garage rock

Entstaubtes Vinyl

ty segall mr face

Eigentlich kennt man Ty Segall, wenn man ihn überhaupt kennt, als einen Lo-Fi-Spezi, der wohl den dreckigsten Garage Rock spielt, den man sich vorstellen kann. Richtig schön schlicht, aber zuweilen auch radikal puristisch und zu heftig für zarte Trommelfelle. Jetzt hat er mit „Mr. Face“ eine EP vorgelegt, mit der er seinem Sound im Wesentlichen zwar treu bleibt, aber mit raffinierten Melodien und Arrangements für viel Abwechslung sorgt. So sind ihm vier tolle Rock-Songs gelungen, die das Rad zwar nicht neu erfinden, aber sehr erfrischend klingen: mal fetzige Kracher, mal langsam beschwingte Ballade. Akustische Gitarre trifft auf elektrische, trifft auf Flöte. Als hätte jemand mal den Staub von der alten Vinylplatte gewischt. Kann man ruhig ein paar Mal mit Genuss in Schleife hören.

Frohe Botschaften aus der Garage

kk-bbq-badnews

Versetzen wir uns in eine paradiesische Vorzeit, als die Welt zwar längst nicht mehr unschuldig war, aber die Popmusik ihre Unschuld noch nicht verloren hatte. Als man noch die pathetischsten Liebesbekenntnisse zu den infantilsten Melodien trällern konnte, ohne peinlich zu sein. Als Mädchen scharenweise dahinschmolzen, wenn sie ein paar Jungs Gitarre spielen oder mit den Hüften wackeln sahen. Als es nicht mehr als drei Akkorde und ein bisschen Mumm brauchte, um groß rauszukommen. Wenigstens ein bisschen, für kurze Zeit. In den 50ern war das bestimmt noch so. Und Anfang der 60er auch noch. Aber wann hörte das auf? Es muss wohl irgendwann Ende der 60er gewesen sein. Mehrere Daten könnte man als historische Wendepunkte nennen, ohne sich auf eines festlegen zu können. Die Popmusik wurde jedenfalls erwachsen, ließ Bärte sprießen, wurde ernsthaft, selbstgefällig und arrogant. Das ging so lange gut, bis ein paar Jungs sich Lederjacken anzogen und beschlossen, wieder Musik wie früher zu machen – schlicht und unprätentiös. Aber da war es zu spät für einen Schritt zurück. Die Musik, die eine alte sein wollte, war eine neue: Punk nannte man das …

In dieser Tradition stehen auch King Khan & BBQ Show. Die Zwei-Mann-Band spielt den feinsten Garagen-Rock, rau und ungestüm, mit polterndem Minimalbeat und zwei fetzenden Gitarren. Nach sechs Jahren Pause (!) haben sie mit Bad News Boys ihr viertes Album vorgelegt – und es klingt wie die übrigen drei. Und das heißt: genauso gut. Schon der Opener „Alone Again“ ist eine flotte Sehnsuchtsballade mit einer Haltung, wie sie seit den 50ern nicht mehr zu hören war. Doo-Wop trifft auf Beat und Punk – so lässt sich der Stil vielleicht am besten beschreiben. Zu „Buy Bye Bhai“ lässt sich herrlich schwofen, wie man sich das bei seinem Abschlussball vorgestellt hat. Der Rest der Songs schwankt zwischen überdrehter Lebensfreude und straightem, tanzbarem, melodischem Rock. Bis auf zwei anstrengende Ausfälle in wüstes Geschrei macht das Album einfach nur Spaß und beweist mit jedem Hören mehr Ohrwurmqualität. „When Will I Be Tamed?“, fragen die beiden in einem dieser rauen Kracher. Hoffentlich niemals.

King Khan & BBQ Show strafen alle Väter Lügen, die behaupten, so eine Musik wie damals werde gar nicht mehr gemacht.

(Hinweis: Der legendäre King Khan – sein Name werde geheiligt – hat zuletzt auch zwei ansehnliche Solo-Alben in digitaler Form sowie ein Album mit den Shrines vorgelegt. Ansonsten sollte man ihn vor allem live erlebt haben.)

Zurück aus der Versenkung

Totgesagte leben länger. Wer hätte je gedacht, noch einmal etwas von den legendären Sonics zu hören? Nach drei Alben (1966-1967), von denen allerdings nur zwei der Rede wert sind, verschwanden sie in der Versenkung. Immerhin hatten sie Musikgeschichte geschrieben: Mit Songs wie „The Witch“, „Psycho“ und „Strychnine“ sowie legendären Coverversionen wie „Have Love Will Travel“ begründeten sie den Garage Rock, der sich in den 70ern zum Punk Rock entwickelte. Nun, nach 48 Jahren, wollen die Überbleibsel der Band ein neues Album rausbringen. Im März soll es soweit sein. Bis dahin können sich die Fans mit einem neuen Song begnügen. „Bad Betty“ ist ein Rockstück alter Schule, allerdings fehlt der rücksichtslos raue Lo-Fi-Sound der 60er … Dennoch freuen wir uns auf mehr. Besser als das letzte, stinklangweilige Pink Floyd-Album wird es allemal.

