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Frankfurter Fragmente #12: Labsaal

Der ästhetische Reiz des Verfallenen liegt wohl vor allem darin, dass es eine Geschichte mit sich trägt. Wer Ruinen besichtigt, wähnt sich als Zeitreisender, als ein Archäologe, der die Vergangenheit anhand der Relikte rekonstruiert. Man muss für eine solche Reise nicht zu antiken Stätten fahren, sogenannte Lost Places gibt es auch bei uns, mitten in der Stadt.

Der Labsaal war einst die erste Mensa auf dem Campus Bockenheim der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seit Jahren ist sie geschlossen, das Gebäude wurde noch zum Teil für Seminare oder als Archiv genutzt. In einigen Jahren soll es abgerissen und durch einen Neubau für Büros und Wohnungen ersetzt werden. Doch zunächst soll es in einigen Wochen als Notunterkunft für Flüchtlinge dienen. Bis dahin werden die ehemaligen Speisesäle zu Bettenlagern hergerichtet.

Ein Rundgang durch das geräumte Labsaal-Gebäude ist eine Entdeckungsreise ins vergangene Jahrhundert.

Zwischen Fakt und Fiktion

Ein Werkstattgespräch mit der Comic-Künstlerin Barbara Yelin an der Goethe-Uni.

Barbara Yelin und Bernd Dolle-Weinkauff

Barbara Yelin und Bernd Dolle-Weinkauff (Foto: Lukas Gedziorowski)

„Der Start meiner Arbeit muss eine gute Frage sein, die mich für Jahre begleitet“, sagt die Comic-Künstlerin Barbara Yelin. Im Fall ihres jüngsten Werkes war es die Frage: Wie kann es sein, dass eine junge Frau, die sich nach Freiheit sehnt und gesellschaftlich aufsteigen will, in Nazideutschland eine Kehrtwende macht und zur Wegschauenden und damit passiven Akteurin wird? Gestoßen ist Yelin auf diese Frage, als sie vor Jahren die Tagebücher und Briefe ihrer Großmutter gefunden hat. „Ein sehr widersprüchlicher Lebenslauf“ habe sich ihr dargeboten, sagt die Autorin und Zeichnerin. Aus diesem Rohmaterial hat Yelin schließlich „Irmina“ gemacht, einen Comic, in dem sie nicht etwa die Biografie ihrer Großmutter nacherzählt, sondern sie als Vorlage für die fiktionale Geschichte einer Frau in der Nazi-Zeit in Deutschland benutzt. Die vier Jahre Arbeit, die Yelin investiert hat, haben sich gelohnt: „Irmina“ wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der „Tagesspiegel“-Jury zum „Comic des Jahres 2014“ gewählt.

Wie Geschichte im Comic erzählt wird, wie Fakt und Fiktion zusammenwirken oder auch auseinanderfallen, darum ging es am vergangenen Wochenende in einem Symposium an der Goethe-Universität, das vom Institut für Jugendbuchforschung veranstaltet wurde. In einem Werkstattgespräch am Samstagabend führte Barbara Yelin das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Freiheit und Historie aus: Auch wenn sie versuche, authentisch zu arbeiten, handle es sich immer um eine Konstruktion, sagte sie. Es ist ein gängiges Verfahren. Obwohl man eine fiktive Geschichte erzählt, fühlt man sich, sobald man sie in einen historischen Kontext setzt, auch den Fakten verpflichtet. Das Erzählen zwischen Fiktion und Historie ist eine Gratwanderung zwischen den Ansprüchen an Glaubwürdigkeit und Dramaturgie.

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Auf der Suche nach Romantik und Poetik

Unscharfe Romantik

Drei Abende Romantik und einen Abend Daniel Kehlmann – unser Autor hat sich in dieser Woche die volle Dröhnung Poesie gegeben. Doch leider waren die Erträge gering, die Romantik im Literaturhaus kam zu kurz, auch nach Poetik musste man suchen.

„Was wir suchen, ist alles.“ – Ein hoher Anspruch für ein Literatur-Festival. Aber auch ein naheliegender, denn immerhin geht es um Romantik, also die Epoche und Geistesströmung, in der es nicht um weniger ging: Universalpoesie, progressiv und transzendental,  jeder mit jedem, alles mit allem – und davon bitte nicht zu knapp – eierlegende Wollmilchsäue. Aus dem Projekt wurde nix, nix als lauter Trümmer, Angefangenes ohne Ende, ein Haufen Papier und eine deutsche Affäre, die bis heute nachwirkt. Aber gut – genug der Geschichtsstunde, wir schauen nach vorne, Romantik heute, jawoll, es geht mal wieder um alles, also alles bitte noch mal von vorn, jetzt aber richtig.

