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Berliner Fragmente #31: Freiheit

Foto: Lukas Gedziorowski

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Conrad Schumann, der DDR-Grenzer, der 1961 über den Stacheldraht nach West-Berlin sprang, der zur Ikone der deutschen Teilung wurde, der noch nach dem Mauerfall Angst vor der Stasi hatte, überlebte die Freiheit 37 Jahre. Dann erhängte er sich.

Berliner Fragmente #30: Philosophie

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Der Fischladen im Prenzlauer Berg hat alles, was man von einem Fischladen erwarten kann: Gebratene, frittierte und geräucherte Fische. Und dazu hat er noch etwas anderes: eine Philosophie. Jedenfalls wird das auf der Website des Restaurants behauptet. Klickt man auf den Link, werden Qualität und Frische und ein breites Angebot gepriesen – aber von Philosophie keine Spur. Keine Gedanken zur Ontologie der Fische, keine Abhandlung über die Ethik des Fischfangs, keine Anthropologie der Fischzubereitung und erst recht keine Metaphysik der Meere. Nun erwartet man von einem Fischladen auch nicht gerade, dass er sich auch noch um die Grundfragen des Daseins kümmert. Die Köche haben genug damit zu tun, Fische zu braten. Aber warum die Betreiber eine Philosophie ankündigen und dann nichts bieten, ist ein Rätsel.

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Berliner Fragmente #29: Zeitung

Foto: Lukas Gedziorowski

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Sie tun einem leid, die armen Gestalten, die einem als Zugbegleiter die Motz oder den Straßenfeger anbieten, jene Obdachlosenzeitungen, mit denen sich ihre Verkäufer ein Zubrot zu verdienen versuchen. Manche halten lange Ansprachen, in denen sie marktschreierisch den Inhalt ihrer Ware anpreisen, die meisten halten sie den Menschen nur mit wenigen Worten hin; es ist ihnen sichtlich unangenehm. Es ist kein Betteln, aber nur wenig besser. Sie bietet ein Blatt an, das keiner haben will. Wer dennoch Erbarmen aufbringt, wirft zumindest etwas in den Pappbecher. Für weniger als den Verkaufspreis (1,50 Euro) kriegt jeder, was er will: der Quälgeist seine kärgliche Spende, der Fahrgast seine Ruhe und ein gutes Gewissen. Zudem spart man sich die Makulatur.

Für den Zeitungsjournalisten ist es wie ein Blick in die Zukunft. Irgendwann wird vielleicht er selbst in dieser Rolle sein. Wenn es in einigen Jahren nur noch eine Zeitung gibt, nachdem die anderen eingegangen sind und die verbliebenen sich zu einer zusammengeschlossen haben, wenn die Menschen ihre von Newsbots geschriebenen Nachrichten direkt über Applegooglezon in ihr iAndroid-betriebenes Gehirn gespeist bekommen und bedrucktes Papier nur noch etwas für Nostalgiker ist wie Grammophone. Dann werden die alten Journalisten die Zeitung, die sie gemacht haben, selbst unter die Leute zu bringen versuchen und die Leute werden mitleidig gucken und denken: Traurig, der Arme kann nichts anderes, hat den Absprung in die Propaganda-Abteilungen nicht geschafft und ist an seinen Papiergeschichten hängen geblieben. Dann wird der Journalist froh sein, wenn er eine kleine Anerkennung für seine Mühe bekommt, auch wenn niemand sie beachtet. Doch es hat auch sein Gutes wenn er seine Zeitungen nicht los wird: dann hat er nämlich eine gute Unterlage, wenn er sich nachts unter die Brücke legt.

Berliner Fragmente #28: Vanitas

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Eine Ausstellung in der Kulturbrauerei versucht nachzustellen, wie der Alltag in der DDR gewesen ist. Die Bilanz ist ernüchternd: Er war genauso, wie man ihn sich vorgestellt hat. Mangelerscheinungen, Überwachung, Unterdrückung und Improvisation. Eine Ahnung davon, wie es gewesen sein muss, vermittelt ein Haus im Prenzlauer Berg. Es ist so heruntergekommen, dass es wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Berliner Fragmente #26: Zeitgenosse

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Heute habe ich eine „zeitgenössische Pizza“ gegessen. Ich war selbst erstaunt, als ich das Motto von „zia maria“, der Pizzeria im Prenzlauer Berg las. Wie hat man sich eine zeitgenössische Pizza vorzustellen? Und vor allem: Was habe ich bisher gegessen? Unzeitgemäße? Anachronistische? Zeitlose? War sie der Zeit voraus oder gar ewiggestrig? Da bleibt nur eins: bestellen und testen. Doch wo? Heutzutage – und vor allem in Berlin – kann man das nie wissen. Mal muss man an die Theke gehen, mal kommt die Bedienung an den Tisch, mal muss man sich selbst bedienen. Eine nette Bedienung klärt mich auf, bestellt wird an der Theke, serviert wird am Tisch. Ich nehme eine „piccante“ (kleingeschrieben) mit scharfer Salami, Oliven, Artischocken und Kirschtomaten. Dann muss ich entscheiden, ob es denn ein Stück oder mehr sein dürfe. Die zeitgenössische Pizza ist nämlich nicht kreisrund (wie eine zeitgenössische Uhr), sondern eher von länglicherer Form, eine Art Rechteck mit abgerundeten Kanten, also ähnlich wie das Brett, auf dem sie serviert wird. Ich nehme zunächst ein Stück. Mal sehen …

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Berliner Fragmente #25: Exerzierplatz

