Journalismus

Münchner Fragmente #4: Presse

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten. Man muss sie nur mitkriegen, aufschnappen und festhalten. Manchmal liegen sie auf der Straße. Dann muss man sie bloß aufheben. Sind sie zerstückelt, kann man sie selbst zusammensetzen. Dann ergeben sich manchmal auch ganz neue Geschichten:

Australier stürzt von Zeltbalkon. Ehemann droht mit Bombe. Münchens Loch im Bundestag. Hier ist alles drin. Ganz normaler Wahnsinn.

Frankfurter Fragmente #11: Pressekonferenz

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Die Frankfurter Verkehrsgesellschaft lädt zur Pressekonferenz ein. Es geht um den Ausbau des Mobilfunknetzes in U-Bahn-Tunneln. Eigentlich eine gute Sache. Ebenso gut gemeint ist auch der Pressetermin. Treffen am U-Bahn-Steig, Station Hauptbahnhof. Dann: Einstieg in eine U-Bahn. Sonderzug. Modern, alles vom Feinsten. Nur für die Presse. Viele Kollegen sind gekommen, alle Medien sind vertreten. Sitze wurden mit Holzplatten zu Tischen umfunktioniert, auf denen Getränke und Häppchen serviert werden. Auf den ersten Blick scheint es klar: Wo wäre eine Pressekonferenz über U-Bahnen besser aufgehoben als in einer U-Bahn? Aber nach der Logik müsste man Pressekonferenzen zum Thema Krieg in Panzern abhalten.

Und als ebenso unpraktikabel erweist sich der Termin in der Bahn: Manche sitzen, die meisten stehen. Die, die stehen, müssen sich immer wieder gut festhalten, während die Bahn sinnlos durch die Stadt kurvt, mal abbremst und mal anfährt. Ein Kameramann wird gleich zu Beginn fast umgeworfen. Zu sehen gibt es nichts. Wenn einer am anderen Ende spricht, kann der am anderen Ende vor lauter Rauschen und Quietschen des Zuges kaum etwas verstehen. Wer eine Flasche in der Hand hält, kann nicht schreiben und sie auch nur schwerlich abstellen, ohne dass sie umstürzt. Da hilft es auch nicht, dass der VGF-Sprecher beteuert, man habe den besten Fahrer verpflichtet. Am Ende gibt es Häppchen, doch noch bevor alle übers Buffet herfallen können, hält der Zug wieder am Hauptbahnhof und weil man sich die Chance nicht entgehen lassen will, steigt man schnell wieder aus. Man kann ja nie wissen, wann sie wieder dort ankommen wird.

Und schließlich bleibt die Erkenntnis: Es geht nichts über schnöde Konferenzräume mit Stühlen, Tischen und Ruhe hinter geschlossenen Türen. In diesem Fall hätte es eine Pressemitteilung aber auch getan.

Frankfurter Fragmente #8: Meinung

Lautstarke Meinungsbekundung (Foto: Lukas Gedziorowski)

Lautstarke Meinungsbekundung (Foto: Lukas Gedziorowski)

Das Schönste an Meinungen ist, dass jeder eine haben kann – auch mangels Ahnung. Das Allerschönste ist, dass jeder sie auch äußern darf – auch wenn er ein Idiot ist. Das Dumme an Meinungen ist, dass sie stark auseinandergehen – und sogar sich widersprechen. Das Dümmste ist aber, wenn dann einer meint, die Meinung des Anderen, sei so falsch, dass sie verboten gehöre.

Ich schrieb vor kurzem, dass ich einen Film nicht mochte. Und dann bekam ich zurück: Frechheit! Ich hätte wohl Verdauungsprobleme. Oder ich schrieb, dass ich mit der jüngsten Frankfurter Poetikvorlesung nichts anfangen konnte. Dann schnappte gleich einer ein, gab sich empört und kam mir mit Bücherverbrennung (ich verstehe das auch nicht). Beide Kommentatoren haben neben ihrer Hypersensibilität noch etwas gemeinsam: Sie verweisen auf die Meinung der anderen, derer, deren Meinung sie teilen. Der eine auf den Erfolg des Films an den Kinokassen, der andere auf das Lob der Feuilletons. Meine Meinung zählt nicht, solange es andere gibt, die einem genehmer sind. Ja, mehr noch: Meine Meinung ist offenbar so falsch, dass sie kein Recht hat, geäußert zu werden.

