Craig Thompson

Aus dem Leben eines Comiczeichners

Top Shelf

Gerade erst hat die Freundin Schluss gemacht. Jetzt auf Promo-Reise durch Europa. Das ist gut, das lenkt ab. Alle Welt feiert Blankets, den Comic, mit dem Craig Thompson zu den wichtigsten US-Comic-Künstlern wurde. Doch der Ruhm hat einen Preis: Thompson muss reihenweise Interviews geben und  zeichnen, bis die Hand schmerzt. Denn ein Comic-Künstler kann nicht einfach nur signieren, er muss Zeichnungen hinterlassen. So wollen es die Fans.

Insofern ist es ein Wunder, dass Thompson noch die Kraft gefunden hat, nebenbei ein Reisetagebuch zu führen. Und zwar eines, in dem es mehr Bilder als Text gibt. Doch das musste sein, war Teil des Deals mit seinem Verleger. Der brauchte noch einen Titel, also sollte innerhalb von drei Monaten ein Tagebuch her, in dem Thompson seine Erfahrungen aufzeichnet. 224 Seiten sollte es umfassen. Ebenfalls Teil des Deals. Völlig willkürlich. Doch Thompson lieferte.

Carnet de Voyage ist lange vergriffen gewesen. Jetzt wurde es, 14 Jahre nach der Erstveröffentlichtung, erneut herausgebracht. Mit neuem Umschlag und ein paar Extraseiten, die beschreiben, was davor und danach geschah. Und wenn man es liest, scheint es längst überfällig, dass dieses Buch wieder verfügbar gemacht wurde.

Thompsons Reise beginnt in Frankreich, dann geht es nach Marokko, sie endet in Spanien. Von März bis Mai 2004. Thompson erzählt keine Geschichte, er hält lediglich Erlebnisse fest, Momente und Anekdoten. Keine Kamera soll er benutzt haben, versichert er zu Beginn des Buches. Alles wurde so gezeichnet, wie er es gesehen hat. Und er erzählt von Begegnungen mit Freunden und Comic-Künstlern, letztere verewigen sich ebenfalls im Buch, Thompson erzählt von Laser-Tag-Spielen mit Lewis Trondheim.

In Marokko recherchiert er für sein nächstes Buch, Habibi. Er dokumentiert Land und Leute, mit ihrem traditionellem Weltbild, in dem Ehen arrangiert werden und eine Frau ein Besitz ohne Wert darstellt. Gleichzeitig gilt die Familie als höchstes Gut – und das lässt Thompson hinterfragen, warum er seine so selten sieht.

Der Zeichner teilt mit seinen Lesern auch sein eigenes Elend: Vom Frieren in der Wüste über die Not mit schlechten Stiften bis hin zum Durchfall und der existenziellen Krise, ein unglücklicher Mensch zu sein. In solchen Momenten kommt er mit Zacchaeus ins Gespräch, seinem imaginären Maskottchen, Gewissen und Reisefreund, der ihm erklärt, er sei bloß weinerlich, egozentrisch und unfähig, das wahre Leid der Welt zu sehen – ein typischer Amerikaner eben.

Aber dieser Amerikaner hat eben auch Gefühle. Es ist eine sentimentalen Reise, auf die er seine Leser mitnimmt. In seinem Tagebuch macht er daraus keinen Hehl, wie er sich etwa nach seiner unglücklichen Liebe verzehrt und sich dann in Spanien bei einer Affäre mit einer hinreißenden Frau vertröstet. Thompson zeichnet das mal idealisiert, mal übertrieben selbstironisch, und zeigt bei aller innerer Zerrissenheit: Manchmal ist das Leben eines Comiczeichner dann doch nicht das allerhärteste.

>> Craig Thompson: Carnet de Voyage. New Expanded Edition 2018 (dt. Tagebuch einer Reise, Reprodukt 2005, alte Ausgabe).

Spuren auf Weiß

Was Comics können (Teil 7): Blankets von Craig Thompson
Carlsen

Carlsen

Craig Thompsons Blankets erzählt die Bildungsgeschichte eines Künstlers anhand von Decken. Gelungen ist ihm damit ein vielschichtiges Comic über das Erwachsenwerden, die Zwänge der Religion, die befreiende Kraft der Liebe und die Möglichkeiten der Kunst. Ein Interpretationsversuch.

Blankets – ein seltsamer Titel. In diesem Comic geht es fast 600 Seiten lang um Familie, Kindheit und eine Brüderbeziehung, Adoleszenz und Teenagerliebe, um Religion und Selbstfindung. Und dem Autor und Zeichner Craig Thompson fällt nichts besseres ein, als Blankets auf den Buchdeckel zu schreiben. Doch beim Lesen des Comics wird nicht nur der Sinn des Titels klar, der Titel eröffnet auch dem Buch einen tieferen Sinn. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum der Comic im Deutschen nicht „Decken“ heißt. Denn in Blankets steckt nicht nur die Adjektive flach oder leer, sondern auch das französische Wort blanc, weiß. Und das wiederum verweist auf die Motive des Comics. Aber eins der Reihe nach, fangen wir zuerst mit der wörtlichen Bedeutung an.

Es gibt zunächst zwei Decken in diesem Buch: Die eine ist die, die sich die Brüder Craig und Phil in ihrem gemeinsamen Kinderbett teilen. Genau genommen sind es mehrere Decken, vor allem wenn der lange und strenge Winter in Wisconsin einbricht und das schlecht isolierte Haus die Kinder nachts frieren lässt. Die Kinder zanken sich um die Decken, gehen einander auf die Nerven, doch als sie irgendwann getrennt schlafen dürfen, kriechen sie wieder zueinander ins Bett. Nicht nur weil es wärmer ist. Das Bett ist auch immer für Spiele gut, man kann so tun, als wäre es ein Boot und die Decke das Wasser – oder man macht daraus eine Höhle, in der man sich vor dem imaginären Regen verkriechen kann.

(mehr …)