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Berliner Fragmente #42: Sudelbuch

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Ein Sudelbuch ist eine praktische Sache. Es ist eine Halde für alles Ge- und Erfundene, was nicht verloren gehen soll. Man nehme ein Buch oder Heft und schreibe einfach alles rein. Das chaotische Prinzip ist zwar bei der späteren Suche die Hölle, dafür ist wenigstens alles an einer Stelle versammelt: Aufgeschnappte Zitate, Anekdoten, Rezepte, kluge Einfälle oder Ideen für die Arbeit. Der Begriff stammt von Lichtenberg, Kurt Tucholsky hat sein Diarium, das er von 1928 bis 1935 führte, ebenso genannt. Darin sind rund 800 kurze Einträge versammelt, manchmal nur ein paar Worte lang. Vieles davon verwendete er in seinen Texten. Und analog zu seinen Schnipseln, die er in der Weltbühne veröffentlicht hat, finden sich im Sudelbuch weitere Sprach- und Gedankenfetzen, die sich bei der Lektüre als Fundgrube herausstellen.

Ein paar Beispiele:

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Berliner Fragmente #34: Schnipsel

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

In der Berliner Tucholskystraße gibt es eine Tucholsky-Buchhandlung und in der findet man ein Regal voll mit – Tucholsky. Allein das qualifiziert die Tucholsky-Buchhandlung zur besten in Berlin.

Kurt Tucholsky war ein Fragmentarist in unserem Sinne. Er nannte sie Schnipsel, 1925 begann er damit als Peter Panter in der Weltbühne. Die erste Sammlung ist gebettet in eine Art Rahmenhandlung. Zu Beginn heißt es:

Ich gehe auf die Reise, alles wird noch einmal durchsucht, geordnet, hin- und hergelegt. Der quadratische Wahnsinn hat mich erfaßt: wozu soll es gut sein, dass auf einmal alle Mappen, Bogen und Brief mit den Kanten aufeinanderliegen? – es ist wohl so eine Art Versuch, die leblose Materie zu beherrschen. Die Fensterläden werden verschlossen, die letzten Zettel fortgefegt. Auf dem Schreibtisch liegen Schnipsel, kleine Späne von Papier. Das soll der Abschied sein. Da sind sie.

Die Schnipsel sind nicht nur Aphorismen, Lebensweisheiten und Mini-Essays, auch findet sich darunter Anekdoten und Minimalerzählungen. Im Gegensatz zu den frühromantischen Fragmenten haben Tucholskys Schnipsel daher auch einen literarischen Zug, zudem handeln sie auch von Literatur, Literaten und  Literaturkritik, wodurch sie wiederum einen selbstreflexiven Charakter haben. Tucholsky wettert in seiner bewährten ironischen Art gegen Kollegen. „Ein Leser hats gut“, schreibt Peter Panter, „er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.“ Es geht auch satirisch zu, viele Schnipsel richten sich scharf gegen die Politik in Deutschland, gegen Nationalismus und Kommunismus, gegen Militarismus und die aufsteigenden Nazis. Die meisten Schnipsel erscheinen in den letzten Jahren der Weltbühne, 1930 bis 1932, bis auch Tucho für die Außenwelt verstummt. Dass die kurzen Texte sich selbst nicht ganz ernst nehmen, sich eher als beiläufige Erscheinung verstehen, ist bereits am Ende der ersten Sammlung zu lesen. Dort weist der Erzähler seine Diener an: „Fegen Sie die Schnipsel heraus –!“

Diese Offenheit für Themen und Formen, dieser Fundstückcharakter, diese Ironie sollen Vorbild sein für unsere emblematischen Fragmente.

Hier eine kleine Schnipsel-Anthologie:

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Berliner Fragmente #15: Form

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Emblematische Fragmente sind Fundstücke. Ihre leitenden Prinzipien sind Eindruck und Ausdruck: der erhaschte Augenblick, der Einfall des Reizes in die Sinne und die möglichst unmittelbare Resonanz des Geistes. Sie sind Treibgut, das man für wert befunden hat, es aufzulesen.

