fragmenteum

Berliner Fragmente #0

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Fragmenteum goes Berlin. Und wird fragmentarisch.

Das Projekt Romantik ist Fragment geblieben. Höchste Zeit, es zu vollenden. Das multimediale Internetzeitalter ist dafür prädestiniert; das Internet ist das, was dem Ideal der Universalpoesie am nächsten kommen kann. Das Fragmenteum soll seinem Anspruch nach seinen Beitrag dazu leisten, aber bislang war es noch nicht sehr fragmentarisch. Das soll sich nun ändern.

Da mich meine Lehrjahre temporär in die Fremde verschlagen, nutze ich die Zeit für ein experimentelles Projekt. Statt – wie in diesem Medium üblich – schnöde Diarismen oder Herzensergüsse, Reise- oder Erfahrungsberichte zu fabrizieren, versuche ich mich mit einer Serie in etwas anderen Form: Ich will sie die Berliner Fragmente nennen. Vier Wochen lang soll täglich (mindestens) ein Post erscheinen: mit einem Foto (schwarz-weiß, da so auch ein mäßiges halbwegs gehaltvoll erscheint) und einer Betrachtung, einer Anekdote, einer Kritik oder einer Liste – Hauptsache kurz. Die Reduktion ist die erste Auflage, die Serialität die andere für diese emblematischen Fragmente.

Als Zuspätgeborener kommt man immer in die Verlegenheit, sein Projekt rechtfertigen zu müssen – erst recht als verspäteter Berliner. Daher eine Klarstellung: Keine Sorge, liebe eingeborene Berliner und auswärtige Skeptiker: Das wird keine weitere Hauptstadtromantik. Für eine Ode oder Hommage ist mir die Stadt zu fremd. Erst recht ist es kein bemühtes Hauptsache-was-mit-Berlin-Ding eines Irgendwas-mit-Medien-Schaffenden. Die Berliner Fragmente sind nichts als ein Versuch, anderswo mal was anderes zu machen, es könnte auch Bielefeld sein. Also bitte, liebe Hipster, hasst mich nicht, weil ich erst jetzt herziehe. Ich komme nicht, um zu bleiben – versprochen. Nur vier Wochen, dann geht’s wieder zurück nach Frankfurt. Für alle die’s noch nicht gemerkt haben: Das ist ohnehin die nächste Hipstopolis. 😉

Zur Einstimmung ein kleiner Berlin-Sampler mit Lou Reed, David Bowie und Iggy Pop.

Manifest

Zum Beginn eine kurze Einführung: Was das mit Fragmenteum soll, warum es an den Geist der Romantik anknüpfen will und warum Friedrich Schlegel (1772-1829) der erste Blogger war.

Was ist das Posten, Twittern und Bloggen, heute anderes als ein permanentes Produzieren von Fragmenten? Flüchtige Bruchstücke, Verweise auf anderes, Andeutungen, Teile für das Ganze, die dabei zusammengenommen selbst ein Ganzes bilden – das All und schöpferische Chaos des Internets. Und jetzt auch noch dieses: Das Fragmenteum.

Obwohl die Tendenz des Zeitalters ein Produkt relativ junger technischer Möglichkeiten ist, liegt der geistige Ursprung in weiter Vergangenheit. Das Posten vorweg genommen haben die Frühromantiker um 1800, die mit ihrer Zeitschrift Athenäum bereits ähnliches, wenn auch noch in analoger Buchform, versuchten. Sie war ein Kollektivwerk, jeder brachte etwas aus seinem Fachgebiet mit, man vermischte Wissenschaft und Philosophie mit Poesie und Kunstbetrachtung (Kritik). Es ging um eine „Verbrüderung der Kenntnisse und Fertigkeiten“, wie es im Vorwort des ersten Bandes heißt. Man wollte „in Briefen, Gesprächen, rhapsodischen Betrachtungen und aphoristischen Bruchstücken“ Universalität schaffen. Und das alles sollte „unmittelbar auf Bildung abzielen“. Bildung war immer ganzheitlich gemeint: Nicht als Ausbildung, sondern als Herausbildung einer Persönlichkeit aus sich selbst.

Besonders deutlich wurde der Anspruch der Frühromantiker in den Fragmenten, eben jenen „aphoristischen Bruchstücken“.

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