Literatur

Weiße Cover, schwarze Cover

Unser Autor macht sich seine Gedanken über das Schwarze und das Weiße auf den Buchumschlägen und Plattenhüllen dieser Welt. Ein Essay über den Minimalismus und das Heischen nach Aufmerksamkeit.

Beckett: Der HofNeulich in der Buchhandlung. Ein schwarz-weißes Cover erregt meine Aufmerksamkeit. Doch vor allem, weil die Schrift zwar auffällt, aber der Titel nicht zu lesen ist: „ER“ steht da auf der oberen Hälfte, „OF“ auf der unteren, wobei jeweils die ersten beiden Buchstaben zum Teil abgeschnitten sind, dazwischen der Autorenname: „Simon Beckett“. Und obwohl mich weder der Autor, noch das Genre, mit dem ich seinen Namen verbindet, interessieren, greife ich zum Buch, weil ich wissen will, was dieses Cover soll, wie der Titel lautet. Ich drehe das Buch um: Ein D, ein H – „DER HOF“ steht da, was mich zunächst enttäuscht, aber dann wiederum an John Grisham erinnert, der wohl am konsequentesten Titel nach dem Schmema „Artikel + Substantiv“ fabriziert. Vor allem aber fühle ich mich in die Falle getappt: Jetzt hat mich der Verlag genau da, wo er mich haben wollte. Raffiniert, das muss man denen lassen. Ich kaufe es trotzdem nicht.

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Superhelden wie wir

Schaufensterhelden (Foto: Lukas Gedziorowski)

Schaufensterhelden (Foto: Lukas Gedziorowski)

Comic-Autor Grant Morrison hat ein Sachbuch über Superhelden geschrieben. Darin verbindet er Comic-Geschichte mit seiner Autobiografie und Exkursen darüber, was Superhelden mit der Realität zu tun haben. Das Ganze bildet zwar ein nicht immer schlüssiges Werk, dennoch ein lesenswertes für alle, die mehr über das Thema erfahren wollen.

Von Superhelden kann man so einiges lernen. Als ich ein Kind war, hörte ich den weisen Superman aus dem 78er Film sagen, dass Fliegen – statistisch gesehen – immer noch das sicherste Verkehrsmittel sei. So eine Weisheit, von einer Autorität wie dem besten Helden aller Zeiten gesagt, brannte sich ein. Dann, ein paar Jahre später, las ich in einem Comic (JLA #18), wie Bruce Wayne sagt, dass es Aufzüge mit Fluchtluken, die auch von innen aufgehen, nur in Filmen gebe. In Filmen, aber offenbar nicht zwingend in Comics – seltsam, dachte ich, so viel Realismus, inmitten so viel Fantastik. Und schließlich, im Jahr 2008, die Szene in The Dark Knight, in der Bruce Wayne seinen Gimmick-Entwickler Lucius Fox um einen neuen Anzug bittet. Dieser sieht nur an ihm herab und sagt ironisch: „Ja, drei Knöpfe sind 90er Jahre, Mr. Wayne.“ Daraufhin wurde mir klar, dass auch ich eine neue Garderobe brauchte.

Nun gibt es seit vergangenem Jahr ein Buch über Superhelden mit dem (viel zu langen) Untertitel Was wir von Superman, Batman, Wonder Woman und Co. lernen können. Geschrieben hat es der Großmeister Grant Morrison, der im Jahr 1989 Arkham Asylum, eines der innovativsten Batman-Comics geschrieben hat, danach die JLA reformierte und später für Batman und Superman zuständig war. Der Mann kennt sich aus in der Comic-Historie. Und so ist sein Buch, trotz seines Versprechens im Untertitel, vor allem ein Text über ein Stück Kulturgeschichte geworden. Und das ist auch gut so, denn viel lernen können „wir“ vor allem von Morrison.

