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The Dead Don’t Die: Zombies lieber ruhen lassen

The Dead Don't Die

Die tapferen Polizisten von Centervillle (Bild: Focus Features)

Jedes Genre hat seine Zeit. Eine ganze Weile waren Vampire in Mode, zeitgleich mit den Zombies. Aber nach neun Staffeln The Walking Dead und fünf Staffeln Fear the Walking Dead, dazu unzähligen anderen Serien und Spielfilmen wirkt das Genre ziemlich am Ende. Aber wie schon bei Only Lovers Left Alive am Ende der Vampir-Blütezeit kam, ist auch mit dem Zombies erst alles gesagt, wenn Jim Jarmusch seinen Beitrag dazu geleistet hat.

Jetzt also The Dead Don’t Die. Auf den ersten Blick ist alles klassisch: Eine Kleinstadt-Kulisse, die Toten knabbern die Lebenden an und die Lebenden werden zu Zombies. Hemmungen müssen fallen, damit Köpfe abgetrennt werden können. Doch dann ist vieles ganz anders, als man es kennt: Die Zombies sehnen sich nicht nur nach Menschenfleisch, sondern auch nach dem, was sie als Lebende mochten, zurück, wie Kaffee und YouTue. Die Helden sind drei gutmütige Polizisten (Bill Murray, Adam Driver, Chloe Sevigny), die schon beim Anblick von Leichen überfordert sind, aber genauso sehen wir vielen anderen Bürgern beim Kämpfen zu: Tilda Swinton spielt eine Bestatterin, die sich als ebenso kompetent mit Schminke wie mit dem Samurai-Schwert erweist, aber einer wie der Tankstelleninhaber und Dorfnerd Bobby kann sich auch dank bester Zombie-Film-Kenntnisse nicht retten.

Das ganze mischt Jarmusch mit Umwelt- und Sozialkritik: Die Zombies stehen auf durch Fracking an den Polkappen, das das Magnetfeld der Erde durcheinander bringt, Steve Buscemi spielt einen fiesen Farmer, der laut der Aufschrift seiner Mütze, Amerika wieder weißer machen möchte, aber dann doch Konversation mit einem schwarzen Mitbürger (Danny Glover) hält und sich gegen politisch inkorrekte Zweideutigkeiten absichert, nachdem er sagt, der Kaffee sei ihm zu schwarz. Der Einzige, der heil aus der Sache rauskommt, ist einer, der sich von Anfang an von allem fernhält: Einsiedler-Bob (Tom Waits). Wer naturverbunden lebt und sich vor Menschen und Konsum hütet, der ist auch vor den Ausgeburten des Unheils sicher.

Jim Jarmusch hat bereits in seinem Vampirfilm Only Lovers Left Alive sozialkritische Statements eingestreut, als er die Vampire im geisterhaft leeren Detroit residieren und weitgehend unmodern leben ließ. Hier aber fügt er noch einige Gags auf Meta-Ebene hinzu: Adam Driver erkennt den Sturgill-Simpson-Song „The Dead Dont’t Die“ als Titelmelodie des Films, außerdem weiß er, dass alles böse enden wird, weil er das ganze Drehbuch gelesen hat. Überhaupt weiß er gut über Zombies Bescheid und nebenbei trägt er einen kleinen Sternenzerstörer aus Star Wars als Schlüsselanhänger – eine Anspielung auf seine Schurkenrolle als Kylo Ren in dem Franchise. Doch Jarmusch macht aus all dem nicht mehr, es bleiben bloß Anlässe für Gags.

Bei all dem, was typisch für Jarmusch ist, die lakonischen Dialoge und die Situationskomik, gelingt es ihm nicht, aus all dem ein stimmiges Ganzes zu fügen. Der Film hat mehr Action und Figuren als andere Jarmusch-Werke, er steckt voller direkter und verstecker Referenzen, aber mittendrin gehen ihm die eigenen Ideen aus und es läuft auf ein typisches Gemetzel-Finale hinaus, bei dem auch die Ironie in Albernheit umschlägt, aber viele Neben-Erzählstränge nicht aufgelöst werden.

Damit fügt Jarmusch anders als mit seinem Vampirfilm dem Zombie-Genre keinen substanziellen Beitrag hinzu, sodass am Ende nur die Erkenntnis bleibt: Was tot ist, sollte man lieber ruhen lassen, wenn man es nicht wirklich wiederbeleben kann.

Untote Hedonisten

olla1

Der amerikanische Independentfilm gilt als tot. Schlechte Zeiten für Autorenfilmer wie Jim Jarmusch. Und dennoch hat er es geschafft, innerhalb von vier Jahren einen neuen Film zu drehen. Dass es Jarmusch für Only Lovers Left Alive ins Vampirgenre verschlagen hat, könnte man in Zeiten der (abflauenden) Twilight– und True Blood-Hysterie fast opportunistisch nennen. Als wäre der Independentfilm nur möglich, wenn er einen Kompromiss mit dem Mainstream schlösse. Und doch wäre Jarmusch nicht Jarmusch, wenn er nicht einen ganz massenunkompatiblen Film gedreht hätte. Hier beweisen die Vampire, dass der amerikanische Independentfilm doch nicht so tot ist – bestenfalls untot.

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