Internet

Privatschnüffler gegen Privatschnüffelei

Panel Syndicate

Panel Syndicate

Stellen wir uns eine Zukunft vor im Jahr 2076 – ohne Internet. Denn die Cloud ist zerstört: Eines Tages kam die große Datensintflut, 40 Tage lang regneten die Daten ungehindert auf die Menschen ein, alles war für jeden sichtbar. Freundschaften, Beziehungen und Familien wurden zerstört, weil Geheimnisse offengelegt wurden. Im Jahr 2076 hört man wieder Schallplatten und Kasetten statt MP3s. Man schaut wieder mehr fern. Und man wird nicht ständig beobachtet. Im Gegenteil: Die Privatsphäre ist so wichtig, dass sich jeder eine Geheimidentität zulegt und auf der Straße mit einer (oft bizarren) Maske herumläuft. Die Polizei ist hier zugleich die Presse, Journalisten sind Ermittler, inklusive Trenchcoat und Fedorahut. Die beste Nachricht: Es werden wieder Zeitungen verkauft.

Dieses bunte, groteske Szenario bestimmt das Bild von The Private Eye, dem digitalen Comic von Brian K. Vaughan und Marcos Martin, das mit dem Eisner Award 2015 ausgezeichnet wurde – und zwar zurecht. Denn der Comic hat nicht nur einen originellen Ansatz (sogar mit großer Aktualität), sondern ist auch hervorragend gemacht. Knallbunte Farben, lebendige Figuren, pointierte Dialoge und eine dynamische Bildsprache, die die Möglichkeiten des (analogen!) Mediums nutzt, sind die Qualitäten, die diese zehnteilige Story ausmachen. Und das Schönste: die Künstler vertreiben ihr Werk selbst und man kann dafür bezahlen, was man will – von nix aufwärts. Jeder Cent geht direkt an die Künstler, ohne Prozente für Handel, Vertrieb oder Verlage.

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Frankfurter Fragmente #9: Leaks

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Vor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt hat der US-amerikanische Künstler Doug Aitken eine Installation aufgebaut. Unten ist ein großes kreisförmiges Becken inmitten eines Haufens von Steinen, Schutt und Sand. Darüber schwebt eine quadratische Vorrichtung aus Rohren und Düsen. Daraus kommt Wasser: mal tropft es, mal schüttet es. Der Schall wird von Mikrofonen im Becken in Lautsprecher übertragen, sodass Echo-Effekte entstehen. Wie das bei Kunst so ist, kann man sich viel dabei denken. Für mich ist die Installation eine Allegorie auf ein Phänomen der Informationskultur. Das Phänomen der Leaks. Ständig tröpfeln Daten unterschiedlicher Quellen in das große, unersättliche Sammelbecken des Internets, mal mehr, mal weniger, aber konstant füllt es sich, ohne je überzuschwappen, und auf jeden Aufprall folgt ein gesteigertes Echo.

Informationen sind längst nichts Besonderes mehr. Leaks ragten zunächst aus der Masse raus, schienen an die Stelle der Scoops zu treten. Bevor sich traditionelle Medien auf Storys stürzten, war alles schon im Netz zu lesen. Als Wikileaks Geheimdokumente enthüllte, wurde das als die Freiheit der Internetguerillas gefeiert. (Dann kam Edward Snowden und er zeigte uns, dass unsere Rechner nicht bloß lecken, sondern ständig abgeschöpft werden – die dunkle Kehrseite des Internets.) Nichts ist mehr sicher vor dem Zugriff der Hacker, Hacktivisten und Whistleblower. Aber Leaks sind mittlerweile an der Tagesordnung, vor allem als kulturelles Phänomen inflationär. Leaks sind Ausdruck der Informationsgier und der Ungeduldigen. Wir wollen alles sofort haben, und immer schneller. Nachdem die ersten vier Folgen der fünften Staffel von Game of Thrones im Netz waren bevor sie auf HBO ausgestrahlt wurden, schrieb David Denk für die Süddeutsche: „Das Unbezahlbare am Leak ist, dass er das betroffene Kunstwerk mit der Aura des Begehrten auflädt, und zwar ganz egal, wie gelungen oder vergeigt es tatsächlich ist. Immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, es zu stehlen.“ Aber der Autor übersieht, dass Game of Thrones, genauso wie Superhelden-Blockbuster, diese Aufladung nicht nötig haben. Sie werden geleakt, weil sie bereits begehrt werden.

