über diese Paradoxie hat der Kulturwissenschaftler Frank Kelleter an der Goethe-Universität in Frankfurt gesprochen und zwei besonders krasse Beispiele für Enden von Fernsehserien gezeigt.

ACHTUNG! (Kleine) SPOILER für Lost und The Sopranos !!!

The Sopranos sind eine Serie über Stress“, sagt der Kulturwissenschaftler Frank Kelleter und fügt hinzu, dass dies für viele zeitgenössische Qualitäts-Serien gelte. Und zwar in einem doppelten Sinn: Zum einen leiden die Protagonisten an Stress in Beruf und Familie (Tony Soprano genauso wie Walter White), zum anderen leiden die Zuschauer vor ihren Fernsehern mit. „Fernsehen kann zur Arbeit werden“, sagt Kelleter. Das sogenannte binge viewing, eine weit verbreitete Praxis unter Serienjunkies, bezeichnet eine Rezeption „bis zur Erschöpfung und darüber hinaus“.

Aber woher kommt diese Tendenz? Eine Erklärungsmöglichkeit ist die Spannung, die Serien im Verhältnis zu ihrem Ende haben. „Sie träumen von potenziell unendlicher Fortsetzung“, so Kelleter. Das Problem ist, dass es beim Zuschauer immer eine „vorausgreifende Gesamtvorstellung“ gibt, die mit der Erwartung eines abschließenden und befriedigenden Endes verbunden ist. Über dieses stressige Spannungsverhältnis hat Kelleter, Professor für Nordamerikanische Kultur an der Freien Universität Berlin, am Mittwoch an der Goethe-Universität gesprochen. Unter dem Titel „die Teile und ihr Ganzes im Seriellen Erzählen“ beschrieb er auch zwei prominente Beispiele für Serien-Enden: Lost und The Sopranos.

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Guckst du noch oder denkst du schon?

Versuche über die TV-Serie, Teil 1: Schluss mit der Serien-Euphorie!
Serienschauen

Gut gerüstet: Serienschauen ist harte Arbeit.

Wir leben in einem goldenen Zeitalter. Während das traditionelle Fernsehen stirbt, blüht eine Kunstform auf, die Millionen von Menschen bewegt und begeistert: Die Serie. Doch obwohl wir von einer Flut von Qualitätsprodukten verwöhnt werden, ist die Serie noch nicht dort angekommen, wo sie sein soll. Das zeigt auch der Umgang in der öffentlichen Debatte. Einen konstruktiven Beitrag will Fragmenteum leisten. In dieser Woche erscheint täglich an dieser Stelle ein Essay über Serien. Es wird um Ursprünge und Ausblicke, um digitale Distribution und den Einfluss neuer Medien gehen. Heute beginnen wir mit dem Serien-Hype unter Geisteswissenschaftlern. Denn damit soll endlich mal Schluss sein.

Die Geisteswissenschaftler sind in Aufruhr. Es herrscht eine Hysterie wie von Waschweibern beim Schlussverkauf. Das Serienfieber hat sie gepackt. Egal ob Film- oder Literaturwissenschaftler, sie alle schauen begeistert The Wire, Die Sopranos und Breaking Bad, und während sie sich kluge Gedanken dazu machen, was uns das alles zu sagen hat, schwebt über allem immer noch die Frage: Was machen wir hier eigentlich? Warum sehen wir uns das an und warum forschen wir darüber? Warum gerade jetzt? So auch das Thema einer Debatte, die Ende Oktober im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes in Frankfurt mit drei Literaturwissenschaftlern der Goethe-Uni stattfand.

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Reading Bad

Miese Klolektüre!

Miese Klolektüre! Dean Norris als Hank Schrader in Breaking Bad. (Episode 5.08)

In diesem Jahr ist das erste deutschsprachige Buch über die TV-Serie Breaking Bad erschienen. Leider ist es ein missglückter Schnellschuss geworden: Nicht nur lächerlich mickrig im Umfang, sondern auch oberflächlich und schlampig geschrieben – ganz abgesehen davon, dass es zu früh kam, nämlich vor der finalen Staffel. Eine vertane Chance.

Da bestellt man sich ein Buch für stolze 20 Euro und dann das: Ein kleines Taschenbuch, 17 mal 10,5 Zentimeter, und 150 Seiten, wobei zehn davon nur Bilder sind und 20 Seiten Anhang. Soviel zum ersten Eindruck: Eine miese Abzocke! Aber bei einem Buch zählen ja die inneren Werte und die erschließen sich erst beim Lesen. Viel besser wird es aber nicht.

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