Jeff Lemire

Das Mittel gegen Einsamkeit

Jeff Lemire: Trillium (2013-2014)

Vertigo

Das Jahr 3797. Die Erde ist nicht mehr, die Menschen sind über das All verstreut, ein intelligenter Virus namens The Caul rafft sie dahin, nur noch wenige leben. Ein Mittel gegen die Seuche sind die weißen Trillium-Blumen. Die Wissenschaftlerin Nika versucht, Kontakt zu einer Alienspezies aufzubauen, um an die Blumen heranzukommen. Beim Erstkontakt wird bekommt sie eine Blüte zu essen und tritt in einen Tempel, der sie in den Amazonas des Jahres 1921 bringt. Sie trifft auf den britischen Schatzsucher William Pike. Der ehemalige Soldat hat einen Angriff von Ureinwohnern überlebt, als er den Tempel erreicht. Die beiden können sich zunächst nicht verständigen. Dann aber bringen sie dank Trillium ihre Geister zusammen. Später, nachdem der Tempel zerstört ist, kommt es zu einem mysteriösen Rollentausch: Nika wird zur Forscherin im Jahr 1921, wo sie für verrückt erklärt wird, während William in der Zukunft landet.

Mit Trillium entwickelt sich Jeff Lemire – nach Sweet Tooth – weiter in Richtung Science Fiction. Statt in vertrauter ländlicher Umgebung erschafft er diesmal eine eigene Welt im All: mit Aliens, Raumschiffen und Künstlicher Intelligenz. Und auch wenn diesmal eine Frau zur Heldin wird (gleichberechtigt mit dem Helden), bleibt er seinen Themen treu. Wieder geht es bei Lemire um Einsamkeit und ihre Überwindung: Nika wurde als Kind zuerst von ihrem Vater getrennt, dann hat sie ihre Mutter ans All verloren (vgl. Essex County und The Underwater Welder, wo ebenfalls Elternteile sterben, in Lost Dogs sind es Frau und Kind). Doch auch William ist traumatisiert, da er im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, er lebt in einer unglücklichen Ehe und fühlt sich einsam. Er war nach dem Krieg in einer Anstalt, während Nika nach ihrer Zeitreise ebenfalls in eine eingewiesen wird.

Vertigo

Die Mini-Serie ist raffiniert gemacht: Die beiden parallelen Erzählstränge sind in unterschiedlichen Stilen koloriert, die erste Heftausgabe musste man sogar umdrehen, um den zweiten Strang lesen zu können. In der Paperback-Ausgabe geht der Effekt zwar verloren, trotzdem muss man auch hier das Heft mehrmals auf den Kopf stellen, weil die Leserichtungen wechseln, besonders im fünften Kapitel, wo sich beide Stränge über jeweils eine Seitenhälfte erstrecken, der zweite steht Kopf, am Ende muss man das Heft umdrehen, um die Geschichte von William zu lesen. Die Panelanordnung ist horizontal gespiegelt.

Die Handlung geht rasant voran und schlägt einige interessante Wendungen. Dabei bleiben die beiden Protagonisten leider hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das Ganze will eine Romanze sein, aber – wie Nika es auch selbst sagt – es überzeugt nicht, wenn die zwei nur einige Stunden zusammen verbringen und sich am Anfang nicht einmal verständigen können. Trotzdem fühlt sich William ihr sehr stark verbunden und nicht mehr allein. Vielleicht liegt es an der Geistesverschmelzung – Trillium wird zum Allzweckmittel, auch gegen Einsamkeit. Aber für den Leser bleibt leider nicht viel Zeit, die Entwicklung nachzuvollziehen. Als Abenteuer ermöglicht Trillium dennoch eine spannende Erfahrung.

>> Jeff Lemire: Trillium, Vertigo 2013-2014. (Keine deutsche Ausgabe.)

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Wenn der Mensch zum Tier wird

Jeff Lemire: Sweet Tooth (2009-2013)

Vertigo

Nachdem Jeff Lemire sich mit Essex County und The Nobody einen Namen gemacht hatte, bekam er seine eigene Serie bei Vertigo: Sweet Tooth. Darin erzählt er von einer Dystopie: Die Menschheit wurde von einer mysteriösen Seuche dahingerafft, nur wenige haben überlebt, darunter sind einige Kinder, Hybridwesen zwischen Mensch und Tier. Einer von ihnen ist Gus, ein Neunjähriger mit Hirschgeweih und -ohren. Er lebt allein im Wald mit seinem Vater, der ihm alles beigebracht hat, was er zum Überleben brauchte, darunter die Regel: Verlasse nie den Wald.