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Kürze für Eilige

Der Internetleser ist bekanntlich ein scheues Reh. Langweilige oder – noch schlimmer – lange Texte schrecken ihn ab, er macht sich davon, sobald ihn etwas anstrengt oder über Facebook der nächste YouTube-Schwachsinn leichte, kurzweilige Unterhaltung bietet. So jedenfalls die Theorie. Denkt man das zu Ende, haben wir es mit stammelnden Kretins zu tun, die alles überfordert, was länger als ein Tweet ist.

Manche Nachrichtenseiten arbeiten deshalb daran, das Lesevergnügen zu optimieren, das heißt: sich noch kürzer zu fassen. Auf Süddeutsche.de findet man seit einiger Zeit statt eines Teasers eine Zusammenfassung in vier Stichpunkten vor jedem Artikel, der ein „hartes Thema“ wie Politik oder Wirtschaft behandelt. Im Ressort Kultur verlässt man sich noch auf den guten alten Teaser. Da traut man dem Leser offenbar noch Interesse und Geduld zu.

Nun hat auch Spiegel Online einen ähnlichen Service eingeführt. „Wenig Zeit? Am Textende gibt’s eine Zusammenfassung“, steht jetzt zwischen Anlese und Haupttext längerer Texte (auch hier zunächst bei der Politik). Doch ein Mehrwert erschließt sich nicht: Bei dem Bericht über das Ende des Edathy-Prozesses liest, kann man dann unten lesen, was auch schon in der Anlese steht. Ähnlich ist es bei dem Text über die Bundeswehr-Ausbildung der Peschmerga: bis auf ein Zitat gibt es da nichts, was man nicht schon aus dem Teaser erfahren hätte. Für den, der sich die Mühe gemacht hat, sich durch den Text durchzukämpfen, wirkt das Fazit am Ende wie ein redundanter Wink mit dem Zaunpfahl. Man sollte seine Leser nicht für allzu blöd halten. Es gibt ja immer noch die andere, nie ganz auszuschließende Möglichkeit und Hoffnung: Manch einer könnte sich auf eine Nachrichtenseite verirren, um tatsächlich etwas über das Weltgeschehen erfahren.

Bild holt die Stimmung ab

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„Gefällt mir“ war gestern. Bild.de wagt mal was Neues, indem es seinen Lesern differenziertere Urteile abverlangt. Nun können sie Artikel danach bewerten, welche „Stimmung“ die Beiträge bei ihnen hervorrufen: Lachen, Weinen, Wut, Staunen und „Wow“ – unterschieden mit den Farben Gelb, Blau, Rot, Violett und Pink. Bild traut seinen Lesern offenbar nur fünf Gemütszustände zu, wobei nicht klar ist, was der Unterschied zwischen Staunen und Wow sein soll (ist „wow“ nicht ein Ausruf des Erstaunens?). Und welche Stimmung mit „Lachen“ gemeint ist, bleibt auch offen: Freude, Humor, Häme, Schadenfreude? Ebenso viel Unterschiedliches kann hinter Tränen stecken. Und was ist mit Angst? Was ist mit Zuversicht? Genugtuung? Rachgelüsten? Ignoranz? Das alles scheinen Bild-Leser nicht zu kennen. Oder die Bild traut seinen Lesern eine so große Bandbreite an Reaktionen nicht zu.

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Berliner Fragmente #13: Flatrate

Schaukel im Mauerpark (Foto: Lukas Gedziorowski)

Schaukel im Mauerpark (Foto: Lukas Gedziorowski)

Im Zeitalter des Unendlichen Spaßes ist Flatrate das Wort der Stunde. Das All-You-Can-Eat-Buffet gibt es auch für Musik, Filme und mit Amazon auch bald für E-Books. Konsum zum Festpreis, Zeit ist die einzige Grenze. „Flatrate killt die Kunst?“, fragte Joachim Huber kürzlich im Tagesspiegel (9.10.2014). Der Konsument fühle sich vom Überangebot überfordert, damit sich der Preis lohnt, werde „alles zur Probe“, zum „Häppchen“. Der Autor sieht trotzdem in Flatrates eine Chance, den Geschmack zu fordern und zu fördern.

