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Das Scheitern an der Realität

Reprodukt

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Die Tagesspiegel-Jury hat Irmina von Barbara Yelin zum Comic des Jahres gewählt. Was taugt der 280-Seiten-Wälzer? Ist er seine 39 Euro wert? Die Story bietet jedenfall schon mal Big Drama:

Irmina ist eine junge Frau aus Stuttgart, die im Jahr 1934 nach London geht, um dort sich zur Sekretärin ausbilden zu lassen. Dort lernt sie Howard Green kennen, einen Schwarzen aus Barbados, der dank eines Stipendiums in Oxford Jura studiert. Doch noch bevor sich aus der Freundschaft mehr entwickeln kann, muss Irmina mit Widerständen kämpfen: zuerst verliert sie ihre Gastfamilie, dann ihre zweite Unterkunft, schließlich auch die finanzielle Unterstützung der Eltern. Durch die politische Entwicklung in Nazi-Deutschland muss sie immer öfter Anfeindungen erdulden – und dadurch macht sie eine ähnliche Erfahrung von Isolation wie Howard, der im Kreis der Engländer auch nur geduldet wird.

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Berliner Fragmente #44: Farbe

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Man könnte meinen, es gebe Prinzipien im Leben, die immer funktionieren. Zum Beispiel: Egal, wie man sich entscheidet, Hauptsache man bleibt konsequent. Da beschließt man, die Fotos der Berliner Fragmente müssten schwarz-weiß sein und wenn man die Resultate sieht, lobt man sich für seine Entscheidung. Doch dann kommt so eine Unverschämtheit wie ein wunderbarer Himmel in den surrealsten Farben daher und man steht vor einem Dilemma: Ist es wichtiger, konsequent farblos zu bleiben und die Fotos entweder ihres Reizes zu berauben oder unveröffentlicht zu lassen, oder bricht man seine Regel, nennt es Ausnahme und rechtfertigt sie mit der Ästhetik? Man könnte auch fragen: Entscheidet man sich für die Einheit der Serie oder für den Reiz des Einzelnen?

Und wenn man ein paar solcher Dämmerungen erlebt und dann auch noch ein paar prächtige Farbenspiele bei Nacht hinzukommen, sagt man sich: Ach, egal! Einmal Farbe ist okay, das werden die Leser einem nicht übelnehmen, vor allem wenn sie die Fotos sehen. Aber zur Sicherheit stellen wir die Galerie ans Ende der Reihe und erklären hiermit die experimentelle Serie Berliner Fragmente für beendet.

In diesem Sinne: Adé Berlin, war schön bei dir! Ich komme gerne wieder.

Berliner Fragmente #42: Sudelbuch

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Ein Sudelbuch ist eine praktische Sache. Es ist eine Halde für alles Ge- und Erfundene, was nicht verloren gehen soll. Man nehme ein Buch oder Heft und schreibe einfach alles rein. Das chaotische Prinzip ist zwar bei der späteren Suche die Hölle, dafür ist wenigstens alles an einer Stelle versammelt: Aufgeschnappte Zitate, Anekdoten, Rezepte, kluge Einfälle oder Ideen für die Arbeit. Der Begriff stammt von Lichtenberg, Kurt Tucholsky hat sein Diarium, das er von 1928 bis 1935 führte, ebenso genannt. Darin sind rund 800 kurze Einträge versammelt, manchmal nur ein paar Worte lang. Vieles davon verwendete er in seinen Texten. Und analog zu seinen Schnipseln, die er in der Weltbühne veröffentlicht hat, finden sich im Sudelbuch weitere Sprach- und Gedankenfetzen, die sich bei der Lektüre als Fundgrube herausstellen.

Ein paar Beispiele:

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Berliner Fragmente #41: Solitäre

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Allein ist nicht gleich einsam. Der Mensch, das gesellige Tier, braucht auch mal eine Auszeit von der Gesellschaft, um zur Ruhe zu kommen, sich auf sich selbst zu besinnen oder sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. So sind auch hier ein paar Solitäre versammelt: Der eine macht lesend Pause, der andere wartet, ein dritter buhlt um Aufmerksamkeit oder um ein bisschen Kleingeld. Und manche machen einfach nur ihre Arbeit. Wer zu tun hat, vermisst nicht unbedingt die Gesellschaft. Kann ja auch schön sein, wenn einem keiner reinquatscht.