Nachdem der Vater tot ist, zieht Gus doch in die Welt hinaus. Angelockt von Schokolade trifft er auf Jepperd, einen schießwütigen, verbitterten Einzelkämpfer, der ihn zu einem Rückzugsort für Kinder wie ihn mitnimmt, beschützt ihn vor lauter wilden Mutanten und Menschen. Und weil Gus gerne Schokolade isst, bekommt er den Spitznamen „Sweet Tooth“. Doch am Ziel angekommen ist alles anders als gedacht … Es stellt sich die Frage: Sind die Mutanten ein Nebenprodukt der Seuche oder ihr Ursprung?

Sweet Tooth wurde einst auf die Formel „Mad Max meets Bambi“ gebracht. Tatsächlich ist da was dran: Es ist die typische postapokalyptische Welt, in der es an allem mangelt, vor allem Moral, und in der der Mensch nur etwas wert ist, wenn er zur Tauschware wird (vor allem Frauen). Ansonsten aber zählt nur das Überleben, dafür geht man über Leichen, jeder ist sich selbst der Nächste, Misstrauen herrscht, denn der andere könnte eine Gefahr sein. Und die Bambi-Anspielung trifft auch ein wiederkehrendes Thema bei Lemire: der Tod der Eltern.

Vertigo

Die Hybrid-Thematik verleiht dieser Welt jedoch eine interessante Komponente. Hierfür bedient sich Lemire – wie schon The Nobody – erneut bei H.G. Wells, in dem Fall zitiert er die Die Insel des Dr. Moreau. Mit dem Verlust der Gesellschaftsordnung werden Menschen wieder zu Tieren – das stimmt in dem Fall auch buchstäblich, wobei die wahren Tiermenschen einerseits die Opfer sind (eingesperrt und abgeschlachtet werden), andererseits die Keimzelle für eine neue Gesellschaft, die die Seuche übersteht. Lemire lädt die Hybride noch mythologisch auf, indem er sie mit indianischen Göttern in Verbindung bringt. Indem sie an die chimärenhaften Götter der Antike erinnern, nimmt es ihnen ihre Monstrosität.

Es geht äußerst grausam und brutal zur Sache, aber auch äußerst spannend. Die Handlung treibt unermüdlich voran, bietet starke Wendungen und viele emotionale Höhepunkte. Lemire schont seine Charaktere nicht, lässt sich aber zwischendrin genug Zeit, um ihnen Tiefe zu verleihen und auch den furchtbarsten Schurken Menschlichkeit zu entlocken, einige werden sogar zum Guten bekehrt. Das führt aber dazu, dass die Mutanten-Kinder, allen voran der Titelcharakter, zwischendurch in den Hintergrund geraten. Nicht nur, dass die Erwachsenen handlungstragender sind und ausführlicher behandelt werden, auch scheint es, als würde der Autor zwischendurch vergessen, dass es sich um Kinder handelt. Es wird kaum erwähnt, dass die Kinder traumatisiert sind von der Gefangenschaft und der Gewalt, die sie mitansehen müssen.

Vertigo

Gewalt wird zu einer Notwendigkeit, die jeder zu akzeptieren scheint. Auch Gus, obwohl er eigentlich Vegetarier ist, weil er von seinem Vater gelernt hat, dass man kein Tier töten darf. Trotzdem wird er zweimal zum Mörder in Notwehr, einmal sogar gegen ein anderen Hybriden. Gewissensbisse plagen ihn nur kurz. Als später ein Schurke hingerichtet werden soll, erhebt Gus seine Stimme dagegen. Doch dann lässt er diesen in die Kälte verbannen – verletzt und ohne Jacke im Schnee wird er dem sicheren Tod preisgegeben. Das macht es aus moralischer Sicht nicht wirklich besser.

Trotz dieser Schwächen ist Sweet Tooth reich genug an Rätseln, interessanten Situationen und Figuren, aber auch ausdrucksstark und zuweilen auch experimentell gestaltet. Traumsequenzen koloriert Lemire selbst mit Wasserfarben, er spielt mit verschiedenen Seitenarchitekturen, lässt manchmal zwei Erzählstränge auf jeder Seite parallel laufen, einige Rückblenden werden von talentierten Gastzeichnern wie Matt Kindt gestaltet, die sich wunderbar ins Gesamtbild fügen, und einige Passagen in ruhigeren Kapiteln werden sogar überwiegend in Prosa erzählt und die Bilder dienen am Rand der reinen Illustration.

