Münchner Fragmente

Münchner Fragmente #5: Weißwurst

Foto: Lukas Gedziorowski

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Als die Weißwurst geboren wurde – Anno 1857 -, hielt ganz Bayern den Atem an. Es war eine schwere Geburt, eine Notentbindung war nötig. Dem Metzger gingen die Därme aus, er musste improvisieren. Als die Weißwurst endlich auf der Welt war, schrie sie nach süßem Senf, Brezn und Weißbier. Da ihre Erzeuger froh über ihr Gelingen und Überleben waren, gaben sie der Weißwurst alles, was sie verlangte und verhätschelte sie bis ihr Charakter verdorben war. Seitdem ist sie anders nicht mehr anders als verzogen, einfältig und eingebildet zu denken. Ein Frevel, wer sie anders behandelt, als es sich ziemt! Die Weißwurst ist die Extrawurst schlechthin, das macht sie so bayrisch. Die Weißwurst hat viele Nachkommen und Verwandte, aber will mit letzteren nichts zu tun haben (wehe, man spricht sie darauf an). Manche sagen, der Franz Josef Strauß (der Große) habe aus ihren Geschlecht abgestammt. Aber das trifft wahrscheinlich auf alle Monarchen des Freistaats zu. Anders lassen sich die Geschicke dieses Völkchens nicht erklären.

Münchner Fragmente #4: Presse

Foto: Lukas Gedziorowski

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Das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten. Man muss sie nur mitkriegen, aufschnappen und festhalten. Manchmal liegen sie auf der Straße. Dann muss man sie bloß aufheben. Sind sie zerstückelt, kann man sie selbst zusammensetzen. Dann ergeben sich manchmal auch ganz neue Geschichten:

Australier stürzt von Zeltbalkon. Ehemann droht mit Bombe. Münchens Loch im Bundestag. Hier ist alles drin. Ganz normaler Wahnsinn.

Münchner Fragmente #3: Kult

Foto: Lukas Gedziorowski

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Orlando di Lasso war einer der bedeutendsten Komponisten der Renaissance. Bereits im Kindesalter kam er als Chorknabe mit der Musik in Kontakt. Später wurde er mit weltlicher Musik vertraut. In der Vielseitigkeit seines kompositorischen Spektrums übertraf er seine Musikerkollegen. Mit seinem Schaffen wurde er international berühmt. Sein Wirkungskreis war das ganze damals kulturell bedeutende Europa. Auf der Höhe seines Ruhmes wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben. Das befriedigte seinen Ehrgeiz, von der Welt geachtet zu werden, und seinen Künstlerstolz. Drei Jahre vor seinem Tod erlitt er einen Zusammenbruch, vermutlich einen Schlaganfall, er wurde zunehmend melancholisch und depressiv. Seine Frau führte das auf „das zu viele Komponieren“ und die „Arbeitsüberlastung“ zurück. Sein Leben und Werk ist besser als das aller anderen Musiker seiner Zeit dokumentiert, auch durch Porträts. Schon zu seinen Lebzeiten erschien eine Biografie über ihn. Von seinen Bewunderern wurde Orlando di Lasso „princeps musicorum“, Fürst der Musiker, genannt.

Er starb mit 62 Jahren in München, wo ihm heute ein Denkmal auf dem Promenadenplatz, vor dem Hotel Bayerischer Hof, gewidmet ist. Noch heute legen Fans dort Blumen nieder und stellen Kerzen auf.

Münchner Fragmente #2: Zeit

Foto: Lukas Gedziorowski

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Dass Zeit gleich Geld ist, kann man am besten vor dem Apple Store beobachten, wo bereits vier Tage vor dem Verkaufsstart eines neuen Geräts Camper anzutreffen sind. Sie zahlen nicht bloß 739 bis 1069 Euro dafür, dass das iPhone 6 nun ein „S“ im Namen trägt, (was bereits viel Arbeitszeit kostet) sondern auch mit dem Einsatz von Lebenszeit. Mindestens vier Tage. Das sind 92 Stunden. Das fast so viel wie man für eine Luxus-Ausgabe des iPhones arbeiten muss – bei einem Stundenlohn von zehn Euro. Sie zahlen also eigentlich das Doppelte, nur um die Ersten zu sein, die ein Gerät besitzen dürfen. Um privilegierte Kunden zu sein, nehmen sie die größten Strapazen auf sich, bringen die größten Opfer. Insofern darf man diese Konsumopfer, die in freiwilliger Obdachlosigkeit vor dem Apple Store ausharren, als die ärmsten Mitglieder der Wohlstandsgesellschaft bemitleiden. Ein Ausdruck christlicher Nächstenliebe wäre es, ihnen ein bisschen Lebensinhalt zu schenken, um ihren Kauf vielleicht mit etwas Sinnvollem anzureichern. Vielleicht könnte man sie mit ein paar Flüchtlingen bekannt machen. Das wäre bestimmt für beide Seiten bereichernd. Ganz zu schweigen von dem Beitrag zur Integration.

Münchner Fragmente #1: Uniform

Foto: Lukas Gedziorowski

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Wenn der Deutsche feiert, dann am liebsten in Uniform. Alles ist erlaubt, solange man sich an bestimmte Regeln hält. Je reglementierter die Verkleidung, desto größer die Narrenfreiheit. Der Inbegriff traditionalistischen Spießertums als Maskerade des Exzesses. Tradition als Rechtfertigung für die Konservierung des Gehaltlosen. Die Arbeitskleidung deutscher Dionysiker und Anakreonten kommt in Tracht daher. Es spricht für sich, dass diese bayrische Eigenart Oktoberfest – im Gegensatz zum Karneval – zum deutschen Gesamtkonsens, ja sogar als Exportschlager des Deutschtums geworden ist. Bemerkenswert ist, dass es die Verächter des Oktoberfestes sind, die als Spießer und Klemmis gelten.

Foto: Lukas Gedziorowski

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