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Berliner Fragmente #23: Ego

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Der Künstler formt sich selbst aus seinem Ego. Dieses muss eine bestimmte Größe, ja kritische Masse erreicht haben, um künstlerisch zu wirken. Zunächst braucht es eine Überzeugung von seinem Tun und dann ein übermäßiges Selbstvertrauen, um sich sein Publikum zu suchen. Das Ego ist geltungssüchtig, sucht nichts als Inszenierung. Kunst und Leben verschwimmen, alles wird zur Show. Deshalb darf man Künstlern nicht trauen – und schon gar nicht darf man sie ernst nehmen. Während wir in der vergangenen Woche im Kino mit James Brown einen Performer gesehen haben, der nahezu religiös an seine Bestimmung geglaubt hat und mit vollem Einsatz für den Soul gelebt hat, gibt uns nun Nick Cave einen Einblick in sein Schaffen.

Bei 20,000 Days On Earth ist Vorsicht geboten. Der Film ist kein reines Biopic und keine echte Dokumentation, er schwankt zwischen beidem, man könnte auch Mockumentary sagen, aber für ein So-tun-als-ob merkt ihm seine Inszenierung zu sehr an. Das ist nicht verkehrt, bringt einige kinoreife Szenen mit sich, wunderbar fotografiert und gekonnt inszeniert. So reif, dass sie daherkommen wie Alltag, aber dann wieder zu perfekt erscheinen. Der Künstler zeigt uns sein eigenes Biopic zu Lebzeiten. Er spielt sich selbst – oder zumindest so, wie er sich darstellen will, er gibt sich intim und behält doch – als Autor des Drehbuchs – volle Kontrolle über den Film und damit den Mythos, den er befördert.

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Berliner Fragmente #9: Soul

Odeon in Berlin (Foto: Lukas Gedziorowski)

Odeon in Berlin (Foto: Lukas Gedziorowski)

„Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“, schrieb einst Friedrich Nietzsche von sich in Ecce Homo. Im Jahrhundert darauf kam ein Mensch, der sich nicht nur „Mr. Dynamite“ nannte, sondern dem man schon an seiner Bühnenpräsenz ansah, wie explosiv er war. Wilde Tänze, Sprünge, Kniefälle – und dann noch die Spagate. Nicht von ungefähr nannte man James Brown „the hardest working man in show busisness“. Aber von einem Mann, der den Soul, den Groove, den Funk spürt, ist auch nichts anderes zu erwarten, als bedingungslose Hingabe an die Kunst.

Tate Taylors Biopic Get On Up zeigt James Brown als kompromisslosen Einzelkämpfer, der stets sein Ding durchzieht, weil er unerschütterlich von sich selbst überzeugt ist. Dieses Ego ist die Quelle seines Souls. Dieser Mann hat keine Angst vor Bomben in Vietnam, denn er wurde bereits tot geboren. Gott hat größeres mit ihm vor – so sei es. „Ich kenne mein Los“, verkündete auch Nietzsche in Ecce Homo. „Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen.“ Chadwick Boseman verkörpert diesen James Brown, als wäre dieser nicht 2006 gestorben, als hätte sich Brown verjüngt und selbst gespielt: großmäulig, selbstherrlich, schlagkräftig (in jeder Hinsicht).

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