Insgesamt ist Sweet Tooth ein aufregender Trip, der nie langweilig wird. Keine der 900 Seiten ist zu viel.

>> Jeff Lemire: Sweet Tooth, 40 Ausgaben, 6 Paperbacks, Vertigo 2009-2013; dt. Panini 2012-2014.
>> Deluxe Edition (Hardcover/Paperback 3 Bde.) 2015-2016

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Trauerbewältigung in der Tiefsee

Jeff Lemire: The Underwater Welder (2012)

Ein Taucher im Dilemma: Jack Joseph liebt seinen Job als Unterwasser-Schweißer auf einer Ölplattform, offenbar ist er lieber da als bei seiner hochschwangeren Frau. Als ihm bei einem Unterwassereinsatz sein toter Vater erscheint, stirbt er fast selbst. Doch weil ihn die Vision nicht in Ruhe lässt, geht er dem Rätsel nach. Schon der Vater ist Taucher gewesen, an Land schaute er gerne zu tief ins Glas und eines Tages kam er im Meer um. Jack sucht in der Vergangenheit nach Hinweisen, er träumt von ihm und verliert sein Zeitgefühl. Gleichzeitig entfremdet er sich immer mehr von seiner Frau.

Schließlich bricht Jack erneut in die Tiefsee auf. Als er wieder auftaucht, hat er, was er immer wollte: er ist absolut allein, die Stadt ist menschenleer, nicht einmal Möwen sind noch zu sehen. Allerdings kommt er auch nicht mehr von dort weg. Dann bekommt er Gelegenheit, seine Kindheit aufzuarbeiten …

The Underwater Welder ist eine Mystery-Story, die nicht ihren Schauer aus Effekthascherei betreibt. Alles dient der Psychologie ihres Helden. Im Grunde geht es um Trauerbewältigung. Jack muss mit der Vergangenheit fertig werden, um für die Zukunft mit seiner Familie bereit zu sein. Es ist eine Parabel auf die Angst vor der Vaterschaft und dem Verlust der Unabhängigkeit. Jack ist kein Familienmensch, er meidet seine Mutter, er hängt an seinem Vater, der ihn einst hängengelassen hat. Zugleich wird Jack mitverantwortlich für den Tod des Vaters.

Jeff Lemire ist erneut eine zutiefst menschliche Story gelungen, in der die Charaktere glaubhaft als verletzliche Figuren erscheinen. Lemire inszeniert seine Geschichte in bildgewaltigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und spannenden Seitenarchitekturen, die den Blick auf Details wie Tropfen legen, Momente dehnen und sogar Zeit und Raum in Frage stellen. Leider hat der deutsche Verleger die visuelle Komponente völlig ignoriert und das Buch im Kleinformat nachgedruckt – eine verbreitete Unart und ein herber Verlust, auch was den Lesekomfort angeht.

>> Jeff Lemire: The Underwater Welder, Top Shelf 2012; dt. Der Unterwasser-Schweißer, Hinstorff 2017.

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Jagd auf einen Unsichtbaren

Jeff Lemire: The Nobody (2009)

Vertigo

In  einem Dorf taucht ein Fremder auf, mit bandagiertem Kopf und Schutzbrille. Er nennt sich John Griffen, wohnt allein in einem Hotel, tut keinem was, aber in einem Dorf ist gerade das ein Problem. Denn ein Fremder, der anders ist und Rätsel aufgibt, gibt auch Anlass zum Misstrauen. Eine junge Frau, die in einem Diner arbeitet, bringt ihm Essen, freundet sich mit ihm an. Sie findet heraus, dass er Chemiker ist, einen Unfall hatte, an einer Formel arbeitet. Schnell wird klar: Er ist ein Unsichtbarer und hat noch ein weiteres dunkles Geheimnis.