Flatrates bieten jedoch mehr als das. Bei der Musik eröffnen sie die Möglichkeit, potenziell auf alles zugreifen zu können, um so die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, das zu finden, was man sucht. Eine solche Möglichkeit fehlt noch im Bereich Film und Serie. Insofern ist das Versprechen von Amazons Instant Video-Angebot – „unbegrenztes Streaming von Filmen und Serien“ – nur zur Hälfte wahr: die Grenze bildet das beschränkte Angebot. Aber egal ob Musik oder Film: Bei Flatrates geht es nie darum, alles zu konsumieren, sondern nur das Wenige, wofür man sich interessiert. Der Rest ist Stöberei in Wühlkisten nach Fundstücken. Bei der ziellosen Suche sind Häppchen die bessere Wahl.

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Ein Käfig voller Hühner

Orange is the New Black

Die Serie Orange Is the New Black ist neben House of Cards das zweite Flaggschiff des VOD-Dienstes Netflix. Mit einer ausgewogenen Mischung aus Komödie und Drama behandelt sie den Alltag in einem Frauenknast. Und der ist offenbar nicht so schlimm, wie man denkt. Abgesehen von einigen Ausnahmen.

Man sieht es der dünnen blonden Frau mit ihren großen Augen und ihrem verhuschten Wesen gleich an, dass sie nicht hierhergehört. Und dennoch trägt sie diesen orangen Overall, der sie als Neuling im Frauenknast deklariert. Einer der wenigen Farbtupfer an einem Ort, dessen Farbpalette von grau bis beige reicht. Von jetzt an gilt: „Orange Is the New Black“, so der ironische Titel der Serie, der klarmacht, dass es um einen Ort geht, an dem Mode keine Rolle spielt. Vorbei das Leben, wie sie es kannte.

Für unsere Heldin, Piper Chapman, war es bisher kein übles: Sie war verlobt mit einem Autor und vertrieb mit ihrer Freundin selbstgemachte Pflegeprodukte. Nun muss Chapman für ein Jahr ins Gefängnis, weil sie einmal vor zehn Jahren als Kurier für Drogengeld fungiert hat. Zwei Jahre später wäre die Tat verjährt. „Ich arbeite hier seit 22 Jahren und verstehe immer noch nicht, wie das System funktioniert“, sagt Chapmans Betreuer Healy. „’ne Crackdealerin kriegt neun Monate. Und ’ne Frau, die versehentlich beim Einparken den Postboten anfährt, die bekommt vier Jahre. Der Arme hat sich das Schlüsselbein gebrochen, aber trotzdem: ich versteh’s einfach nicht.“

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Hurra, Netflix ist da!

Netflix

Netflix beginnt in Deutschland bescheiden, aber schon mit einem interessanten Angebot aktueller Serien. Schwach hingegen ist die Filmauswahl. Dennoch wird die Zukunft spannend: Viele originale Inhalte sind geplant – und die werden exklusiv bei dem VOD-Dienst zu sehen sein.

Endlich! Unsere Gebete wurden erhört! Der Heilsbringer ist da! NETFLIX gibt es endlich auch in Deutschland – und eine ganze Nation atmet auf … Naja, fast. Wie abzusehen war, ist es nicht ganz so das dicke Ding geworden. Der Revolutionär, der uns die Webserie House of Cards bescherte und eine neue Zeitrechnung einläutete, kommt erst mal bescheiden daher. Das Video-on-Demand-Angebot stellt nicht die Konkurrenz in den Schatten. Es ist ausbaufähig. Aber es ist auch interessant.

Doch zunächst ein Ärgernis: Wer auf die Netflix-Seite geht, wird zwar sofort dazu eingeladen, sich für einen kostenlosen Probemonat anzumelden, hat aber keine Möglichkeit, sich zu informieren, was ihn erwartet. Keine Übersicht über das Programmangebot, keine Suchfunktion, nicht einmal den Hauch einer Auswahl. Kurz: Man kauft die Katze im Sack. Auch wenn man noch gar nichts kaufen will. Trotz der kostenlosen Testphase: Bezahlinformationen müssen sein. Das ist bei anderen auch so, aber es hinterlässt ein mulmiges Gefühl, dass es vielleicht nicht ganz so kostenlos bleiben wird. Immerhin: 7,99 Euro Grundpreis sind fair, aufstockbar bei mehreren Geräten bis 11,99 Euro. Watchever mag da günstiger sein.

Und nun zum Angebot. Neben den bekannten Netflix-Originalen House of Cards und Orange is the New Black gibt es auch Hemlock Grove und das schon etwas länger laufende The Killing, das Netflix von AMC übernommen hat und fortsetzt. Alles ist mit deutschem und englischem Ton zu haben, wahlweise auch mit Untertiteln – sehr vorbildlich. Und der Stream lief am Starttag auch flüssig.

