Medien

Warum Werbung Kunst sein kann

Aus dem Vorspann von Mad Men

Aus dem Vorspann von Mad Men

Der Schauspieler Tom Schilling behauptet in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (vom 28.9.2014), dass Werbung keine Kunst sei. Ich widerspreche.

Lieber Herr Schilling,

es hat mich gefreut, in der heutigen FAS zu lesen, dass wir etwas gemeinsam haben: Offenbar haben Sie auch die Serie Mad Men gesehen. Leider schreiben Sie nichts darüber, wie sie Ihnen gefällt, stattdessen wird deutlich, dass sie bei Ihnen offenbar keine Sympathie oder wenigstens eine Art von Verständnis für die Werbebranche geweckt hat. Muss auch nicht sein. Mad Men funktioniert auch als reines Drama, als Gesellschaftspanorama der 60er Jahre in den USA oder als Abrechnung mit der Welt des Schönen Scheins, für die die Werbung nur ein Beispiel ist.

Wahrscheinlich würden Sie mir in letzterem zustimmen. „Werbung ist keine Kunst„, schreiben Sie in der FAS, Werbung imitiere und zitiere lediglich die Kunst, um Produkte zu verkaufen. Ja, sie karikiere und klischiere die Welt, sie korrumpiere und sediere den Geist. „Nichts von dem ist bedeutend!“, rufen Sie den Werbern und ihren Auftraggebern zu.

Im Gegenzug behaupten Sie von der wahren Kunst, wie etwa den „guten Filmen“, dass sie es vermögen, die „Welt zu verändern, den Horizont der Menschen zu erweitern, den Geist zu wecken“. Sie, Herr Schilling, benutzen in diesem Zusammenhang sogar Wörter wie „Integrität“ und „Wahrhaftigkeit“. Und die Werbung bediene sich nur am „Reinen, Echten, Poetischen, Subversiven und Rebellischen“.

Für beide Behauptungen regt sich bei mir Widerspruch.

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Die Schule des ersten Eindrucks

Don Draper: "It's Toasted"

Don Draper: „It’s Toasted“

In den USA beginnt am 13. April die siebte und letzte Staffel der AMC-Serie Mad Men. Sieben Folgen laufen in diesem, sieben im nächsten Jahr. Schon schwärmen die Fans vom Stil der späten 60er Jahre, von den großartigen Kostümen und der liebevollen Ausstattung. Doch wir freuen uns am meisten auf den kreativen Aspekt, den Genuss, Ideen bei der Entstehung zuzusehen und dabei den kritischen Blick zu schärfen. Ein Hohelied auf den Lehrmeister Don Draper.

Obwohl ich nicht rauche, hängt mein Herz an Lucky Strike, genauer gesagt: an der Werbung. Denn seit über 20 Jahren sieht die Kampagne gleich aus: Grauer Hintergund und eine Kippenpackung, manchmal auch mehrere, vielleicht noch die ein oder andere Zigarette dabei, aber vor allem immer ein flotter Spruch dazu, meistens ein Kalauer – aber der ist witzig. Die Werbung ist gut, weil sie so lakonisch ist – „Lucky Strike – Sonst nichts“. Doch seit der ersten Folge der Serie Mad Men, ist mir erst die Genialität hinter dem Spruch auf der Packung aufgegangen: „It’s toasted“. Der Held der Serie, Don Draper, Kreativchef einer Werbeagentur, hat kurz vor der Präsentation einer Kippenkampagne immer noch keine Ahnung, wie man das Tabu-Thema Gesundheit umgehen kann. Da überkommt ihn im Meeting mit den Leuten der Zigarettenfirma die Erleuchtung: Wir dürfen zwar nicht über Gesundheit sprechen, aber wir können über alles andere reden – wir können ALLES SAGEN. Die Feststellung, dass der Tabak geröstet/getoastet ist, mag auf den ersten Blick banal erscheinen, doch sie ist eine wahre Aussage, und allein dass man sie trifft, zählt als Werbestatement.

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Zehn Sekunden

Abschied vom AfE-Turm in Frankfurt am Main
AfE-Turm (Foto/Collage: leg)

AfE-Turm (Foto/Collage: leg)

Ein Hochhaus in Frankfurt wird gesprengt. Und alle Welt schaut hin. Warum? Weil der AfE-Turm, ein ehemaliges Gebäude der Goethe-Universität, nicht irgendein Gebäude ist. Er ist eine Projektionsfläche für verschiedene Interessen. Daher scheiden sich an ihm die Geister. Manche jedenfalls. Für die meisten Zuschauer dürfte allein die Sensation zählen. Ein Rückblick auf die jüngste Rezeption und ein Ausblick.

Rund 40 Jahre lang hat der AfE-Turm in Frankfurt gestanden, seit einem halben Jahr wird er zerlegt, seit Wochen ist die Sprengung der Überreste geplant und beschlossen, seit Tagen ist sie auch genehmigt und am Sonntag, gegen 10 Uhr, wird in zehn Sekunden alles vorbei sein. Zehn Sekunden – so lange wird voraussichtlich die Sprengung des ehemaligen Hochhauses der Goethe-Universität dauern. Und doch, wenn man sich den medialen Zirkus ansieht, der veranstaltet wird, verwundert es, wie viel Aufmerksamkeit dieses hässliche graue Entlein in der sonst so schicken Frankfurter Skyline bekommt.

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Das Bedürfnis nach Familie

FAS

Wenn man sonst keine Probleme hat, sucht man sich eben welche. Und so versucht wieder einmal die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, eine Debatte anzustoßen. Diesmal geht es um Fernsehserien. Der Autor Tobias Rüther lässt sich im Feuilleton darüber aus, „warum wir dringend Familienserien brauchen“. Und das ist ganz großer Humbug.

Der Artikel beginnt mit einer steilen These: „Es gibt gerade nichts Langweiligeres im Fernsehen als amerikanische Serien.“ Die Provokation liegt auf der Hand, die meisten Zuschauer würden vehement widersprechen. Und Rüthers Argument dafür macht es nicht gerade besser: Homeland, Boardwalk Empire, Breaking Bad und House of Cards seien nur Fortsetzungen und Verfeinerungen von 24, The Sopranos und The West Wing, weil sie ihre Vorgänger nur steigerten. Allein diese These ist nicht nur Blödsinn, sie tut auch den künstlerischen Innovationen dieser Serien Unrecht. Der Autor bedient das alte Totschlag-Argument, dass heutige Serien „nichts Neues“ seien, als wäre es noch möglich, das Rad neu zu erfinden und das deshalb berechtige, jede Variation des Altbekannten – sei sie auch noch so gut – zu verwerfen. Aber wenn sich Rüther bei jeder der von ihm genannten Serien langweilt, dann ist ihm wohl nicht mehr zu helfen.

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