Der Unsichtbare wird paradoxerweise umso sichtbarer, je mehr er sich um Abgeschiedenheit bemüht. Manche Dorfbewohner sind skeptisch, ja sogar feindselig. Keine Nichtigkeit ist ihnen zu gering, um es zum Vorwand zu nehmen: Ein flüchtiger Rempler wird zur Anzeige gebracht. Der Sheriff ist vernünftig genug, dem nicht nachzugehen, doch als plötzlich eine Frau verschwindet, ist der Fremde sofort der Hauptverdächtige und es kommt zu unglücklichen Missverständnissen.

Jeff Lemires The Nobody ist eine gelungene Adaption von H.G. Wells Roman The Invisible Man (dt. Der Unsichtbare), allerdings nimmt sich der Autor viele Freiheiten heraus. Der Held ist keineswegs ein Mad Scientist, der die Welt mit Terror beherrschen will, sondern einer, der für das Gute arbeitet und Opfer der Umstände wird. Er sieht sich lieber alte Filme im Fernsehen an, wird aber auch zum Mörder. Das Finale ist weitaus persönlicher – und auch glücklicher. Lemire schafft es mit reduziertem Stil (schwarz-weiß mit einem blassen Blauton) eine einerseits intime, andererseits paranoide Atmosphäre zu schaffen, die zur Tragödie führt.

>> Jeff Lemire: The Nobody, Vertigo 2009, dt. Panini 2013.

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Only the Lonely

Jeff Lemire: Essex County (2008-2009)

Top Shelf

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, absolut allein zu sein: verloren in der Menge oder in totaler Isolation. Das sagt Lou, der ehemalige Eishockey-Spieler. Der alte Mann spricht aus Erfahrung. Entzweit mit seinem Bruder lebt er allein in der Großstadt und fährt Straßenbahn, bis er eine dritte Möglichkeit kennenlernt: sein Gehör zu verlieren. Jahre später sitzt er als Greis einsam auf der Veranda seines Farmhauses und ihm bleiben nichts anderes als Schnaps und Erinnerungen. Schmerzhafte Erinnerungen an Unglück, Fehler und selbstgewählte Isolation.

Jeff Lemire lotet in seiner Essex-County-Trilogie viele Möglichkeiten der Einsamkeit auf dem kanadischen Land aus: Da ist der junge Lester, der seine Mutter an den Krebs verloren hat und nun mit seinem Onkel auf einer Farm lebt. Sie finden nicht zueinander, der Junge flüchtet sich lieber in Superhelden-Fantasien, rennt mit Maske und Cape herum und schaut sich alleine Hockeyspiele an, auch wenn der Onkel gerne mit ihm schauen würde. Lester verbringt lieber Zeit mit dem Tankstellenwart Jimmy – doch das gefällt dem Onkel gar nicht, denn es reißt alte Wunden auf …

Und dann ist da noch die Altenpflegerin, die sich um Lou kümmert. Sie lebt allein mit ihrem erwachsenen Sohn, für den sie vergeblich Frühstück macht, weil er sich nicht für sie interessiert. Man lebt aneinander vorbei. In ihrem Radio singt Roy Orbison „Only the Lonely“ – der Soundtrack ihres Lebens. Durch die Krankenschwester verknüpfen sich die Erzählstränge und Familienbande, denn alle Figuren in Essex County hängen miteinander zusammen.

Jeff Lemire schlägt mit seiner Trilogie einen großen Bogen, der sich immer mehr als Familiensaga herausstellt. Er beschreibt eine potenziell idyllische ländliche Szenerie, durchsetzt mit lauter traurigen Charakteren. In wenigen Worten und spärlichen Strichen erscheinen sie lebensnah, glaubwürdig und bemitleidenswert. Aber trotzdem schafft Lemire es, positive Wendungen für sie zu finden, ohne sentimental zu werden. Verbindendes Element ist die kugelköpfige Krähe, die über allem hinwegfliegt und den Helden – über Jahre hinweg – Mut macht und Hoffnung einflößt. Auch sie ist allein, aber sucht sich stets Gesellschaft der Menschen, auch wenn sie zuweilen vertrieben wird. Zugleich nimmt der Leser ihre Perspektive ein: die des unbeteiligten Beobachters, der von Geschichte zu Geschichte fliegt und mal aus der Vogelperspektive, mal aus nächster Nähe das Geschehen verfolgt. Lemire schafft kunstvolle Übergänge zwischen den Sequenzen: Da wird eine Gabel im Brei mit einem Pflug enggeführt.