Neues vom King

king khan murder burgers & turkey ride

King Khan ist der Größte. Wer sonst schafft es, zwei Bands anzuführen, nebenbei Soloprojekte zu machen und bei allem geniale Musik hervorzubringen? (Und jetzt sage bloß keiner Jack White!) Im vergangenen Jahr hat King Khan mit seinen Shrines nach langer Pause ein großartiges Album herausgebracht. Vielleicht das beste der Band. Jetzt legt der King nach mit einigen neuen Singles und zwei Alben, die digital erschienen sind: Turkey Ride und Murder Burgers (mit den Gris Gris). Beide kann man sich kostenlos im Netz anhören und für je schlappe acht Euro herunterladen (oder gar verschenken). Die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Wie immer bietet King Khan seine eigenwillige Mischung aus Garage Rock und Soul, zum Abtanzen, Schwofen oder gemütlichem Rumhängen mit andächtigem Lauschen.

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Der vinylgebannte Wahnsinn

Before Punk: Garage Rock

Mitte der 60er ging eine Bombe hoch: Die British Invasion erreichte die USA und inspirierte unzählige Jungs, Bands zu gründen und sich auf ihre musikalischen Wurzeln zurückzubesinnen. Der Sound des Primitiven, Aggressiven, Subversiven wurde weiterentwickelt im Garagenrock, dem direkten Vorfahren des Punk Rocks. Der Versuch einer Einführung.

Der Wirbel auf der Snare klingt wie ein Maschinengewehr. Es folgt ein schneller, sehr angepisster Zwölftaktblues, die Gitarre hämmert ihre Powerchords stakkatohaft zusammen mit einem Saxophon. Man kann den Sound nicht anders als dreckig nennen, fast schon Gewalt für die Ohren – zumindest Mitte der 60er Jahre. Und dann schreit der Sänger seinen Text heraus, es geht um ein fieses Weibsstück. Das ist „The Witch“, die erste Single der Sonics, einer jungen Band aus Tacoma, Washington. Ende 1964 kam sie heraus; erst im August hatten die Briten The Kinks ihr „You Really Got Me“ herausgebracht. Und in gewisser Weise knüpften die Sonics genau da an: Hart, schnell, laut – wenn auch noch um einiges lauter, wütender. Schluss mit Liebeserklärungen, das ist eine Hasstirade, eine Warnung.

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Aus dem Keller in die Charts

Before Punk: British Invasion

Die Musik-Revolution aus den USA, Rock and Roll genannt, währte nicht lange. Um 1960 wurde es still, die Aufregung schien vorüber. Doch in Großbritannien fiel der Samen auf fruchtbaren Boden. Bands wie die Beatles und die Rolling Stones lösten die „British Invasion“ aus. Die Musik fand zu einer neuen Härte und subversiven Kraft. Es folgten mehrere Meilensteine auf dem Weg zum dem, was man später Punk Rock nennen sollte. Dabei spielte das Vorbild „Louie, Louie“ eine wesentliche Rolle …

Ein Hit musste her. Die Kinks, eine junge Band aus England, standen unter Druck. Es hatte nicht gereicht, Little Richards „Long Tall Sally“ nachzuspielen, auch die selbstgeschriebene Plänkel-Ballade im Beatles-Stil „You Still Want Me“ hatte nicht zum erhofften Durchbruch verholfen – beide Singles floppten, erreichten nicht einmal die Charts. Die Plattenfirma Pye verlor die Geduld und drohte: Wenn jetzt kein Hit kommt, fliegt ihr raus. Also setzte man sich ins Studio und tüftelte an Songs herum. Im August 1964 kam die dritte Single heraus: „You Really Got Me„. Das schlug ein. Und wie.

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Hunde, Obst und surfende Vögel

Before Punk: Elvis und Co.

Was ist Punk Rock? Anarchie und Aggression, Reduktion und Subversion. Ein Blick zurück in die Rock-Geschichte zeigt, dass das alles bereits in den 50ern und frühen 60ern Jahren seinen Ursprung hat. Am Anfang war Elvis.

Niemand weiß zu sagen, wann genau der Punk Rock erfunden wurde. Ebensowenig wie der Rock and Roll. Doch klar ist, dass Punk Rock auf dem Garagen-Rock aufbaute und dieser im Rock and Roll seine Ursprünge hat. Und vielleicht, wenn man ein Datum suchen müsste, vielleicht wäre ja der 5. Juni 1956 ein heißer Kandidat. Denn an diesem Tag spielte der 21-jährige Elvis Presley zum ersten Mal den Song „Hound Dog“ im Fernsehen, in der Milton Berle Show. Die Szene ist legendär, man kennt sie in der Kurzfassung spätestens aus dem Film Forrest Gump. Sie wirkt unschuldig und wird vielleicht auch belächelt. Ein Junge mit Schmalztolle und zu großem Sakko, der an einem Mikrofon herumhampelt, während seine dreiköpfige Combo in Anzügen eine simple Musik spielt – was soll daran bitte Punk, Revolution sein? Man muss versuchen, diese Szene durch die Brille der 50er Jahre zu sehen: Eine spießige Nachkriegsgesellschaft, angsterfüllt, ja paranoid, dass an jeder Ecke Kommunisten und andere Staatsfeinde lauern. Ein Junge, der im Fernsehen mit den Hüften wackelt und Rhythm and Blues singt, wirkt schnell gemeingefährlich.

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