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Erzähle einen Mythos, erschaffe eine Welt

Bild: Suhrkamp

Bild: Insel/Suhrkamp

Warum erzählt man Geschichten? Zur Unterhaltung, damit dem Menschen (dem Tier, das die Weltleere spüren kann) nicht langweilig wird. Aber auch, um Gemeinschaft zu bilden. Um Sinn zu stiften. Dafür gibt es Mythen über den Ursprung der Welt, Heldenepen und tragische Romanzen. Die Welt ist so viel spannender, so viel fassbarer als Big Drama. Isabel Greenberg hat mit Die Enzyklopädie der Frühen Erde ein Comic gemacht, mit der sie nicht nur eine eigene Welt erschafft, sondern auch gleich ihre Mythologie mitliefert. So ist ihr Buch vor allem eines über das Erzählen selbst.

Worum geht’s? Um einen Jungen aus dem kalten Nordland, der einst dreigeteilt und von drei Müttern aufgezogen wurde, der wieder zusammengesetzt wurde und dem dabei ein Stück Seele verloren ging. Also macht sich der Junge auf die Suche danach, um sich wieder vollständig zu fühlen. Seine Besonderheit: Er ist ein guter Geschichtenerzähler. Und diese Fähigkeit kann er gebrauchen, wenn er in seinem Boot von einer Fremde in die nächste gerät. Das Erzählen bewahrt ihn – wie einst Scheherezade – vor dem Tod, sie beschert ihm ein Auskommen, sie bringt ihm Freunde ein.

Geschichten schaffen Nähe

Am Ende jedoch (und dort beginnt das Buch) schafft das Geschichtenerzählen Nähe, wo sonst keine möglich ist: Der Junge verliebt sich am Südpol in ein Mädchen, dem er wegen einer geheimnisvollen Kraft nie körperlich nah sein kann. Also erzählt er ihr lauter Geschichten, in denen wiederum Geschichten erzählt werden. Das Buch reiht sich damit in die klassische Novellistik des Boccaccioschen Decamerons ein: Erzählen vom Erzählen, um eine Krisensituation zu überstehen. Geschichten können heilsam sein.

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Die romantische Zukunft der Literatur

Diskussion zum Erzählen der Zukunft im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Porombka, von Borries, Moderator Schumacher, Breitlauch, Brüggemann im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Vier Menschen sprachen am Sonntag beim Romantik-Festival in Frankfurt über die Zukunft des Erzählens – im Hinblick auf die von den Frühromantikern geforderte Universalpoesie. Doch leider konnten die Epigonen nicht den Anspruch des Abends einlösen, es mangelte an klaren Visionen und vor allem an romantischen Perspektiven.

Wenn es ein frühromantische Projekt schlechthin gibt, dann ist es das der Universalpoesie. Es ist wahrscheinlich der höchste Anspruch, der je an Literatur gestellt worden ist: Alles vereinend, allumfassend, „ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt“, schreibt Friedrich Schlegel, „der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig“ und wenn man noch Novalis Forderung hinzudenkt, dass die ganze Welt romantisiert werden solle, bedeutet das auch, dass alle Welt (universal-)poetisch werden soll. – Wow! Ein Wahnsinnsprojekt. Schlegel selbst gesteht in seinen Fragmenten ein, dass daraus nichts werden kann: „Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.“ Man kann damit nur scheitern, aber auch immer daran weiterarbeiten.

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