Die Menschen in Essex County leiden unter der Einsamkeit, weil sie nicht zueinander finden können, sei es wegen ihres Stolzes, wegen Scham oder aus Angst. Und wenn sie die Nähe suchen, werden sie zurückgewiesen, verletzt. Es ist eine zutiefst menschliche Erzählung von existenziellen Nöten, die jeder kennt. Ein großes Lesevergnügen, das so stark einnimmt, dass man es nur schwer weglegen kann. Essex County gehört damit in eine Reihe mit Comic-Meisterwerken wie Blankets.

>> Jeff Lemire: The Complete Essex County, Top Shelf 2009, dt. Geschichten vom Land, Edition 52 (2010), Geister Geschichten (2011), Die Krankenschwester (2012).

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Schwarz, weiß, roh

Jeff Lemire: Lost Dogs (2005)

Top Shelf

Jeff Lemire ist derzeit überall. In Superheldencomics. Im Graphic Novel-Segment. In eigenenen Serien wie Black Hammer. Beim Comic-Salon in Erlangen hat er jüngst seine eigene Werkschau bekommen. Kurz: Der kanadische Autor und Zeichner ist gerade ziemlich angesagt – und wie immer viel beschäftigt. In einer kleinen Reihe möchte ich zurückschauen auf einige seiner bisherigen Werke, denn Lemire gehört zu den interessantesten seiner Zeit.


24 Comicseiten in 24 Stunden. Die Herausforderung des Comic-Gurus Scott McCloud hat der junge Jeff Lemire angenommen. Einfach draufloszeichnen, ohne groß zu planen. Es wurden mehr als 24 Seiten. Fast 100. Aber das Ziel war keineswegs verfehlt: Am Ende hatte Lemire sein erstes Comic gezeichnet: Lost Dogs. Die erste Auflage war noch selbst verlegt, kaum einer wollte etwas davon wissen, aber es war der Anfang einer Karriere.

Lost Dogs ist rau, roh und ungeschliffen. Die Farben: schwarz, weiß und rot. Rot wie die Streifen des Hemds, das der Held trägt. Rot wie das Blut, das hier fließt. Die Story ist brutal und archaisch. Eine dreiköpfige Familie wird auf der Straße überfallen, die Frau wird vergewaltigt, die Tochter sinnlos umgebracht, der Mann – obwohl sehr groß und breit – wird zusammengeschlagen und ins Meer geworfen. Nachdem ihn eine Schiffsbesatzung aus dem Wasser fischt, wird er von einer zwielichtigen Gestalt dazu gebracht, bei gegen einen Champion beim Faustkampf anzutreten. Als Gegenleistung soll er erfahren, wo der namenlose Held seine Frau findet. Doch dann kommt einiges anders, als man denkt …

Obwohl der heutige Comic-Allrounder damals noch nicht ganz seinen Stil etabliert hatte, viel unruhiger, fast hektisch sind noch die Striche, wird doch schon deutlich, wohin die Entwicklung später gehen wird. Die Geschichte beginnt auf einer Farm – ein beliebtes Setting für Lemire, der selbst vom Land kommt. Der sanfte, wortkarge Riese, der in Rage versetzt zur Gewalt gezwungen wird – auch dieses Motiv sehen wir später in Werken wie Essex County und Roughneck.

In den beiden Vorworten, eins davon von Lemire selbst, ist die Rede davon, wie unausgereift und fehlerhaft Lost Dogs ist. Vielleicht waren es diese niedrig gesetzten Erwartungen, aber der Comic überzeugt durch seine Sprödnis und Schlichtheit. Es ist eine archaische Form für eine archaische Story, die irgendwann in der Vergangenheit spielt, aber völlig unbestimmt und daher zeitlos ist.

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Schurken im Ruhestand

Dark Horse

Der Name klingt einfallslos und bescheuert: Sherlock Frankenstein? Das hört sich nach einer dreisten Kreuzung zwischen Meisterdetektiv und Scharlatan an, nach Trashfilm und literarischer Leichenfledderei. Aber man sollte nicht nach Titeln urteilen. Tatsächlich ist das kein Comic für jeden, sondern nur für Leser von Black Hammer, der Offbeat-Superhelden-Serie von Jeff Lemire und Dean Ormston. Denen dürfte Sherlock Frankenstein als einer der Erzschurken bekannt sein. Und aus der Reihe der Helden, die sich ohnehin wie Frankensteins Monster aus Teilen ihrer Vorgänger zusammensetzen, sticht ein Sherlock Frankenstein nicht heraus. Doch die Mini-Serie, die jetzt als Paperback erschienen ist, ist mehr als ein Spin-off.