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„Man muss die ganze Gegend erzählen, die Zeit!“

Kurzeck im Café Fellini (Foto: pk)

Peter Kurzeck im Café Fellini (Foto: pk)

Am 25. November starb der Schriftsteller Peter Kurzeck im Alter von 70 Jahren in Frankfurt am Main. Sein auf zwölf Bände angelegter Romanzyklus Das alte Jahrhundert bleibt nach dem fünften Band unvollendet. Eine Hommage an einen zu Lebzeiten zu wenig beachteten Autor.

„Immer der gleiche endlose leere Winternachmittag, bevor ich gegen vier in die Stadt gehe. Und Mer­de­rein (in seiner bodenlosen Verzweiflung demnächst bevorstehenden oder kürzlich statt­gehab­ten unvermeidlichen Nervenzusammenbruch kurzfristig ganz ver­gessend noch ein Schluck, es ist kurz vor drei) gerät gleich übergangslos ins Faseln. Siehe, dies ist die Gegenwart. Erzählt aus dem Stehgreif Lügengeschichten: wie er neulich mal in Frankfurt am Main an der Haupt­wache, im Advent, frischer Schnee war gefallen, wie er da diesen überlebensgroßen Eis- oder Grizzly­­bär, der ihm un­berechtigt nach dem Leben […]“ – hier nun muss man den Merderein unver­schäm­­ter­weise unterbrechen, ehe er noch weiter erzählen – lügen? – kann.

Ein Rastloser, Getriebener ist dieser Merderein, der Protagonist von Kurzecks zweitem Roman ‚Das schwarze Buch‘. Es ist ein Mann der vielen Tode, der unter anderem im Main er­trinkt, weil er mit einer ster­­benden Katze im Arm in ei­ner gutbeleuchteten Neujahrsnacht über den unzureichend ge­fro­renen Fluss möch­te, be­trun­­ken. Der von einem Lastwagen überrollt wird, als er die kleine und dunkle Knei­pe im Allerheiligenviertel doch noch verlässt; der im Schwimm­bad ertrinkt oder von den herabfallenden Trümmern eines baufälligen Hauses erschlagen wird. Immer weiter treibt ein unaufhaltsamer Erzählstrom die Figur vor sich her. Diese Ge­trie­ben­heit ist Kurzecks eige­ner nicht unähnlich und nicht wenige verstehen Merde­rein als Alter Ego des kürzlich Ver­storbenen. Und das, obwohl er eigentlich gar nichts mit ihm zu tun, dem Merderein, so Kurzeck selbst. Kenne die Leute ja nicht. Trotzdem stünden sie manchmal nachts an seinem Bett, um zu erzählen, unge­fragt und wollen oder können nicht aufhören.

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Romantik-Ausverkauf

Romantik zum Schlürfen. (Foto: Gedziorowski)

Romantik zum Schlürfen. (Foto: Gedziorowski)

Das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt ist kurz vor dem Ziel: Bald hat das Freie Deutsche Hochstift genug Spenden zusammen, um sein Projekt am Goethe-Haus realisieren zu können. Auf der letzten Etappe geht das Hochstift in die Vollen und heckt sich immer mehr genialische Streiche aus, wie sie die restlichen Moneten herbeischaffen kann: Mit dem Anstiften zum Konsum. Unser Autor hat sich im Fan-Shop umgesehen.

Der Spendenpegel steigt. Von den 8 Millionen Euro, die das Freie Deutsche Hochstift für ihr Deutsches Romantik-Museum auftreiben muss, sind 6,2 bereits beschafft, fehlen also noch 1,8 Millionen. Für manche ein Taschengeld, für das Hochstift eine Menge Holz. Die Kampagne läuft also auf Hochtouren. Plakate und Postkarten tragen die Botschaft in alle Welt hinaus: Es geht um Sehnsucht, Taugenichtse, ja und auch um Goethe, wenn’s denn unbedingt sein muss. Kurz mit Novalis: „Die Welt muss romantisiert werden!“ Und während Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Hochstifts, mit dem Klingelbeutel auf Tournee ist und nicht müde wird, ihr Evangelium von der Bedeutung des Projekts, von der einmaligen Chance und von dem universalpoetischen Konzept zu predigen, sucht die Romantik-Task Force des Hochstifts nach anderen Einkunftswegen. Die Zeit läuft davon.

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