Berliner Fragmente #39: Foto

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Zugegeben: Das Foto ist nicht großartig. Aber leider ist der Fotograf nicht mehr dazu gekommen, ein besseres vom selben Motiv zu machen, denn kaum hatte er die Kamera auf den mit Limo-Flaschen gefüllten Einkaufswagen gerichtet, kam ein Mann aus dem Laden auf die Straße – mutmaßlich der Inhaber oder ein Mitarbeiter – und wollte es ihm verbieten. „Warum fotografieren Sie den Einkaufswagen?“, fragte er. Der Fotograf erklärte es ihm, obwohl das eigentlich nicht nötig war. „Warum fotografieren Sie nicht diese Einkaufswagen da?“, fragte er und zeigte auf ein paar leere, die an der Seite standen. Der Fotograf verstand die Aufregung nicht und bestand auf ebendiesem Motiv. Daraufhin stellte sich der Mann vor den Wagen und untersagte es – warum auch immer. Wie gut, dass der Fotograf einige Tage zuvor ein Seminar zum Presserecht besucht hatte. „Ich darf fotografieren, was ich will“, sagte er und verwies auf Artikel 5 des Grundgesetzes (Meinungs- und Pressefreiheit). Der Mann war verunsichert, er schien davon noch nichts gehört zu haben. Da wollte er lieber, dass der Fotograf von seinem Recht Gebrauch machte, indem er das Obst in der Auslage verewigte. „Oder fotografieren Sie mich“, sagte der Mann. Da wurde es dem Fotografen zu blöd und machte anderweitig von seinem Grundrecht Gebrauch. So wichtig war der olle Einkaufswagen nun auch wieder nicht.

Moral: Man darf von allem Fotos machen. Auch von Arschlöchern. (Nur zum Veröffentlichen braucht es die Genehmigung des Abgelichteten.)

Berliner Fragmente #38: Atheismus

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Es gibt ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt – oder nicht geben kann. Zum Beispiel eine Kirche für Atheisten. Oder vielmehr einen gottlosen Gottesdienst. Die Sunday Assembly ist so eine eigenartige Sache: Einerseits wollen da Atheisten Gemeinschaft, eine Feier des Lebens abhalten. Andererseits erinnert die Veranstaltung an einen Gottesdienst – nicht nur weil sie sonntags stattfindet. Auch sonst gibt es einige Analogien: Es gibt literarische Einlagen statt einer Lesung. Es gibt Ansprachen und Reden statt einer Predigt. Es gibt eine Kollekte. Am Anfang in der Mitte und am Ende wird gesungen, wobei alle dazu aufstehen. Da hilft es auch nicht, dass es weltliche Songs wie „Wonderful World“, „Help“ oder „Let’s Twist Again“ sind, sie können auch noch so flott vorgetragen sein – man kommt nicht umhin an der ganzen Sache den alten Mief der Kirche zu riechen. Spätestens wenn am Ende die Teilnehmer beim Kaffee und Kuchen zusammenstehen und sich in Listen für „Communities“ eintragen, gibt es keinen großen Unterschied zu den Christen.

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Berliner Fragmente #37: Frieden

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Es muss nicht immer Kriegsberichterstattung sein. Wir haben unseren Berlin-Korrespondenten eine schonungslose Reportage aus dem Friedensgebiet schreiben lassen.

Viktorias Feldzeichen ragt in einen grauen Himmel über Berlin. Kein Flugzeug zu sehen oder zu hören. Der einzige Lärm geht von den Auto- und Busmotoren aus, die vielspurig um die Siegessäule herumfahren. Ein polnischer Reisebus hält auf dem Kreisverkehr an, spuckt ein paar asiatische Touristen aus, sie knipsen ein paar Fotos vor dem Wahrzeichen und dem Tiergarten, steigen nach ein paar Minuten wieder ein und fahren weiter zur nächsten Sehenswürdigkeit. In einem der vier Pavillons warten die Mitarbeiter eines Imbisses auf Kundschaft. Es ist kalt, sie frieren, einzig die wenigen Bratwürste auf dem Grill haben es warm. Der süßlich-saure Geruch von Glühwein hängt in der Luft. Aus Lautsprechern singt Elvis „Return to Sender“. Nur ein Tisch im Biergarten ist besetzt. Die Touristen, meist Familien, nehmen einen der Tunnel zum Zentrum des Kreisverkehrs, wo sie Viktoria, der Goldelse, näher sein können.