Anders als der Titel vermuten lässt, ist Lucy Weber die Heldin der Geschichte. Die Tochter des Superhelden Black Hammer sucht nach ihrem Vater. Der ist bei einem Schlag gegen den Oberschurken Anti-God zusammen mit anderen Helden verschwunden, alle halten ihn für tot, aber Lucy glaubt nicht daran. Beweise hat sie keine, aber eben so ein Gefühl.

Dass das Gefühl nur zum Teil stimmt, weiß man, wenn man die ersten zwei Bände von Black Hammer gelesen hat. Hier aber erfährt man mehr über ihre Suche nach der Wahrheit. Die junge Reporterin spricht mit einer Reihe von Schurken – und es sind einige Kuriositäten dabei. Der Riese im Schutzanzug „Mectoplasm“, der düstere Joker-Verschnitt „Grimjim“, der Halb-Oktopus-Halb-Klempner „Cthu-Lou“, die Frau in Rüstung „Metal Minotaurus“. Erst am Ende hat Sherlock Frankenstein, ein Unsterblicher aus dem viktorianischen England, seinen großen Auftritt.

Auch wenn die Schurken im Ruhestand als die größten Freaks erscheinen, erweisen sie sich als mindestens genauso menschlich wie ihre Gegner. So bizarr sie auch wirken mögen, am Ende sind sie auch nur einsame, desillusionierte, frustrierte und zutiefst tragische Charaktere.

Was Black Hammer so interessant macht, ist, dass die Superhelden und -schurkenzeit vorbei ist. Hier geht es nicht mehr um den Kampf zwischen Gut und Böse. Hier geht es darum, wie man mit dieser Vergangenheit und ihrer Nachwirkung fertig wird. Es sind ganz alltägliche Probleme: die eine hat einen gelähmten Körper, der andere findet keinen Job, weil er wie ein Monster aussieht, außerdem leidet er unter einer unglücklichen Ehe. Der einst heldenhafte, einst schurkische Sherlock will das Vergangene ruhen lassen, aber Lucy will nicht aufgeben. Und so bringt sie in ihm wieder die guten Absichten hervor, die er einst hatte.

Gezeichnet wird das Abenteuer nicht von Black Hammer-Stamm-Künstler Dean Ormston, sondern von David Rubín, der ihn zwei Ausgaben vertreten durfte. Dessen Figuren heben sich ab, weil sie deutlich überzeichneter, ja cartoonhafter gestaltet sind, mit größeren Augen und ausladenderen Gesichtsausdrücken. Dadurch wikt der Stil etwas schriller als die sonst ruhigere Hauptserie. Das ist zum Teil gewöhnungsbedürftig, weil die Geschichte dadurch etwa an Ernsthaftigkeit einbüßt, aber es schmälert nicht das Lesevergnügen, denn Autor Jeff Lemire bleibt auch hier ein begnadeter Erzähler mit einem feinen Gespür für seine Charaktere.

Sherlock Frankenstein zeigt die andere Seite von Black Hammer, es baut diese sonderbare Welt aus, bereichert sie um eine neue Perspektive und erlaubt es den Lesern, tiefer ins Geschehen einzusteigen. Im Oktober erscheint das US-Paperback zu einem weiteren Helden, Doctor Star; auf Deutsch bringt Splitter die Mini-Serie 2019 heraus.

>> Jeff Lemire/David Rubín: Sherlock Frankenstein and the Legion of Evil, Dark Horse 2018. (dt. bei Splitter am 1.9.2018)

Farm der Helden

Es heißt, er sei The Hardest Working-Man in Comics. So nannte ihn jedenfalls vulture.com Ende 2017. Es geht um Jeff Lemire, den kanadischen Autor und Zeichner. Gerade mal 42 Jahre alt, gerade mal 13 Jahre im Geschäft und schon so ziemlich auf jedem Gebiet und bei jedem großen Verlag Eindruck hinterlassen. Mit Autorencomics (Graphic Novels) wie Essex County, The Underwater Welder und Roughneck, mit Serien wie Sweet Tooth, Descender und Royal City. Und mit Mainstream-Superhelden für DC und Marvel: Von Animal Man bis Green Arrow, von Hawkeye bis Moon Knight. Kurz: Ein unglaubliches Arbeitspensum.