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Stress ohne Ende

Kommt noch was? - Tony Soprano

Kommt noch was? – Tony Soprano

Serien sind potenziell unendlich. Doch eines Tages müssen sie aufhören. Das birgt zwei Gefahren: Zum einen, dass das Ende zu früh kommt. Zum anderen, dass es unbefriedigend ist. Über diese Paradoxie hat der Kulturwissenschaftler Frank Kelleter an der Goethe-Universität in Frankfurt gesprochen und zwei besonders krasse Beispiele für Enden von Fernsehserien gezeigt.

ACHTUNG! (Kleine) SPOILER für Lost und The Sopranos !!!

The Sopranos sind eine Serie über Stress“, sagt der Kulturwissenschaftler Frank Kelleter und fügt hinzu, dass dies für viele zeitgenössische Qualitäts-Serien gelte. Und zwar in einem doppelten Sinn: Zum einen leiden die Protagonisten an Stress in Beruf und Familie (Tony Soprano genauso wie Walter White), zum anderen leiden die Zuschauer vor ihren Fernsehern mit. „Fernsehen kann zur Arbeit werden“, sagt Kelleter. Das sogenannte binge viewing, eine weit verbreitete Praxis unter Serienjunkies, bezeichnet eine Rezeption „bis zur Erschöpfung und darüber hinaus“.

Aber woher kommt diese Tendenz? Eine Erklärungsmöglichkeit ist die Spannung, die Serien im Verhältnis zu ihrem Ende haben. „Sie träumen von potenziell unendlicher Fortsetzung“, so Kelleter. Das Problem ist, dass es beim Zuschauer immer eine „vorausgreifende Gesamtvorstellung“ gibt, die mit der Erwartung eines abschließenden und befriedigenden Endes verbunden ist. Über dieses stressige Spannungsverhältnis hat Kelleter, Professor für Nordamerikanische Kultur an der Freien Universität Berlin, am Mittwoch an der Goethe-Universität gesprochen. Unter dem Titel „die Teile und ihr Ganzes im Seriellen Erzählen“ beschrieb er auch zwei prominente Beispiele für Serien-Enden: Lost und The Sopranos.

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Der Turmfall zu Frankfurt

Davor …

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Dabei …

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Danach …

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(Die Geschichte dazu gibt’s hier.)

Zehn Sekunden

Abschied vom AfE-Turm in Frankfurt am Main
AfE-Turm (Foto/Collage: leg)

AfE-Turm (Foto/Collage: leg)

Ein Hochhaus in Frankfurt wird gesprengt. Und alle Welt schaut hin. Warum? Weil der AfE-Turm, ein ehemaliges Gebäude der Goethe-Universität, nicht irgendein Gebäude ist. Er ist eine Projektionsfläche für verschiedene Interessen. Daher scheiden sich an ihm die Geister. Manche jedenfalls. Für die meisten Zuschauer dürfte allein die Sensation zählen. Ein Rückblick auf die jüngste Rezeption und ein Ausblick.

Rund 40 Jahre lang hat der AfE-Turm in Frankfurt gestanden, seit einem halben Jahr wird er zerlegt, seit Wochen ist die Sprengung der Überreste geplant und beschlossen, seit Tagen ist sie auch genehmigt und am Sonntag, gegen 10 Uhr, wird in zehn Sekunden alles vorbei sein. Zehn Sekunden – so lange wird voraussichtlich die Sprengung des ehemaligen Hochhauses der Goethe-Universität dauern. Und doch, wenn man sich den medialen Zirkus ansieht, der veranstaltet wird, verwundert es, wie viel Aufmerksamkeit dieses hässliche graue Entlein in der sonst so schicken Frankfurter Skyline bekommt.

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Trümmer-Romantik

Am 2. Februar wird der AfE-Turm in Frankfurt am Main gesprengt. Rund 40 Jahre lang beherbergte das 116 Meter hohe Gebäude die Fachbereiche der Psychologie, sowie der Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität. Seit April ist es geschlossen, seit Juli läuft der Abriss. Ein letzter Rundgang vor dem Ende.

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