Ich habe vor einigen Wochen bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Lügenpresse“ erlebt, wie einer sagte, er lese nur Zeitungen, in der er seine eigene Meinung wiederfinde. Das ist bemerkenswert, weil ich bis dahin gedacht hatte, dass man Zeitung liest, um etwas Neues zu erfahren, nicht nur im Sinne von Nachrichten, sondern auch im Sinne von anderen Standpunkten. Aber manche suchen offenbar bloß Selbstbestätigung. (Fragt sich nur, wozu man dafür Zeitungen kaufen muss.) Und wenn man sie bei einem Autor nicht findet, wenn der sogar noch eine Mehrheitsmeinung vertritt, oder noch schlimmer die der Herrschenden, dann muss er wohl gekauft sein oder sich nicht trauen, „die Wahrheit“ zu sagen. Auf jeden Fall ist er – für solche Leser – unglaubwürdig.

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Frankfurter Fragmente #3: Lügenpresse

Pegida-Demo am 21. April 2015 in Frankfurt am Main (Foto: Lukas Gedziorowski)

Pegida-Demo am 21. April 2015 in Frankfurt am Main (Foto: Lukas Gedziorowski)

Wer von der „Lügenpresse“ spricht, ist an der Wahrheit nicht interessiert. Daher wird jemand, der an dem Begriff festhält, auch durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen sein. Wer „die Medien“ pauschal als Lügner beschimpft, ignoriert die unzähligen Fälle, in denen sie „die Wahrheit“ dargestellt oder gar aufgedeckt hat. Er unterliegt dem alten Denkfehler, ein Vorurteil zu fassen und dann Belege dafür zu suchen. Es sind Menschen, die von den Medien erwarten, dass sie die Ansichten ihrer Leser wiederspiegeln. Dabei sollten aufgeklärte Menschen daran interessiert sein, ihren Horizont zu weiten, indem sie sich mit anderen Perspektiven beschäftigen. Aber den Kritikern der „Lügenpresse“ geht es nicht um Aufklärung, sondern um ihre Abschaffung.

Hinter dem Begriff der „Lügenpresse“ steckt nur scheinbar der Anspruch auf Wahrheit. Das Streben danach sollte man aber nicht den Journalisten überlassen, sondern den Philosophen. Der Anspruch auf allgemeingültige Objektivität wäre Anmaßung. Daher kann der Journalist bestenfalls einen Ausschnitt der Realität liefern – und das immer nur aus wenigen Perspektiven, die immer geprägt sein werden durch seine eigene. Dass die meisten Informationen dabei wegfallen, dass sich die Welt nicht in einem Bericht, einer Reportage, einem Leitartikel – nicht einmal in einer Zeitung – erklären und auf einfach Formeln runterbrechen lässt, liegt im Wesen der Sache. Deshalb kündet die Pressevielfalt von ihrer Freiheit. Den Kritikern der „Lügenpresse“ geht es um Vereinfachung in Extreme und Feindbilder.

Medien sind wie Kommunikation per se unzulänglich und fehlerhaft. Das macht die Menschen, die sie bedienen, nicht grundsätzlich zu Lügnern. Handwerkliche Fehler können passieren wie überall, nur ist der Anspruch an die Medien ein höherer als in anderen Handwerken – und zwar uneinlösbar. Die Einsicht in den Irrtum schafft Erkenntnisse, um sich verbessern zu können. Medien leben daher von der Kritik und dem Diskurs. Seltsamerweise sind allerdings die fleißigsten Leser und Kommentatoren der „Lügenpresse“ jene, die sie als solche bezeichnen. Sie sind aber nicht deren Korrektiv, sondern ihre Negation.

Wer die Medien als „Lügenpresse“ angreift, greift auch die Meinungsfreiheit an. Das ist nicht nur ein Phänomen der Rechten, sondern auch der Linken. Interessanterweise wurde der Begriff gerne von denen benutzt, die selbst die größten Lügen in die Welt setzten. Wer in Deutschland nach Jahren der unfreien Presse und der Propaganda zweier Diktaturen immer noch über die „Lügenpresse“ schimpft, ist an Freiheit nicht interessiert, sondern nur an dem Diktat seiner eigenen Meinung. Das macht die Gegner der „Lügenpresse“ zu Feinden des Grundgesetzes und zu Volksverhetzern.

Wer von „Lügenpresse“ spricht, will auch keine „wahre Presse“. Daher ist solchen Menschen nichts entgegenzusetzen. Alle Mühe der Argumentation, der Vernunft und der Kritik wäre vergebens. Man kann sie nur ignorieren – und hoffen, dass ihre Borniertheit nicht allzu ansteckend ist.