Jeff Lemire liebt Comics jeder Art, wie er zuletzt im Tagesspiegel bekannte. Und er liebt Superhelden. Deshalb hat er seine eigenen geschaffen: Die Serie Black Hammer (zwei Bände auf Deutsch im Splitter-Verlag erschienen) ist eine Hommage an die Goldene Zeit der Helden aus der Perspektive der trüben Gegenwart, die von Resignation und Stagnation geprägt ist. Sechs einst stolze Überwesen, die die Welt vor kosmischen Bedrohungen gerettet haben, stecken auf einer Farm im Nirgendwo fest – und können aus einem mysteriösen Grund nicht weg. Der Held Black Hammer ist beim Fluchtversuch bereits gestorben, nur sein Hammer ist übriggeblieben.

Es ist schwierig, nach 80 Jahren Superhelden-Historie noch wirklich originelle Charaktere zu schaffen. Jeff Lemire umgeht das, indem er seine Protagonisten als klare Anspielungen anlegt: Der Anführer Abraham Slam erinnert an Captain America und Superman, sein Name lässt an Slam Bradley denken. Black Hammer ist eine Art Thor. Das Mädchen Golden Gail ist die Umkehrung von Shazam (Captain Marvel): Einst eine Frau, die durch das Zauberwort Zafram zum Supermädchen wurde, steckt sie nun im Körper eines Kindes fest. Der rote Marsianer Barbalien ist mit seinen formwandlerischen Fähigkeiten an Martian Manhunter angelegt, mit dem Unterschied, dass er sich als schwul outet.

Und dann sind da noch der Roboter Walky Talky, die Hexe Madame Dragonfly und den Raumfahrer Colonel Weird, der durch seinen Aufenthalt in der seltsamen Zwischendimension Para-Zone verrückt geworden zu sein scheint. So unterschiedlich sie sind, sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind gestrandet, alt und frustriert. Sie tarnen sich als Familie auf der Farm und fallen doch auf, weil sie meist unter sich bleiben. Aber auch das verschont sie nicht vor Konflikten.

Während Walky vergeblich versucht, Sonden in ihr Paralleluniversum zu schicken, bemüht sich allein der alte Abraham, das Beste draus zu machen und mit den Nachbarn anzuknüpfen. Er bandelt mit einer Kellnerin an und zieht damit den Ärger ihres Ex-Mannes auf sich, der unglücklicherweise auch noch der Sherrif ist.

Black Hammer erinnert an andere melancholische Superhelden-Abgesänge wie Watchmen oder JSA: The Golden Age, in denen einem verlorenen Goldenem Zeitalter hinterhergetrauert wird, aber schafft es, mit seinem Setting und seinen traurigen Charakteren starke eigene Akzente zu setzen. Das einstige Superheldenteam wird zur Familie wider Willen und erweist sie sich als dysfunktionale Gemeinschaft. Gail ist frustriert, weil sie wie ein Kind aussieht und zur Schule muss, Barbalien ist frustriert, weil er seine Sexualität nicht ausleben kann, und sucht die Nähe zu einem Pfarrer. Was mit Weird los ist, scheint nicht einmal er selbst zu wissen. Auf Madame Dragonfly lastet ein alter Flucht – aber das könnte man auch über alle anderen sagen.

Black Hammer steckt voller Rätsel und Spannungen. Die Story wird nur langsam entwickelt. Im ersten Band (die ersten sechs Kapitel) führt Lemire vor allem seine Charaktere ein, jedem einzelnen widmet er ein Kapitel. Erst im zweiten Band nimmt die Handlung Fahrt auf, als Black Hammers Tocher plötzlich auftaucht und auch die Spannungen sich entladen …

Mit Black Hammer kehrt Jeff Lemire auch wieder in das Landleben zurück, das er bereits mit Essex County sehr eindringlich geschildert hat. Hier wird sie zur trügerischen Idylle in einer kargen Landschaft, über der ständig graue Wolken hängen und Krähen kreisen. Es ist eine klaustrophobische Enge, die in den Zeichnungen von Dean Ormston inszeniert wird. Es ist tatsächlich eine Welt, der man sich nur schwer entziehen kann.

>> Jeff Lemire/Dean Ormston: Black Hammer, 2. Bde. Splitter Verlag 2018.