Das emblematische Fragment sollte so subjektiv wie möglich sein, aber auftreten, als wäre es allgemeingültig. Es sollte nie relativieren, sondern nur provozieren. Es ist gänzlich überflüssig, in Urteils- und Glaubensfragen zu betonen: ich denke, ich glaube, ich bin der Meinung dass … Es sollte sich von selbst verstehen, dass Urteile über Kunst und Geschmack sowie Glaube und Unglaube subjektive Kategorien sind. Ein Fragment entschuldigt sich nicht für das, was es ist. Ebensowenig sollte es der Fragmentarist tun.

Das emblematische Fragment ist offen für jedes Thema und jede Gattung. Es kann philosophisch, literarisch, journalistisch oder essayistisch sein. Es bedient sich beim Aphorismus und bei der Anekdote, bei der Glosse und der Kritik. Es kann aber auch eine bloße Liste sein. Wichtig ist, dass es auch aus einem oder mehreren Bildern besteht.

Das emblematische Fragment besteht aus Titel, Bild, These und Text. Alles, Beschreibung wie Argumentation, muss der Kürze unterworfen sein. Der Titel sollte nicht mehr als ein Wort umfassen, womit letztlich nicht mehr als das grobe Thema umrissen sein kann. Text und Bild bilden eine Einheit. Das eine soll das andere kommentieren. Das Bild darf nie nur den Text illustrieren oder gar zeigen, was man auch lesen kann, der Text darf nie nur beschreiben, was im Bild zu sehen ist. Im besten Fall sollen beide einander ergänzen und ihre jeweilige Bedeutung gegenseitig erweitern. Die These unter dem Bild, der erste Satz, bildet einen sentenzenhaften Einstieg, der zum Lesen des Textteils zwingt; der Text führt die These kurz aus, ohne sich in Details zu verlieren. Die einzige Ausnahme dürfen Listen sein; Listen können quantitativ und qualitativ zusammengestellt sein.

Berliner Fragmente #14: Kürze

Foto: Lukas Gedziorowski

Auspuff in Kreuzberg (Foto: Lukas Gedziorowski)

Es sollten wieder mehr Fragmente geschrieben werden. Die Kunst dieser Gattung währte nur kurz und war schon in ihrer vorläufigen Blüte vorbei. Danach kamen bloß Ideen, Aphorismen, Schnipsel und Miniaturen. Einige wenige schreiben Fragmente, ohne es zu wissen. Doch den meisten Texten fehlt das Bewusstsein dafür. Es braucht mehr Selbstreflexion, Literatur, Serialität und vor allem Mut zum Wagnis. Heutzutage gilt zwar nur das das Relativierte und Differenzierte als salonfähig, aber bei aller Differenzierung verliert sich die Notwendigkeit, die Wahrheit in einem Satz, einer Sentenz, einer steilen These auszudrücken sowie alle Abstufungen dieser auszublenden und stumm mitzudenken. Wo es doch getan wird, herrschen Gemeinplätze, Propaganda und Reklame.

Kürze ist gefragt: als Qualität des Ausdrucks. Man darf die Kürze und Eingängigkeit einer Phrase nicht mit Vereinfachung, Verlust oder gar Banalisierung verwechseln. Die Kunst besteht darin, eine Sache in wenigen Worten zu fassen und ihr immer noch gerecht zu werden, nicht alles, sondern das Wesentliche zu sagen.

Dass man das Ganze nie wird erfassen können, sollte einen nicht daran hindern, es anzustreben. Das Fragment ist kein Bruchstück des Ganzen und schon gar keine oberflächliche Erscheinung. Jedes Fragment ist eine Tiefenbohrung, bei der es darum geht, in möglichst viele Erdschichten vorzudringen und diese auszugsweise ans Tageslicht zu holen. Der Fragmentarist ist demnach zum einen Geologe. Er sollte sich nicht scheuen, sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Zum anderen ist er Bildhauer. Wer Kürze will, muss erst in aller Breite aufschreiben, was er sagen will. Dann muss er alles Überflüssige abtragen. Und schließlich – im schwierigsten Schritt – muss er so stark verdichten bis aus Kohle Diamanten werden.