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Berliner Fragmente #35: Stammtisch

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Nichts geht über einen geselligen Feierabendtrunk am frühen Nachmittag. Da stehen sie, die vier vom Wedding, und picheln sich einen am Verteilerkasten. Billiger als Kneipe, zudem an der frischen Berliner Luft, da schmeckt selbst die Zigarette besser. Kurzum: Man genießt die Versammlungsfreiheit an einem Herbsttag. Worüber sie wohl reden? Über den Islamischen Staat, die Ostukraine, Ebola oder den desolaten Zustand der Bundeswehr? Über philophische Fragen nach Leid und Gerechtigkeit? Oder erzählen sie sich von der Arbeit, vom Jobcenter, vom Ärger mit den Frauen? Es gibt nichts, was sich an diesem Stammtisch nicht diskutieren ließe. Es bleibt im trauten Kreis der Trinkkumpanen. Der Außenstehende sieht zu und denkt sich: Beneidenswert, wie einfach das Glück sein kann. Vielleicht ist der einzige Trick gegen die Schwere des Lebens, das Leben nicht so schwer zu nehmen. – Hm … klingt wie ein blöder Kalenderspruch, auch wenn was dran sein mag. Bestimmt fällt einem noch etwas Geistreicheres ein, aber bis dahin bleibt man dabei.

Berliner Fragmente #34: Schnipsel

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

In der Berliner Tucholskystraße gibt es eine Tucholsky-Buchhandlung und in der findet man ein Regal voll mit – Tucholsky. Allein das qualifiziert die Tucholsky-Buchhandlung zur besten in Berlin.

Kurt Tucholsky war ein Fragmentarist in unserem Sinne. Er nannte sie Schnipsel, 1925 begann er damit als Peter Panter in der Weltbühne. Die erste Sammlung ist gebettet in eine Art Rahmenhandlung. Zu Beginn heißt es:

Ich gehe auf die Reise, alles wird noch einmal durchsucht, geordnet, hin- und hergelegt. Der quadratische Wahnsinn hat mich erfaßt: wozu soll es gut sein, dass auf einmal alle Mappen, Bogen und Brief mit den Kanten aufeinanderliegen? – es ist wohl so eine Art Versuch, die leblose Materie zu beherrschen. Die Fensterläden werden verschlossen, die letzten Zettel fortgefegt. Auf dem Schreibtisch liegen Schnipsel, kleine Späne von Papier. Das soll der Abschied sein. Da sind sie.

Die Schnipsel sind nicht nur Aphorismen, Lebensweisheiten und Mini-Essays, auch findet sich darunter Anekdoten und Minimalerzählungen. Im Gegensatz zu den frühromantischen Fragmenten haben Tucholskys Schnipsel daher auch einen literarischen Zug, zudem handeln sie auch von Literatur, Literaten und  Literaturkritik, wodurch sie wiederum einen selbstreflexiven Charakter haben. Tucholsky wettert in seiner bewährten ironischen Art gegen Kollegen. „Ein Leser hats gut“, schreibt Peter Panter, „er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.“ Es geht auch satirisch zu, viele Schnipsel richten sich scharf gegen die Politik in Deutschland, gegen Nationalismus und Kommunismus, gegen Militarismus und die aufsteigenden Nazis. Die meisten Schnipsel erscheinen in den letzten Jahren der Weltbühne, 1930 bis 1932, bis auch Tucho für die Außenwelt verstummt. Dass die kurzen Texte sich selbst nicht ganz ernst nehmen, sich eher als beiläufige Erscheinung verstehen, ist bereits am Ende der ersten Sammlung zu lesen. Dort weist der Erzähler seine Diener an: „Fegen Sie die Schnipsel heraus –!“

Diese Offenheit für Themen und Formen, dieser Fundstückcharakter, diese Ironie sollen Vorbild sein für unsere emblematischen Fragmente.

Hier eine kleine Schnipsel-Anthologie:

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Berliner Fragmente #33: Druck

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Tonnenschwere Papierrollen, unzählige Druckplatten, hallenfüllende Maschinen, Berge von Makulatur und eine ausgeklügelte Logistik – und das alles nur, damit Menschen mit Informationen versorgt werden. Was für ein immenser Aufwand betrieben wird, um Zeitung herzustellen, wird in der Druckerei deutlich. So perfekt ausgeklügelt und reibungslos das System ist, so anmutig der Ablauf in der Fabrik erscheint, im Internetzeitalter wirkt das Herstellen von Druckplatten, die man mit Farbe bestreicht und auf Papier abrollt, so antiquiert wie die Gutenberg-Presse. Eigentlich Wahnsinn, dass das immer noch getan wird. Aber der Mensch liebt das Papier. Und wer jemals eine frischgedruckte Zeitung in den Händen hielt, übers Papier strich und den Duft einsog, kennt diesen heiligen Moment, etwas Neues zu berühren. Der Genuss der Zeitung ist wie der von frischem Brot, außer dass die Zeitung auch noch frisch wirkt, wenn sie eigentlich von gestern ist.