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Körperliche Betätigung ist eine Frage der Motivation. Und wo wäre man motivierter als vor dem Brandenburger Tor, vor dem Wahrzeichen der Hauptstadt, dem nationalen Symbol der Einheit? Eine Horde Bewegungswütiger müht sich am Abend dort ab, während ihr Trainer ihnen einheizt wie über ihm die Sieges- und Friedensgöttin ihrem Viergespann. Da müsste doch der größte Qual und öffentlichen Bloßstellung ein Gefühl von Erhabenheit verleihen …

Berliner Fragmente #21: Todschick

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Der Marktschreier kommt als nobler Geschäftsmann daher. Im zerknitterten, grau-kariertem Anzug steht er vor dem Laden im Wedding, zwischen billigen Handtaschen und Schuhen, Bettwäsche und Zuckerspendern. Ein Mikrofon in der rechten Hand, die linke in Dienerhaltung vor der schwarzen Weste, in seinem mageren Gesicht ein aufgesetzt-freundliches Lächeln. Mit heiserer Stimme preist er einem abwesenden Publikum von Damen seine Waren und Preisnachlässe an. Zehn Euro für drei Kleidungsstücke. Nur wenige finden den Weg hinein.

An der Ecke gegenüber steht ein Ladengeschäft leer. Nur noch die Schilder künden von einem „Fashion Outlet“. Ein Schriftzug wirbt für die Neueröffnung, ein anderes für den Räumungsverkauf, während die Fenster mit Werbe-Plakaten beklebt sind. An der Seite, wo noch von Taschen und Schuhen zu lesen ist, kann man noch die Spuren des Vormieters erkennen: eines Bestattungsinstituts.

Berliner Fragmente #20: Ruhe

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Gegen 5.30 Uhr wird man wach. Man hört ein Poltern. Jemand schlägt gegen die Tür. Es klingt weit weg, wahrscheinlich bittet der Nachbar seine Frau um Einlass, weil er den Schlüssel vergessen hat. Doch die Frau lässt auf sich warten. Dann klingelt es an der Tür und man merkt: es ist die eigene. Es schlägt weiter, es klingelt, penetrant, im stetigem Wechsel. Erschreckt denkt man: Wer ist das bloß? Hab ich auch abgeschlossen? Hoffentlich kommt er nicht rein? Mit dem Telefon in der Hand, bereit die Polizei zu rufen, nähert man sich der Wohnungstür. Auf der anderen Seite versucht jemand in den Pausen vom Schlagen und Klingeln, den Schlüssel ins Schloss zu kriegen – vergeblich. Wie gut, dass der Schlüssel steckt! Dann nimmt man den Mut zusammen und ruft so souverän es geht: Wer ist da? – „Ich“, kommt es halblaut zurück. – Was wollen Sie hier? – „Oh, Entschuldigung. Entschuldigung.“ Dann hört man Schritte auf der Treppe, wenig später in der Wohnung oben. Von da an ist Ruhe. Doch die eigene ist dahin. Hoffentlich kann wenigstens der Nachbar schlafen.

Berliner Fragmente #19: Pietät

Stelensprung (Foto: Lukas Gedziorowski)

Stelensprung (Foto: Lukas Gedziorowski)

In Berlin gibt es eine große Touristen-Attraktion: einen Vergnügungspark, der gar nicht danach aussieht, eine Art Labyrinth aus grauen Klötzen, jederzeit frei zugänglich und die Besucher machen vielfältig davon Gebrauch. Sie fotografieren sich davor oder darin, sie sitzen oder liegen darauf und wandern darin umher. Kindergelächter ist in den schluchtartigen Gängen zu hören, man sollte langsam gehen, weil man sonst Gefahr läuft, von jemandem, der Verstecken oder Fangen spielt, überrannt zu werden. Manche gehen auch den Weg oben rum und springen von Klotz zu Klotz. Kurzum: Ein heiterer Abenteuer-Spielplatz für die ganze Familie. Regeln, die derlei Späße verbieten, bestehen offenbar nur, um ignoriert zu werden – vielleicht, weil es so mehr Spaß macht, vielleicht aber auch, weil sie kaum einer kennt. Die Aufsicht ist nur pro forma da, man sollte sich von ihr nicht das Spiel verderben lassen.

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Berliner Fragmente #17: Panflötisten

Panflötisten in Berlin (Foto: Lukas Gedziorowski)

Flötisten in Berlin (Foto: Lukas Gedziorowski)

Dudelsäcke sind die grässlichsten Instrumente der Welt. Sie sollten verboten werden und niemand sollte jemals genötigt werden, sich diese Kakophonie anzuhören. Man sollte das im Grundgesetz verankern. Als nächstes sollte man aber die Panflöten verbannen. Wenigstens von den Straßen. Denn aus irgendeinem Grund sind sie omnipräsent: In jeder Fußgängerzone sieht man sie stehen, diese pseudo-authentischen Indianer – Verzeihung – Vertreter indigener Völker Lateinamerikas, die mit ihren verfluchten Panflöten (und anderen Holzblasinstrumenten) zu einer grauenhaften Synthesizer-Unterlegung die Ohren der Passanten mit einem unsäglich kitschigen Klangbrei verpesten. Völlig unverständlich ist, warum das immer noch genug Menschen anspricht, dass sich diese Masche lohnt. Offenbar verkaufen die auch genug CDs.

Wer hört sich so etwas freiwillig auch noch zu Hause an? Und warum? Gehirnwäsche? Man kann dahinter nur eine Verschwörung vermuten. Das Internationale Panflöten-Indianer-Syndikat. Die Rache der Indios am Weißen Mann für fünf Jahrhunderte der Unterdrückung und Ausbeutung. Das wird’s sein! Man denke dran, wenn man den nächsten Kaffee trinkt: Auf den Bohnensäcken sitzen die Plantagenarbeiter und schnitzen ihre Waffen – reihenweise Flöten.