Aus dem Leben eines Schreiberlings

Foto: Lukas Gedziorowski

Steinesammler bei den Blockupy-Protest am 18. März in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Der Journalismus steckt in einer doppelten Krise: In einer ökonomischen und einer der Glaubwürdigkeit. Mal steht man im Verdacht, von Kapitalisten gekauft, mal „linksversifft“ zu sein. Mal wird zu viel, mal zu wenig berichtet. Wie man’s macht – man scheint es keinem recht machen zu können. Oder jedenfalls nicht allen. Muss man auch nicht. Aber immer öfter verlangen verschiedene Interessengruppen, dass die Presse ihren Zwecken dienen müsse. Das ist ebenso anmaßend wie sinnfrei. Vier Erfahrungen eines Lokaljournalisten in Frankfurt am Main.

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Kürze für Eilige

Der Internetleser ist bekanntlich ein scheues Reh. Langweilige oder – noch schlimmer – lange Texte schrecken ihn ab, er macht sich davon, sobald ihn etwas anstrengt oder über Facebook der nächste YouTube-Schwachsinn leichte, kurzweilige Unterhaltung bietet. So jedenfalls die Theorie. Denkt man das zu Ende, haben wir es mit stammelnden Kretins zu tun, die alles überfordert, was länger als ein Tweet ist.

Manche Nachrichtenseiten arbeiten deshalb daran, das Lesevergnügen zu optimieren, das heißt: sich noch kürzer zu fassen. Auf Süddeutsche.de findet man seit einiger Zeit statt eines Teasers eine Zusammenfassung in vier Stichpunkten vor jedem Artikel, der ein „hartes Thema“ wie Politik oder Wirtschaft behandelt. Im Ressort Kultur verlässt man sich noch auf den guten alten Teaser. Da traut man dem Leser offenbar noch Interesse und Geduld zu.

Nun hat auch Spiegel Online einen ähnlichen Service eingeführt. „Wenig Zeit? Am Textende gibt’s eine Zusammenfassung“, steht jetzt zwischen Anlese und Haupttext längerer Texte (auch hier zunächst bei der Politik). Doch ein Mehrwert erschließt sich nicht: Bei dem Bericht über das Ende des Edathy-Prozesses liest, kann man dann unten lesen, was auch schon in der Anlese steht. Ähnlich ist es bei dem Text über die Bundeswehr-Ausbildung der Peschmerga: bis auf ein Zitat gibt es da nichts, was man nicht schon aus dem Teaser erfahren hätte. Für den, der sich die Mühe gemacht hat, sich durch den Text durchzukämpfen, wirkt das Fazit am Ende wie ein redundanter Wink mit dem Zaunpfahl. Man sollte seine Leser nicht für allzu blöd halten. Es gibt ja immer noch die andere, nie ganz auszuschließende Möglichkeit und Hoffnung: Manch einer könnte sich auf eine Nachrichtenseite verirren, um tatsächlich etwas über das Weltgeschehen erfahren.

Hauptsache alles drauf

nightcrawler

Wer würde schon einen Dieb einstellen? Niemand. Deshalb muss der Dieb auf selbständiger Basis arbeiten. Aber der Dieb braucht auch Hehler. Ein Metalldieb wird auf dem Schrottplatz sein Zeug los. Der Sensationsgeier beim Fernsehen. Der Film Nightcrawler zeigt eine solche Karriere, vom Metalldieb zum Lieferant von Filmmaterial, das von Tatorten und Unfallstellen stammt. Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) ist unser Antiheld, ein seltsamer Einzelgänger und ein Versager, aber alles andere als dumm. Man fragt sich, warum er es zu nichts gebracht hat, bei so einer schnellen Auffassungsgabe. Aber er ist wohl ein Spätzünder, der sein Talent erst spät entdeckt.

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Bild holt die Stimmung ab

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„Gefällt mir“ war gestern. Bild.de wagt mal was Neues, indem es seinen Lesern differenziertere Urteile abverlangt. Nun können sie Artikel danach bewerten, welche „Stimmung“ die Beiträge bei ihnen hervorrufen: Lachen, Weinen, Wut, Staunen und „Wow“ – unterschieden mit den Farben Gelb, Blau, Rot, Violett und Pink. Bild traut seinen Lesern offenbar nur fünf Gemütszustände zu, wobei nicht klar ist, was der Unterschied zwischen Staunen und Wow sein soll (ist „wow“ nicht ein Ausruf des Erstaunens?). Und welche Stimmung mit „Lachen“ gemeint ist, bleibt auch offen: Freude, Humor, Häme, Schadenfreude? Ebenso viel Unterschiedliches kann hinter Tränen stecken. Und was ist mit Angst? Was ist mit Zuversicht? Genugtuung? Rachgelüsten? Ignoranz? Das alles scheinen Bild-Leser nicht zu kennen. Oder die Bild traut seinen Lesern eine so große Bandbreite an Reaktionen nicht zu.

