bücher

Berliner Fragmente #22: Masse

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Dicke Bücher sind sexy. Und sie liegen voll im Trend. Wer hätte sich nach dem Trauma der Deutschstunde und dem Phantom von Kafkas Vater noch für die Biografie des Schriftstellers interessiert, zumal man im Germanistik-Studium lernt, dass Biografismus die uninspirierteste aller Exegeseformen ist? Jetzt aber gibt es drei fette Bände, insgesamt über 2000 Seiten, auf denen Reiner Stach uns den Kafka erklärt. Man muss sie allein deshalb schon lesen, damit der Mann sich die 20 Jahre nicht umsonst ins Zeug gelegt hat. Vor einigen Jahren kam auch eine dreibändige Wilhelm II.-Biografie von John C.G. Röhl heraus, mit insgesamt 4000 Seiten. Wer hätte gedacht, dass es über diese Randfigur teutonischer Geschichte so viel zu erzählen gibt? Man kann nicht leugnen, dass erst diese dicken Schinken die historische Neugier wecken. Schon ein paar Jahre gibt es Ian Kershaws zweibändige Hitler-Biografie – mit insgesamt 2300 Seiten. Der totale Adolf.

Wichtig kommt von gewichtig. Die fetten Dinger sagen aus: Schau mal, ich bin das ultmative Standardwerk, alles vor mir ist Makulatur, lies mich und du weißt bescheid. Ein Buch wie ein Denkmal, das tiefe Eindrücke bei den Fachkollegen hinterlässt. In der Literatur sieht es anders aus: Da wirkt alles über einem Pfund erschlagend. Wer hat noch die Geduld, die Ausdauer, die Zeit für derlei Klötze? Wohl daher wird David Foster Wallaces Unendlicher Spaß (1552 Seiten) mittlerweile buchpreisgelöst verramscht. Auch die Klassiker wie Krieg und Frieden, Ulysses, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Der Mann ohne Eigenschaften sind Bücher, die man sich eher für die Rente aufspart. Bis dahin machen sie sich gut im Regal, wo sie die Belastungsfähigkeit unserer Billy-Regale auf die Probe stellen. Allerdings ist die Angst vor dicken Romanen nicht berechtigt. Mit ihnen ist es so wie mit Fernsehserien: Sie sind viel länger als Filme, aber wenn man eine gute gefunden hat, will man gar nicht mehr, dass sie aufhört.

(Übrigens: Auch eine Möglichkeit, über Bücher zu schreiben, die man nicht gelesen hat.)

Berliner Fragmente #13: Flatrate

Schaukel im Mauerpark (Foto: Lukas Gedziorowski)

Schaukel im Mauerpark (Foto: Lukas Gedziorowski)

Im Zeitalter des Unendlichen Spaßes ist Flatrate das Wort der Stunde. Das All-You-Can-Eat-Buffet gibt es auch für Musik, Filme und mit Amazon auch bald für E-Books. Konsum zum Festpreis, Zeit ist die einzige Grenze. „Flatrate killt die Kunst?“, fragte Joachim Huber kürzlich im Tagesspiegel (9.10.2014). Der Konsument fühle sich vom Überangebot überfordert, damit sich der Preis lohnt, werde „alles zur Probe“, zum „Häppchen“. Der Autor sieht trotzdem in Flatrates eine Chance, den Geschmack zu fordern und zu fördern.

Flatrates bieten jedoch mehr als das. Bei der Musik eröffnen sie die Möglichkeit, potenziell auf alles zugreifen zu können, um so die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, das zu finden, was man sucht. Eine solche Möglichkeit fehlt noch im Bereich Film und Serie. Insofern ist das Versprechen von Amazons Instant Video-Angebot – „unbegrenztes Streaming von Filmen und Serien“ – nur zur Hälfte wahr: die Grenze bildet das beschränkte Angebot. Aber egal ob Musik oder Film: Bei Flatrates geht es nie darum, alles zu konsumieren, sondern nur das Wenige, wofür man sich interessiert. Der Rest ist Stöberei in Wühlkisten nach Fundstücken. Bei der ziellosen Suche sind Häppchen die bessere Wahl.

(mehr …)