Der Rest ist eine Auswahl der besten Qualitäts-Serien der jüngsten Zeit:

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Das Imperium schlägt zurück

Gar nicht mal so böse

Gar nicht mal so böse? (Montage: leg)

Nach der vielen schlechten Presse über schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon geht der Online-Versandhändler in die Gegenoffensive: Auf einer neuen Internetseite will er einen Blick „hinter die Kulissen“ geben und lässt Versandmitarbeiter zu Wort kommen. Denen zufolge ist alles halb so wild. Fragt sich nur, warum dann zurzeit 1100 Kollegen die Zentren in Leipzig und Bad Hersfeld bestreiken. Egal, wie viel Wahrheit darin steckt – eine raffinierte Strategie ist es auf jeden Fall, um sich das Weihnachtsgeschäft nicht vermiesen zu lassen.

„Ich will jetzt mal was klarstellen“, sagt ein Mitarbeiter aus dem Amazon-Logistikzentrum Koblenz. „Alles, was die Presse erzählt und weitergibt wegen den Löhnen und so, ist alles Schwachsinn.“ Auch was Frontal 21 berichtet habe, sei „Schwachsinn“. Der Mann erzählt, dass er keinen Grund zur Beschwerde habe. Der Lohn sei höher als anderswo, die Richtlinien seien normal. „Ich bin glücklich“, sagt er. „Ich glaube, ich bleib bis zur Rente bei Amazon. Denn Amazon gibt jedem ne Chance.“ Verdi wolle einfach den „Konzern plattmachen wie Schlecker, Max Bahr und so“. Sein Schluss: „Verdi sollte sich lieber verpissen. Die sind alle dumm und haben nichts besseres zu tun, als andere Firmen fertig zu machen.“

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Kleine Happen

Während immer mehr Serien per Video-on-Demand geschaut werden, strahlt Sky immer noch sein Programm über das Fernsehen aus. Doch nun ist der Pay-TV-Provider in der Gegenwart angekommen: Nach den Angeboten Sky+, SkyGo und Sky Anytime für Abonennten gibt es jetzt ein Video-on-Demand-Angebot für jedermann: Snap by Sky. Für rund 10 Euro im Monat kann man sich ohne Ende Filme und Serien anschauen. Na ja, fast ohne Ende.

Die Sopranos sind da. Alle sechs Staffeln. Auch 24, The Wire, Rome und die Gilmore Girls sind komplett. Doch von True Blood gibt es nur die ersten drei (von bisher sechs) Seasons, von Six Feet Under auch (drei von fünf) und von Boardwalk Empire nur die erste Staffel (von insgesamt vier). Dafür bietet Snap auch einige ältere HBO-Raritäten wie die kurzlebige Serie Carnivale, die Mini-Serie Generation Kill von The Wire-Macher David Simon sowie den preisgekrönten Zweiteiler Empire Falls. Kurz gesagt: Das Neueste fehlt, oftmals auch mehr.

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Alles! Für alle! Und zwar sofort!

Versuche über die TV-Serie, Teil 3: Digitale Distribution
Digitale Distributionswege: Captain America auf dem Tablet. (Szene aus South Park.)

South Park als Vorreiter für digitale Distribution: Captain America auf dem Tablet.

Keine Sorge: Die Überschrift ist kein Bekenntnis zum Sozialismus. Im Gegenteil: Aus ihr spricht die Lust am Konsum. Einem geistigen Konsum kultureller Güter. Denn darum geht es doch bei Serien. Sie speisen sich von der Gier der Menschen nach mehr. Doch obwohl der Hunger nach TV-Serien hierzulande groß ist, wird er nicht gestillt. Die Menschen wollen mehr, doch sie bekommen es nicht – oder zu wenig davon. Ein Plädoyer für eine offenere Distributionspolitik.

Kevin Spacey hat es verstanden: „Das Publikum will die Kontrolle“, sagte er bei seiner Rede auf dem Edinburgh Television Festival. Man müsse den Leuten, das geben, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen und zu einem vernünftigen Preis. Der Schauspieler weiß, wovon er spricht: Er spielt die Hauptrolle in House of Cards, einer Serie, die für den Video-on-demand-Anbieter Netflix produziert wurde. Die ist nicht nur hochkarätig besetzt, geschrieben und gemacht (Regie: David Fincher) ist, sondern auch für 14 Emmys nominiert war und neun bekommen hat. Die Innovation: Netflix veröffentlichte alle 13 Folgen der ersten Staffel simultan.

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