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Kurze Sätze gefährden die geistige Gesundheit

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, jenes ehrwürdige Blatt deutscher Traditionalisten, das, weil es keine neuen Abonnenten gewinnen kann, wenigstens seine Stammleserschaft zu pflegen versucht, indem es immer wieder den Niedergang der westlichen oder wenigstens der deutschen Kultur verkündet, beklagt in ihrer heutigen Ausgabe – genauer gesagt in der Glosse des Feuilletons – den Niedergang des Schachtelsatzes. Der Häppchen-Logik folgend stünden „derzeit“ – respektive heutzutage oder in dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt, daß es die letzte sei) – wohin der Leser auch blicke, also „überall“, nur noch knappe Sätze. Statt Adjektiven, Substantiven und Passivkonstruktionen gebe es nur noch starke Verben und Stummelsyntax, und um das am besten zu veranschaulichen bemüht die Frankfurter Allgemeine Zeitung (kurz: FAZ genannt) den guten alten Thomas Mann, der für seinen steifärschigen Schachtelstil bekannt, berühmt, berüchtigt und gefürchtet ist.

Man nimmt also einen langen Satz – beispielsweise aus den nobelgepreisten Buddenbrooks – und zerhacke ihn in seine Einzelteile, schon sollte auch dem dümmsten Leser klar werden – und davon hat die FAZ (wenigstens dem eigenen Anspruch nach) nicht viele -, dass hier Schindluder mit der Sprache getrieben wird, dass das Kurze gut ist für die Dummen aber schlecht für die FAZ-Leser, gemäß dem Motto, dass man das Bedeutende, das Wichtige, sprich Gewichtige, an seiner Schwere erkennt, während das Simple mit seiner geradezu lachhaften Unterkomplexität die Gesundheit des Geistes gefährde, weil die Welt nun mal komplex sei und man das auch mindestens ebenso komplex (am besten komplexer!) ausdrücken müsse, weil dann nämlich niemand etwas versteht und sich jeder seins dabei denken kann und sich die wenigen, die sich da durch mühen, am Ende aufatmen und triumphal herausrufen können: geschafft! – Einfach kann ja jeder.

Und der Leser, welcher bis hier dieses aufgeblasene Geschwätz durchgehalten hat, wird das sofort einsehen, ein FAZ-Abo abschließen, um sich folglich täglich mit einem Wälzer von Zeitung zu kasteien, der seine Leser mit hochtrabenden Bandwurmsätzen zu erwürgen droht und das auch noch für einen Beitrag zur Erhaltung der Sprachkultur sieht, als eine Art intellektuelle Bürgerwehr gegen die Barbarei der einfachen, klaren und anschaulichen Sprache, die unsere Kinder verrohen und nur noch auf Steinzeitniveau in verstümmelten Sprachfetzen twittern und whatsappen lässt. „Dagegen muss etwas getan werden“, schreibt die FAZ in aller Kürze – und klingt dabei so banal und primitiv wie bleilastige Snobs an ihren Stammtischen nur klingen können.

Berliner Fragmente #33: Druck

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Tonnenschwere Papierrollen, unzählige Druckplatten, hallenfüllende Maschinen, Berge von Makulatur und eine ausgeklügelte Logistik – und das alles nur, damit Menschen mit Informationen versorgt werden. Was für ein immenser Aufwand betrieben wird, um Zeitung herzustellen, wird in der Druckerei deutlich. So perfekt ausgeklügelt und reibungslos das System ist, so anmutig der Ablauf in der Fabrik erscheint, im Internetzeitalter wirkt das Herstellen von Druckplatten, die man mit Farbe bestreicht und auf Papier abrollt, so antiquiert wie die Gutenberg-Presse. Eigentlich Wahnsinn, dass das immer noch getan wird. Aber der Mensch liebt das Papier. Und wer jemals eine frischgedruckte Zeitung in den Händen hielt, übers Papier strich und den Duft einsog, kennt diesen heiligen Moment, etwas Neues zu berühren. Der Genuss der Zeitung ist wie der von frischem Brot, außer dass die Zeitung auch noch frisch wirkt, wenn sie eigentlich von gestern ist.